Die wackelnde Waage

8.12.2020. Ein Gespür für Ungerechtigkeiten kann man nicht trainieren. Man hat das Gespür schon von Geburt an, als Teil des persönlichen Charakters, der sich nicht verändert. Um das zu wissen, braucht man kein langweiliges juristisches Studium, denn sonst gäbe es keine falschen Urteile, keine Beweisfälschungen und Betrügereien. Die großen Gesetze stehen im Dekalog, den Zehn Geboten. Das gilt überall. Man muss nicht alle überflüssigen, bürokratischen Vorschriften ernst nehmen, nicht den Unsinn von Alleinherrschern. Aber man bekommt zwangsläufig eine empfindliche Antenne für schwere Regelverletzungen. Damit schafft man sich auch Feinde bei Verbrechern.

In ganz jungen Jahren begreift man das nicht und lässt sich zu Viel gefallen, weil ein ungerechter Machthaber oder Millionär das so will, für seine angebliche Wichtigkeit. Wir hatten einmal einen tatsächlich wichtigen Bereichsleiter für ganz Bayern, über den erzählt wurde, „Das ist der einzige Mensch, der ohne Rückgrat leben kann.“ Oder die anpassungsfähigen Radfahrer-Kollegen. Sie buckeln nach oben, aber sie treten gleichzeitig dabei nach unten. Die Schlimmsten bekamen den Goldenen Lenker, aber nur, wenn sie selbst nicht dabei waren. Sonst hätten sie noch fester in ihre eisernen Trampel-Räder hinein gehauen.

Menschen mit ganz anderer Meinung habe ich immer dann bewundert, wenn sie auch logische Gründe dafür hatten und auch noch Phantasie für eigene Ideen. Mit solchen Leuten gab es kaum Streit, weil sie anregend waren und etwas bewegten. Aber die betonharten Bremsklötze waren oft viel mächtiger und reicher. Dann geriet eine ganze Firma in Lebensgefahr oder man trennte sich privat, möglichst rasch, von Leuten, die unehrlich, aufdringlich waren und zu auffällig sich benahmen. Auch beim Lachen und bei übertriebener Anteilnahme, weil sie etwas heimlich ausspionieren und damit Geld verdienen konnten. Illegales Schwarzgeld. Früher wurde das oft in Scheinen, in Bargeld unter dem Kopfkissen versteckt. Deshalb gibt es heute fast nur noch elektronische Transaktionen ins Ausland, die auch noch unlöschbare Spuren hinterlassen. Trotzdem benutzt die ganze Kriminalistik manchmal noch tote Methoden aus der Steinzeit, mit prall gefüllten, großen Aktenschränken und hohen Bergen aus Papierseiten, die leicht im ratzenden Reißwolf verschwinden können. Dann sind sie tatsächlich weg, lasen aber überprüfbare Fragen offen. Doch die elektronischen Spuren verschwinden nicht. Auch nach Jahrzehnten können sie ungelöste Verbrechen glasklar aufklären. Aber die dafür unverzichtbaren Methoden beherrscht offenbar nur eine Minderheit. An einer Theke wurde mir vor zwei Jahren das Foto eines bekannten Gebäudes im Orient gezeigt, ein modernes Hochhaus. Dazu erzählten die Besitzer, dass eine bekannte deutsche Lebensmittel-Firma dort ganze Stockwerke gekauft habe. Das kann ja sein, aber es wurden noch ganz andere Details genannt, die offensichtlich deshalb nicht zusammenpassen sollten, weil die Redner wussten, dass ich auch das verstehe. Damit war ein Fall gelöst, der in keiner Zeitung stand. Ich habe das nicht kommentiert, aber zunächst ein paar harmlose Witze erzählt.

