Die Neuentdeckung Wieland Wagners

6.12.2020. Anton Bruckners Sinfonien sind wie tönende Kathedralen. Wenn sie in einer alten Kirche gespielt werden, bei der die Baumeister sich auch noch mit der Akustik auskannten, dann sind es Klänge aus einer anderen Welt. Es ist wie „Wagner ohne Worte“, also ohne Stimmen. Aber die Wirkung ist vergleichbar. Feierliche Posaunenchoräle, mit großer Streicher-Begleitung, dazu wechselnde Solo-Instrumente. Bruckner verehrte Wagner unterwürfig, besuchte ihn in seinem Wohnhaus Haus Wahnfried und ließ sich von ihm das geplante Grab im Garten zeigen. Der Gastgeber sagte, „Dort werde ich einmal liegen.“ Bruckner bekam so viel Bier serviert, dass er am nächsten Morgen noch einmal auftauchte. Er hatte Wagner seine eigenen Partituren vorgelegt, die er ihm widmen wollte. Nach dem Rausch am Abend vorher, hatte er aber vergessen, welche Sinfonie gemeint war. Wagner sagte kurz und knapp, „Die mit der Trompete am Anfang!“ Das war die dritte Sinfonie.

Bruckner war zur Grundsteinlegung des Festspielhauses angereist. Am Tag vorher besuchte er die Baustelle im strömenden Regen, rutschte aus und fiel in den nassen Schlamm. Im Hotel an der Oper, neben dem Markgräflichen Opernhaus, zog er sich und besuchte Haus Wahnfried. Wagner begrüßte ihn freundlich, ließ ihm ein Bier nach dem anderen einschenken. Zu viel. Aber am nächsten Tag versammelten sich die Musikfreunde, auch im strömenden Regen, um mitzuerleben, wie das große Werk begann. Damit war nicht das Bauwerk gemeint. Nur das Grundstück hatte der Komponist von der Stadt Bayreuth geschenkt bekommen. Den Bau musste er selbst finanzieren. Märchenkönig Ludwig II. war selbstverständlicher Unterstützer. Auslandsreisen brachten noch mehr Geld. Wagner dirigierte sogar seine Orchesterstücke in Moskau, wo er mit Bewunderung empfangen wurde. Trotzdem landeten die ersten Festspiele 1876 im finanziellen Minus.

Erst 1882 kam die Uraufführung des Parsifal, des „Weltabschiedswerks“, unter der Leitung des jüdischen Dirigenten Hermann Levi. Das geheimnisvolle Schlusswerk war Die Krönung von Wagners Leben. Sechs Monate später, am 13.2.1883, starb er im Palazzo Vendramin, am Canale Grande in Venedig, als Siebzigjähriger. Dann tauchte sehr schnell, vor dem Sterbezimmer das „Nibelungenorchester“ des reisenden Wanderdirigenten Angelo Neumann auf und spielte „Siegfrieds Trauermarsch.“ Auch ein Sonderzug für die letzte Heimreise stand schon bereit. Drinnen saßen nur Witwe Cosima mit dem Sarg und den Kindern. Wer hatte das geplant und bezahlt? Nur Jemand, der Wagner gut kannte, kam in Frage. Die körperliche Gebrechlichkeit war ihm anzusehen. Sein Nachbar und guter Freund war der vermögende Bankier Friedrich Feustel, Großmeister der Loge „Zur Sonne“. deren Gebäude nur hundert Meter von Haus Wahnfried entfernt ist. Er hat wohl geahnt, was dann tatsächlich eintrat und alles rechtzeitig organisiert. Feustel hatte Wagner auch dazu überredet, in Bayreuth auf Dauer zu bleiben. Das Wahnfried-Grundstück war ein Geschenk der Stadt. Dort werden sich die beiden Freunde wohl oft getroffen und ihre Gedanken ausgetauscht haben,. Beide Bauten, also auch das Musiktheater am Grünen Hügel, gehören zu den kostbarsten Gebäuden der Welt. Sie sind äußerlich schmucklos, aber angemessen. Denn im Inneren konnte sich der Weltgeist entfalten, bis zu den höchsten Gipfelhöhen.

Das steigerte sich noch, als 1951 der Enkel Wieland die Leitung der Festspiele übernahm und völlig neu begann. Er entfernte die peinlich naturalistischen Bühnenbilder und ersetzte sie durch starke Zeichen der Symbolik, mit überwältigender Kraft. Das sorgte für jahrelange Wartezeiten bei den Eintrittskarten und für die besten Künstler der damaligen Zeit. Solisten und Dirigenten. Chor und Orchester waren besetzt von Spitzenkräften aus der ganzen Welt. Akustisch wurde Alles in hoher Qualität aufgezeichnet und in die ganze Welt übertragen. Optisch blieben fast nur Fotos, als Wieland viel zu früh starb.

