Die Säulen des Himmels

19.10.2020. Die mittelalterlichen Kathedralen wurden als Säulen des Himmels bezeichnet. Sie hatten eine besonders gute Hallen-Akustik für Musik. Die gesamte Ausstattung wurde mit Bild-Symbolen ausgefüllt. Tragende Säulen. Stützende und stabilisierende Bögen. Separate Erker. Fenster aus farbigem Glas. Ihre Bildersprache sollte große Zeichen des Unsichtbaren Allmächtigen sichtbar machen. Im Osten stand immer der Altar. Dort kommt morgens immer das erste Tageslicht. Die bunten Glasfenster neben dem Altar trugen leuchtende Kirchenbilder mit alten Motiven oder abstrakten Zeichen, Ornamenten

In allen früheren Jahrhunderten waren wichtige Gebäude etwas Besondere. Sie drückten Gedanken aus, eine geistige Handschrift. 1919, kurz nach dem zerstörerischen Ersten Weltkrieg, hat sich das radikal geändert. Walter Gropius gründete das Berliner „Bauhaus“.

Dazu das Wikipedia-Lexikon: „Nach Art und Konzeption war es damals etwas völlig Neues, da das Bauhaus eine Zusammenführung von Kunst und Handwerk darstellte. Das Bauhaus bestand zeitlich parallel mit und in der Weimarer Republik von 1919 bis 1933 und gilt heute als Heimstätte der Avantgarde der Klassischen Moderne auf allen Gebieten der freien und angewandten Kunst und Architektur. Die Resonanz des Bauhauses prägt auch beute noch wesentlich das Bild modernistischer Strömungen.“

Kunst und Handwerk, zwei wichtige Partner, für solch eine besonders hässliche, düstere Einheit? Die berühmten mittelalterlichen Baumeister hätten sich bei dem schrecklichen Anblick, entsetzt im Grab umgedreht.

Kurz gefasst: Ein beliebtes Material der Marke „Bauhaus“ ist immer noch der ungemütliche, grauer Sichtbeton, unverputzte leere Wände, nüchterne Zweck-Optik, wie eine einfach abgebrochene, verlassene Baustelle.

Das ist bis heute das dunkelste Merkmal der aktuellen, wichtigen Stadtarchitektur. Der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich (1908 – 1982) schrieb darüber, schon in den Sechziger Jahren ein unfreundliches Buch: „Die Unwirtlichkeit der Städte.“ Also die Ungemütlichkeit unserer Wohnhäuser und Arbeitsplätze, auch in den Gemeinschaftseinrichtungen, für die Mehrheit.

Willkommener Nebeneffekt für die Kunden des „Bauhauses“ war, finanziell auch die vergleichsweise preiswerte Herstellung der Gebäude, ihre einfallslose, tausend Mal leicht zu kopierende Ähnlichkeit, wie am Fließband („Schuhschachtel-Architektur“), ihre phantasielose Massenanfertigung und leider auch, der dringend notwendige Wiederaufbau ganzer Stadtviertel, nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Wohnungsmieten waren sogar zunächst niedrig. Die Riesen-Gewinne umso größer.

Das ist immer noch ein normales Erfolgsrezept. In Großstädten sehen ganze Stadtviertel so aus, wie billige Käfige für die kostensparende, rasch verkaufbare Massentierhaltung. Laut Tierschutzgesetz ist das gar nicht zulässig, aber es wird gemacht. Auch für Menschen.

Die Unzufriedenheit darüber wird immer stärker, nicht nur für Spaziergänger mit offenen Augen.

Dazu habe ich längst einige Artikel geschrieben, als Modelle, zur Aufwertung der Bayreuther Altstadt, im Kapitel: „Die unsichtbare Weltuhr“.

Nur, als Beispiel: Das berühmte Künstlerlokal „Eule“ hatte eine einmalige Einrichtung. Eine Sehenswürdigkeit. Die Wände dicht gefüllt, mit signierten Fotos berühmter Sänger, seit dem Beginn der Festspiele im Jahr 1876. Dort wurde vor zehn Jahren einfach das Beste erneuert. 2012 sah ich ein ganz neues Feinschmeckerlokal. Davon gibt es längst genug. Außerhalb der Saison gibt es dafür sowieso weniger Gäste, also für dringend notwendige Einnahmen. Auch im neuen Wahnfried-Museum kann man das kleine Café sofort unterstützen, wenn man den ganzen Eingangsbereich, das Foyer erweitert für eine, Rücksicht nehmende Gastronomie.

