Die tollen Tage

12.2.2021. Wer in den letzten Jahren den Fasching erlebte, sah ein ganz anderes Bild. Die Veranstaltungen waren wie immer, aber die Teilnehmer hatten sich verändert. Da ging es nicht mehr um Spass und Vergnügen, sondern um Abfeiern bis zum Abwinken. Immert mehr Smartphones waren im Einsatz, die möglichst schadenfrohe Bilder ins Internet sandten. Die Verkleidungen reizten nicht immer zum Lachen, sondern sollten provozieren. Unter den knalligen Perücken steckten immer die gleichen Gesichter, die in unruhigen Gruppen sich wichtig machten. Das war nicht neu, aber es steigerte sich, wenn aufdringliche Chaoten überhaupt nicht mehr nachlassen wollten. Dann kam der Alltag, und die ersten Eiscafés öffneten wieder. Die frische Ware lag offen in den Kühltheken, aber die Gäste tranken zunächst lieber Kaffee. Ende März verstärkte sich endlich der Andrang. Auch die ersten Straßencafés öffneten. Aber nicht lange. Dann waren sie wieder geschlossen. Und sind es heute auch noch.

Für unruhige Jugendliche ist das eine noch nie erlebte Belastung, auch für Konzertveranstalter, Sportvereine, Kaffeefahrten mit dem Bus. Die Liste wird immer länger, aber Jeder kennt sie. Der Vorfrühling war sonst eine Zeit des Aufbruchs, Neuanfangs, der Planung von Projekten. Das passiert auch jetzt, wird aber viel seltener realisiert. Aus Mangel an Gelegenheit, aber auch, weil das Geld fehlt. Der Staat hat sogar höhere Ausgaben, bekommt dafür aber immer weniger Steuern, wenn nichts verdient wird. Also kippt die große Waage in eine Schieflage, die sich nicht einfach wieder aufrichtet. Stattdessen sorgen Miliardenkredite für Trostpflaster, die noch lange nicht bezahlt sind. Ausgerechnet jetzt schlagen unerwünschte Blitze ein. Sie heißen „WireCard“ und „OpenLux“.

Selbst wer diese Fremdwörter noch gar nicht gehört hat und ihre Abläufe nicht versteht, begreift sofort die Stichwörter: Gigantische Finanz-Betrügereien, mit elektronischem Geld und mit getarnten Geldverstecken. Wer deshalb sprachlos wird, weiß gar nicht, dass es gar nichts Besonderes ist, sondern Alltagspraxis, in vielen Branchen. Man bemerkt das eigentlich sofort, wenn man Geschäftszahlen sieht und mit den letzten Jahren vergleicht. Aber drumherum ist Viel vertuscht und gefälscht worden. In den oberen Etagen der Finanzen.

Am 15.9.2008 meldete die New Yorker Investmentbank „Lehman Brothers“ Konkurs an. Verluste entstanden in Höhe von 3,3 Milliarden US-Dollar. Viele Sparer verloren ihr ganzes Geld. Ein naher Verwandter überredet meine alte Tante frühzeitig, ihr ganzes Erspartes bei Lehman anzulegen. Als sie dann in ein gutes Altersheim wollte, hatte sie dafür nichts mehr. Aber er steckte eine Vermittlungsprovision ein. Im Zuge von Einsparungen hat er dann auch selbst, seinen Arbeitsplatz verloren.

„Bernard Madoff, Jahrgang 1938 ist ein New Yorker Anlagebetrüger. Bevor seine betrügerischen Machenschaften aufgedeckt wurden, war er ein hochangesehener Wertpapierhändler und Vorsitzender der Technologiebörse NASDAQ. Ein Whistleblower entdeckte Madoffs Anlagebetrug bereits im Jahr 1999, wurde jedoch von der US-Börsenaufsichtsbehörde jahrelang ignoriert. Ende 2008 wurde Madoff wegen Betrugs verhaftet. Der Gesamtumfang des Schadens wurde zum Zeitpunkt des Prozesses gegen Madoff auf mindestens 65 Milliarden Dollar veranschlagt, die Zahl der Geschädigten auf 4800. Der Fall betraf im April 2009 weltweit rund drei Millionen Personen direkt oder indirekt. Rund 300 Anwaltskanzleien und 45.000 Anwälte sollen sich zu dieser Zeit mit dem Fall befasst haben Der Betrüger wurde am 29. Juni 2009 zu 150 Jahren Haft verurteilt.“ (Wikipedia). Die hohe Gefängnisstrafe soll auch verhindern, dass einzelne Anklagepunkte von Anwälten abgestritten und bekämpft werden, so dass er bei dieser Taktik davon keinen Vorteil hat.

Einmischen muss sich da Niemand. Die Profis machen ihre Arbeit, die Berichterstatter und Kommentare auch. Bei solchen Fällen gab es früher Bedrohungen und Einschüchterungsversuche, aber es ist wirkungslos, weil die Spuren sich nicht mehr verwischen lassen. Es sind auch zu viele. Und zu viele Mitwisser, deren Spinnennetze jetzt zerreißen.

Eigentlich ist das ein gutes Zeichen. Denn die Nebel lösen sich auf, auch wenn es regnet. Die Prozesse werden eine abschreckende Wirkung haben, weil große Privatvermögen verschwinden und verstaatlicht werden. In Italien ist das ganz einfach. Wenn ein Verdächtiger seine Geldquellen nicht offen legt, wird Alles beschlagnahmt und in soziale Projekte gesteckt. Da gibt es noch viel mehr Möglichkeiten, ohne dass Alles, ständig übertrieben überwacht wird. Denn jede Datei hinterlässt Spuren, wenn sie an andere Empfänger verschickt wird und damit außer Kontrolle gerät. Kleine Mosaiksteine ergeben große, leuchtende Bilder wie Kirchenfenster. Aber man mus sie auch deuten können. Und das ist noch viel zu selten. Zu den Themen „Symbolik“ und „Bildersprache“ gibt es hier bereits 337 Artikel und noch mehr Querverweise. Auch zu anderen Bereichen, die in der Kriminalistik bisher kaum beachtet werden. Die natürliche Folge sind falsche Bewertungen und Gutachten. Stattdessen ist ein herrischer Tonfall keine Seltenheit. Oder Gespräche in der Freizeit, bei denen sich große Wissenslücken zeigen. Im lockeren Rahmen macht das auch gar nichts, aber insgesamt ist es zu viel.

Karl Valentin: „Die Menschen sind gut, aber die Leute sind schlecht.“ Das ist geistreich, aber die Welt ist nicht schlechter geworden, sondern offener, also transparenter. Instrumente dafür gibt es sehr viele. Wenn sie immer noch nicht angewendet werden, ändert das Nichts an der Hauptsache: Die Welt ändert sich trotzdem. Mehr als jemals zuvor. Nur ist es so, wie bei jeder anderen Analyse. Sie muss sich mehr von den Nebensachen abwenden, sondern anhand der Spuren zur Hauptsache kommen: Zur zuverlässigen Auswertung.

Jedes gute Bild hat auch dunkle Farben. Aber nicht ständig. Darum ist es wichtig, Möglichkeiten zu erkennen, die ganz anders sind als derartige Betrügereien. Blickt man auf vergangene Jahre zurück, sind diese Farben und Eindrücke auch noch da. Denn was verarbeitet ist, vergrößert das Weltpanorama. Die Zwischentöne gehören dazu. Auch alle ungelösten Fälle, die man als Mysterium bezeichnet. Dazu folgt heute noch ein anderer Artikel.

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