Danach begannen die Experimente, mit Inszenierungen. Die berühmten Künstler wurden immer weniger. In der Stadt wurde Wagners Stammlokal „Ackermann“ zu einem gesichtslosen Postgebäude umgebaut. Das „Jean-Paul-Café“ an der Stadthalle wurde ein Feinschmeckerlokal. Das Künstlerlokal „Eule“ auch. In der „Bürgerreuth“ ist seit Jahren eine Pizzeria. Die Altstadt wurde schon vor sechzig Jahren von einem mehrspurigen, hässlichen „Hohenzollernring“ durchgesägt. Ein anderer Geist ergriff Besitz von dem Wunderwerk. Als Superstar Wolfgang Windgassen Anfang der Siebziger Jahre seine letzte Vorstellung sang, kam auch seine Bühnenpartnerin Birgit Nilsson nicht mehr. Höflich schrieb sie an Wielands Bruder und Nachfolger Wolfgang, „Ich finde, in Bayreuth sollten nur die Besten auftreten.“ Sie selbst sang noch jahrelang in den wichtigsten Opernhäusern der Welt. Wien New York. München. Und viele andere.

Wolfgang Wagner starb 2010, nach vierundvierzig Jahren Alleinherrschaft. Im Sommer 1986 sah ich zum ersten Mal „Tristan“ am Grünen Hügel. Eine exemplarische, vollkommene Aufführung, die im Oktober nach der Premiere verfilmt wurde. Aber damals war die Aufnahmetechnik noch längst nicht so weit wie heute.

Schon vor Wieland Wagners viel zu frühem Tod im Oktober 1966 habe ivch mich immer mehr mit seiner gedanklichen Welt beschäftigt. Am 14.9.20 habe ich folgenden Artikel geschrieben: „Die Goldenen Jahre“.

https://luft.mind-panorama.de/die-goldenen-jahre/

Eine Dauerausstellung über ihn hätte Platz auf dem Wahnfried-Grundstück, in der ersten Etage des Siegfried-Baus, wo auch seine Mutter Winifred lebte. In das Erdgeschoss gehört eine Dauerausstellung über den Wagner-Bewunderer Adolf Hitler, der dort auch während der Festspiele wohnte. Dort könnte man seine Regierungszeit dokumentieren. Einerseits die Jubelfotos. Andererseits Kriegsbilder und Alltagsdokumente seiner Zeit. In dieser Kombination wäre es kein Wallfahrtsort, sondern ein Ort zum Nachdenken.

Finanzminister Olaf Scholz denkt über finanzielle Unterstützungen für die Veranstaltungsindustrie nach, die kaum noch Einnahmen hat. Auch das Festspielhaus blieb dieses Jahr geschlossen. Bis auf Weiteres kann man dort Filmaufzeichnungen der Wagnerwerke zeigen, nicht nur im Sommer. Natürlich steht das Gebäude unter Denkmalschutz, aber es muss keine Bauruine sein. Ganz vorsichtig kann man eine unsichtbare, geräuschlose Klima-Anlage im Zuschauerraum installieren. Dazu etwas breitere Sitze, die optisch genauso aussehen können wie die jetzigen. Und in der Mitte des Raums einen Fluchtweg haben.

Da ich viele Jahre große Immobilien betreut habe, kenne ich das Milieu ganz genau. Auch in der Altstadt kann man verlorene Schätze wieder neu herrichten. Die historische „Eule“. Das „Jean-Paul-Café“. Den „Ackermann“. Das Café „Händel“. Attraktionen für Besucher, das ganze Jahr, nicht nur sechs Wochen im Sommer. Das führt zu berechtigten, dauernden Einnahmen, für alle Beteiligten. Aus gutem Grund weise ich deshalb noch einmal auf das gesetzliche Urheberrecht hin, das alle Autoren vor Betrügereien schützt und zu ihrem finanziellem Recht verhilft.

Hier hört man Bruckners dritte Sinfonie, mit dem Foto eines verschneiten Alpen-Panoramas, und das RSO Stuttgart, unter der Leitung von Sergiu Celibidache, November 1980 :

https://www.youtube.com/watch?v=3W5r0C3lxDg

.