Die Sehnsucht nach dem Unerreichbaren

4.1.2021. „Die Sehnsucht nach dem Unerreichbaren“ ist der Titel eines Rückblicks der Sängerin Anja Silja. Sie war die Lebensgefährtin des genialen Wieland Wagner, geht aber in ihren Erinnerungen sehr rücksichtsvoll mit seinem Bruder Wolfgang um. Der jedoch musste das Buch seines eigenen Sohns Gottfried ertragen: „Wer nicht mit dem Wolf heult.“ Damit war Wolfgang selbst gemeint, aber auch „Wolfe“, der private Spitzname von Dauergast Adolf Hitler im Haus Wahnfried. Gottfried plauderte offen aus, dass er schon als Kind nicht mit den Kindern von Wieland spielen durfte, erzählte von den vielen Streitereien der beiden Brüder. Auch, dass Wieland seinen Bruder vor versammelter Mitarbeiter-Mannschaft anbrüllte, „So kann man das doch nicht machen!“ Gottfried mochte Wielands Inszenierungen sehr und schrieb auch darüber ganz offen. Und noch mehr. Die Antwort war ein Hausverbot.

Wolfgang hatte viele Verdienste. Er sorgte dafür, dass die Finanzen stimmten, gründete eine staatliche Stiftung zur Sicherung der Zukunft und hielt die Preise niedrig. Der externe Stiftungsrat hatte dann immer das letzte Wort, aber Wolfgang blieb Patriarch, der sich einige Freiheiten erlaubte. Seine eigenen Inszenierungen waren umstritten und die seiner Gäste auch. Trotzdem trat er nicht zurück, sondern erst, als seine Tochter Katharina und ihre ungeliebte Halbschwester Eva gemeinsam die gemeinsame Leitung übernahmen. Hausanwalt war dabei der sympathische Rechtsanwalt Stefan Müller. Im August 2008 habe ich ihn einmal getroffen.

Er saß gegenüber vom Hauptbahnhof, im Stammlokal „Lamondi“, gemeinsam mit Katharina, ihrem Sängerfreund Endrik Wottrich und ihrem Privatsekretär Alexander Busche. Sonst war Niemand im Gastraum, nach einer „Siegfried“-Vorstellung, wo meine Reisebegleitung verärgetrt erklärte, niemals mehr eine Vorstellung anschauen zu wollen. Katharina sieht gut aus, ist auch sympathisch, kennt aber meine begründete Kritik an ihrer Leitung des Grünen Hügels. Es fiel auch kein einziges böses Wort. Nach einer halben Stunde sind Alle gegangen. Hausanwalt Müller fragte ich dabei nur nach der Bedeutung des Worts „Äquivoca“. Es bedeutet „Gleichlautend“, also einstimmig. Darauf schaute er etwas verärgert, „Warum fragen Sie mich das?“ Ich habe es für ihn dann noch einmal übersetzt, kommentarlos, weil es sein Pseudonym in einer Internet-Diskussion war. Durch den Inhalt seiner juristischen Beiträge war er leicht erkennbar und an der Wortwahl, mit diskreten Anspielungen auf seine Arbeit. Das hat ihm nicht gefallen. Aber ich fand ihn, auch in den Diskussionen, immer sehr fair und menschlich. Leider ist er, schon im folgenden September 2008, im Auto an einem plötzlichen Herzschlag gestorben, bei einer Rückfahrt, aus Berlin in seine Heimat.

Die Stadt Bayreuth hat einige Sehenswürdigkeiten, aber so etwas gibt es überall. Ein magischer Sehnsuchtsort war sie nur in der Phantasie, in der Verbindung mit dem größten Magier und Musikdramatiker aller Zeiten, Richard Wagner. Diese Webseite hat, mit mittlerweile über hundert Beiträgen, als Eröffnung und als erstes Kapitel die Überschrift „Bayreuths unsichtbare Weltuhr“. Was das bedeutet, kann Jeder dort nachlesen.

Es ist eine magische Dimension, die an keinen geographischen Ort gebunden ist, aber die ganze Wahrnehmung ausfüllt, die Phanasie und die Realität bereichert. Aber nicht in einer materiellen, finanziellen Größenordnung. Solch eine Basis ist zwar immer notwendig, aber sie darf nicht die Herrschaft und Macht übernehmen.

Der Kartenverkauf der letzten Jahre ging rückwärts, das Publikum fand andere Ziele. Die ganze Altstadt wieder optisch aufzuwerten, habe ich oft vorgeschlagen. Es ist nicht viel dabei herausgekommen. Persönlich ist mir das egal, ich brauche auch die Musik nicht mehr, weil sie längst ein fester Teil der Gedanken geworden ist. So wie für alle ernsthaften Musikfreunde auf der ganzen Welt. Darum schreibe ich auch gern darüber, brauche aber die Stadt nicht mehr. Sehnsucht habe ich auch nicht nach meiner Heimat im Münsterland. Das war wichtig, muss sich aber jetzt nicht mehr wiederholen. Es ist ein Schatz von Erinnerungen, die immer deutlicher und klarer werden, auch für ganz andere Wissensbereiche.

„Die Sehnsucht nach dem Unerreichbaren“ hört man deutlich in einer legendären Aufnahme von Bartoks „Konzert für Orchester“, unter der Leitung von Fritz Reiner. Das ist tiefe Melancholie, aber große Kunst:

https://www.youtube.com/watch?v=clzcGIdMaN0

Das neue Jahr hat viele wichtige Themen, deren Probleme man lösen kann. Auch das findet man hier. Manche Ideen werden geklaut und mit Geld versilbert, hinterlassen aber unlöschbare Spuren, auch bei vielen Gesprächen in den letzten Jahren. Es ist eben nicht die vergebliche „Sehnsucht nach dem Unerreichbaren“, sondern nach dem realistisch Machbaren.

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