Es gibt dort noch viel mehr solche Beispiele, aber man kann problemlos, auch Verlorenes wieder herstellen. Im heutigen, langweiligen Gebäude der Post, am ebenfalls neuen Markt, war einst das Bier-Stammlokal von Richard Wagner, mit dem Namen „Ackermann“. Ein längst ausgestorbener Beruf, aber damals war das der Bauer, der lebensnotwendiges Getreide sät und erntet. So wie auch, als Vergleichsbild, der bedeutende Komponist selbst. Es gibt alte Fotos von seinem Stammlokal. Im Stadtarchiv findet man sicherlich auch Bilder der Inneneinrichtung. Das Alles lässt sich rekonstruieren und als offenes Bierlokal weiterführen, unter dem alten Namen.

Ein guter Anziehungspunkt für Besucher, im ganzen Jahresablauf. Weitere solche Stellen, zur Wiederbelebung, gibt es noch mehr, wie schon beschrieben, in dem Artikel „Die Aufwertung der Altstadt“, vom 7. Mai 2019, vor über einem Jahr. Alle Herstellungskosten wären durch gute Einnahmen schnell abgehakt.

https://luft.mind-panorama.de/magnet-bayreuth-aufwertung-der-altstadt/

In den Sechziger Jahren galt der brutale Auto-Slogan: „Freie Fahrt für freie Bürger.“ Rücksichtslos. Damals entstand der mehrspurige Hohenzollernring, mitten in der Wagnerstadt, für die bequem anreisenden, ansehnlichen Fahrzeuge der reichen Saison-Besucher. Es verschwand damals auch das Café Biedermeier. Jetzt ist dort das preiswerte Kaufhaus Woolworth.

Im verschwundenen Gasthof „Zur Sonne“ wohnten Richard und  Cosima, bei ihrem ersten Aufenthalt in Bayreuth im April 1871. Im „Sonnensaal“ fand am 22. Mai 1872 das Festbankett statt. anlässlich der Grundsteinlegung des Festspielhauses. In der Nachkriegszeit waren alle drei Bundesstraßen, die mitten durch Bayreuth führen, in der Richard-Wagner-Straße gebündelt und vereinigten sich am Sternplatz, neben der Opernstraße. Der Platz hat eine ganz andere Bedeutung. Dort treffen sich die Zeiger der „unsichtbaren Weltuhr“. Auch das findet man in der Themen-Übersicht, unter diesem Text.

Das Neue muss nicht immer das Beste sein. Jean-Jacques Rousseau (1712 – 1778) schrieb, „Zurück zur Natur.“ Damit bereitete er den aufnahmebereitem Boden vor, für die gewaltsame Beendigung der französischen Monarchie. Der König wurde öffentlich hingerichtet.

Am 4.7. 1776 wurde die Unabhängigkeitserklärung und damit die Gründung der Vereinigten Staaten (USA) verkündet. Wichtigste Merkmal waren seitdem die Freiheitsrechte, zur Meinung, zur Presse und das Verbot der Alles kontrollierenden Zensur.

Im westdeutschen Grundgesetz heißt es seit 1949, kurz und knapp, „Eine Zensur findet nicht statt.“ Im Osten war die ständige Kontrolle ein Alles dominierender Teil des überwachten Alltags, gleichzeitig, auch schon seit 1949. Die öde Platten-Bau-Architektur war dort gern zu Hause. Aber das ist Vergangenheit. In München hört man oft sächsischen und thüringischen Dialekt. Wenn man die Leute fragt, sind sie freundlich, und machen auch den Mund auf. Sie sind froh, dass diese schlimmste Art der Vergangenheit weg ist. Aber leider sind auch die früheren Nutznießer anwesend. Sie denken immer noch nicht, an die Anderen, die damit nichts zu tun haben wollten, aber gezwungen wurden. Aber auch das ändert sich noch, gar nicht mehr so langsam.

Die zwei unvereinbaren Denkweisen haben sich immer noch nicht restlos aufgelöst und vermischt. Aber seit 1990 gilt nur noch eine einzige, nämlich die erwähnte – westdeutsche Formulierung. Leider wird das noch immer nicht ganz ernst genommen, auch nicht in der Justiz und bei anderen Behörden. Doch die Verfassung und alle Gesetze, gelten für Alle, auch für Präsidenten und erfolgreiche Spitzenmanager, die deshalb schon, ein paar Mal, unsanft aufgeweckt werden mussten.

Ottorino Respighis zurückhaltende Komposition „Kirchenfenster“ (Vetrate di Chiesa) ist sehr eindringlich, meditativ, wie der gedämpfte Lufthauch in einer stillen Kirche:

https://www.youtube.com/watch?v=2cPqxY0Bs58

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