Da sagten die Fotobesitzer ernst, „Das Leben ist manchmal sehr traurig.“ Das ist klar. Trotzdem habe ich zunächst, absichtlich nur gesagt, „Aber man darf man das Lachen nicht abschalten.“ Sofort danach habe ich mich ernsthaft bei ihnen bedankt, und dann wussten sie genau, dass ihre Nachricht angekommen war. Sie kannten mich nur als Stammgast. Ich weiß nicht, wer sie sind und habe sie auch nie wieder gesehen. Aber so etwas ist kein Einzelfall. Manche schweren Trampeltiere halten sich für superschlau, aber selbst die übertriebenen oder sogar verbotenen Überwachungstechniken der Sicherheitsbranche verhindern nicht, dass in den eigenen Reihen immer undichte Stellen sind. Manchmal passiert das gar nicht vorsätzlich. Aber wenn man Jemand aufmerksam zuhört, kommt man schnell auf die offensichtlichen Widersprüche eines zufälligen Gesprächspartners, weil er gar nicht logisch denken kann. Solche Leute sind besonders freche und dumme Belästiger, aber sie werden dann mit ihrer kleinkarierten Arroganz noch schneller durchschaubar. Für sie ist das plötzlich Alarmstufe Nummer Eins, aber zu spät. Sie sind längst Gesprächsthema dort, wo sie nicht hingehen.

Alfred Hitchcock war ein Meister bei solchen Methoden. Er klassifizierte seine eigenen Meisterwerke zwar nur als „Unterhaltungsfilme“, aber er kannte sich in vielen Bereichen genau aus. Bei der Kameraführung, den Schnitten, in der Psychoanalyse und bei ungewöhnlichen Ermittlungsmethoden, die er aber nicht verschleierte, sondern, zur öffentlichen Weiterbildung deutlich sichtbar machte. Aus langjährigen Gesprächen mit professionellen Kriminalisten weiß ich, dass selbst sie riesige Wissenslücken haben und ihre gesetzlichen Grenzen nicht kennen oder ernst nehmen. Deshalb schreibe ich hier oft darüber, ohne Jemand persönlich damit zu schaden.

Fehler passieren überall, aber entscheidend ist die Situation. Wer Macht ausübt, darf sie nicht missbrauchen. Wenn jedoch die Opfer Fehler machen, ist das manchmal sogar geplant und beabsichtigt, aber verboten. Erwischte Gesetzesbrecher müssen sich vor öffentlichen Gerichten verantworten.

Doch auch bei den zuständigen Gerichten passieren zu viele vermeidbare Fehlurteile. Unschuldige bekommen es zu spüren, wenn illegale Methoden angewendet werden, zum Beispiel Psychoterror und andere Grenzüberschreitungen.. Man kennt das aus Hollywood-Filmen, aber es darf nicht bei der Polizei-Arbeit angewendet werden. Es existieren dafür hohe Geldstrafen, Hausverbote und die Entfernung von Beamten aus dem Dienst. Solche existenzgefährdenden Sicherheitsrisiken mag auch die seriöse Security-Branche nicht, die immer mehr unter hohem Konkurrenzdruck steht. Auch der restliche, noch offene Arbeitsmarkt schrumpft immer mehr.

Die gesamte, eigentlich leicht verständliche Rechtslage ist offensichtlich vielen Beteiligten nicht bekannt oder wird ihnen verschwiegen. Wenn sogar Führungskräfte solche wichtigen Informationen nicht nachweislich, gegen Unterschrift bekanntgeben, haften sie dafür.

Alle Eskalationen, Katastrophen lassen sich leicht vermeiden, wenn man miteinander redet. Dann sind zumindest die feindlichen Fronten klar, auch wenn sie vorher unüberwindlich aussahen. Unbelehrbare Systematiker machen sich dann selbst die größten Schwierigkeiten, wenn sie den Gesprächsbedarf erst zu spät erkennen. Was dann für sie noch an Ärger folgt, haben sie selbst angerichtet, wenn es bei ganz Anderen immer noch ein Gesprächsthema bleibt. Bei solchen Experten und unzufriedenen Mitwissern, die nicht ihre Freunde sein können. Bei Streitigkeiten werden oft Vergleiche angeboten. Wenn sie zumutbar sind, ist das die beste Lösung.

Die wackelnde Waage der Gerechtigkeit will immer wieder das Gleichgewicht finden, weil sonst das ganze Gebäude der Weltordnung zusammenbricht. Berichte darüber liest man täglich, überall. Auch aus meinem Bekanntenkreis gab es manchmal ungewöhnliche Geschichten zu hören. Aber wenn die Beteiligten auch noch unter illegalem Druck standen, sind sie unschuldig. Meine langjährigen Freundschaften werden davon nicht beschädigt, im Gegenteil. Wer Hilfe verdient, bekommt sie auch.

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