Die akustische Harmonie der Welt

13.11.2020. Die Harmonie der Welt existiert zwar in der äußeren Realität nicht. Sie ist eine Utopie, wie ein Wunschtraum. Eine als Dauerzustand unerfüllbare Sehnsucht, wie die Sprache der Musik. Kühle Denker interessieren sich nur schwach dafür. Junge Leute verschleiern damit ihre eigene Sprachlosigkeit. Oder nutzen sie als austauschbare Geräuschtapete. Hektischer Stress in überfüllten Kaufhäusern wurde früher durch fröhliche Dudelmusik bekämpft, die gleichzeitig zum Kauf anreizen sollte, aber nur die aufgeladene Unruhe verstärkte.

Doch die Musik hat auf allen Kontinenten die Länder und ihre Entwicklung immer begleitet. Diktaturen lieben benebelnde, hypnotisierende Massenaufmärsche mit rhythmischen Klängen, anfeuernden Einheits-Fanfaren und dumpfer Marschmusik. Die Macht der Musik, die Regeln des Klangs und der Harmonielehre, deren Signale sind elementar, ihre Wirkungen sind angeboren. Sie wirken auf die Gefühle, die Stimmung und die überraschenden Entdeckungen der Phantasie. Die Inspiration. Die Geburt neuer Ideen.

Sie ist ein Ur-Element wie die das Wasser der Ozeane, in denen alles pflanzliche und animalische Leben entstand. Wie das Feuer und die Luft, schaffen beruhigende und anregende Klänge auch, wie der Erdboden das Fundament für die Fortentwicklung. Richard Wagner schrieb über seinen Kollegen Johann Sebastian Bach: „Das ist kein Bach, sondern ein Ozean.“

Wenn man eine Melodie lange und gut kennt, prägt sie sich im Gedächtnis ein. Man braucht dann keine ausgefeilte Technik mehr, um sie noch einmal gut anzuhören, sondern erlebt sogar eine Steigerung, eine ideale Interpretation, weil alle bisher gehörten Noten im Gedächtnis so klingen, wie es als bestes, stärkstes Ergebnis auch wirken sollte. Denn jeder Künstler hat eine andere, persönliche Handschrift. Wichtig ist das beim Gesamt-Überblick: Bei der Leitung durch einen Dirigenten. An der Spitze steht Wilhelm Furtwängler (1886 – 1954). Die Sängerin Martha Mödl sagte mir einmal, er wäre der Beste gewesen. Aber sie wusste nicht, warum.

Dazu habe ich am 24.9.20 einen Artikel geschrieben:

„Der Lärm der fuhtelnden Hände“

https://luft.mind-panorama.de/der-laerm-der-fuchtelndn-haende/

Schon in der Antike sagte man: Derjenige, der wie Pythagoras sein ganzes Innenleben, seine Gedanken und Sinne reinigt und dann das „Seelenfahrzeug“ (die Psyche) mit dem materiellen Körper verbindet, der konnte Dinge wahrnehmen, die anderen verborgen bleiben. Das war die universale, kosmische Welt-Musik, die im Mittelalter zu einer wichtigen Musiktheorie ausgebaut wurde.

In seinem Werk „Weltharmonik“ legte Johannes Kepler 1619 sein eigenes Modell vor: Einen harmonisch streng geordneten Kosmos. Damit wollte er die alte Idee der universalen Sphärenharmonie ganz neu formulieren. Nach seiner Beschreibung ergibt sich aus den nächtlichen Beobachtungen der Himmelskörper, dass die Planetenbewegungen nicht einen großen, unklaren Zusammenklang physischer Töne erzeugen, sondern er meinte, dass sie durch nachprüfbare Formeln, also durch Zahlenverhältnisse zu erklären sind, die den Formen der musikalischen Harmonie entsprechen. 

Um das Thema dieser berechenbaren Weltharmonie ging es auch im frühen 18. Jahrhundert. Die forschenden Gelehrten fragten sich, ob es eine gemeinsame Identität von himmlischer und irdischer Musik gibt, mit der Begründung, dass die Grundlage eines jeden Klangs eine ewige Harmonie sein müsse, die sich überall in denselben, vergleichbaren Proportionen verwirklicht.

Gustav Mahler schrieb über seine Achte Sinfonie: „Denken Sie sich, dass das Universum zu tönen und zu klingen beginnt. Es sind nicht mehr menschliche Stimmen, sondern Planeten und Sonnen, die kreisen.“

Wikipedia: „Neuerdings hat der Physiker Brian Greene, der zu den bekanntesten Vertretern der Stringtheorie gehört, im Rahmen einer populärwissenschaftlichen Darstellung auch auf die musikalische Naturphilosophie zurückgegriffen. Dabei nimmt er ausdrücklich Bezug auf die Sphärenklänge der frühen Pythagoreer und die traditionelle Idee von den musikalischen Harmonien in der elementaren Natur. Er vergleicht die vibrierenden „Strings“ – dieses englische Wort bedeutet „Faden“ oder „Saite“ – wegen ihrer Schwingungsmuster mit den klingenden Saiten von Musikinstrumenten und meint, der Kosmos, das Universum sei, unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, „nichts als Musik“.

Im Vorfeld eines gemeinsamen Konzerts von Wilhelm Furtwängler mit den Berliner Philharmonikern, im April 1933 in Mannheim, kam es zu Protesten gegen die Mitwirkung jüdischer Musiker. Furtwängler sagte das Konzert daraufhin kurzerhand ab. Die folgende Filmaufzeichnung, bei der Furtwängler im Kriegsjahr 1942 die Meistersinger-Ouvertüre dirigiert, ist trotz zeitbedingter technischer Schwächen immer noch ein Modell, ein Vorbild. Ein Musterbeispiel:

https://www.youtube.com/watch?v=mt6DSyb7k8Q

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