Die wackelnden Schalen der Waage

22.9.2020. Die Gewichte einer Waage müssen gleichmäßig belastet werden. Sie dprfen nicht wackeln oder sich nach einer Seite hin abwärts neigen, sonst stimmt etwas nicht. Entweder ist das Messinstrument kaputt oder der Besitzer hat es manipuliert, zu seinem eigenen Vorteil. Falsche Gewichte wurden schon im Altertum streng bestraft. Außerdem folgte ein lebenslängliches Berufsverbot. Wer kein Einkommen hatte, musste als Bettler durchkommen.

Die alten Geräte sind längst durch moderne Apparate ersetzt worden, die das Eichamt prüft und überwacht. Geblieben von der klassischrn Waage mit den beiden schwarzen Schalen ist nur Eines: Die Symbolik. Wenn auf der rechten Schale Verkaufsware lag, die ein konkretes Gewicht versprach, dann mussten auf der linken Schale Metallgewichte einen genau gleichen, nachprüfbaren Messwert damit anzeigen, dass beide Seiten exakt in der Horizontale nebeneinander anzuschauen waren.

Fortuna, das Schicksal und die Justiz verwenden immer noch das Bild einer alten Waage als Erkennungszeichen. Außerdem gibt es dicke Bücher mit schwer verständlichen Erläuterungen.

Übertriebene Genauigkeit führt nur zur Verwirrung, schlechten Gutachten und falschen Urteilen. Vor Allem, wenn die Beteiligten ihre Gefühle und den Verstand nicht unter Kontrolle haben. Als Firmenbevollmächtigter habe ich früher oft enthemmte Schreikrämpfe und Wutausbrüche von Rechtsanwälten, Staatsanwälten und hauptberuflichen Richtern erlebt. Selbst die eigenen Anwälte waren nicht immer gut vorbereitet. Deshalb entstanden Spezial-Zentren, bei denen nur noch auserwählte Juristen Zutritt hatten. Auf der Strecke blieben dabei erfahrene, gute Hausanwälte, die plötzlich aus dem Spiel heraus waren und denen man nicht einmal sagen durfte, warum. Nach dem ersten Kontakt mit einer großen Münchner Anwaltskammer kam zunächst immer der Chef selbst zu Gesprächen, bis ich ihm gesagt habe, dass seine Zeit dafür zu kostbar ist. Daraufhin schickte er gern einen jungen Nachwuchskollegen, der sehr engagiert war, aber nicht viel Erfahrung hatte und sogar nicht sattelfest war. Eine peinliche Groteske entstand dann, wenn alle auftretenden Fachidioten nicht genau die Akten gelesen hatten. Dann musste ich, als gar nicht ausebildeter Jurist, auch noch höflich die Wissenslücken stopfen. Ene Richterin rächte sich dadurch, dass Beweisdokumente grundsätzlich von mir vorzulegen waren, obwohl die anderen das gleiche Material hatten. Einmal bemerkte sie, dass draußen heftiges Schneegestöber war. Unser Anwalt verspätete sich deshalb, weil er als Auswärtiger die glatten Straßen hinter sich bringen musste. Da sagte sie, ausgerechnet zum verlogenen Beklagten, der uns eine sechsstellige Summe schuldete, „Soll ich ein Versäumnis-Urteil sprechen?“ Ich machte sie sofort darauf aufmerksam, dass ich auch als Firmenbevollmächtigter anwesend war. Da meinte sie, verärgert und schnippisch, „Aber Sie sind ken Anwalt.“ In diesem Augenblick betrat unser Anwalt doch noch den Saal. Damit scheiterte ihr schlauer Plan.

Aber trotzdem fehlte jetzt noch etwas Wichtiges: Wegen einseitiger Befangenheit hätte sie al Richterin selbst abgelehnt werden können. Oder: Als Kläger kann Jeder frei in die nächst höhere Instanz gehen. Wenn der Beklagte offensichtlich, sogr nachweisbar im Unrecht ist, verschlechtert das die fäligen Regel-Beurteilungen aller Unrechts-Richter durch den vorgesetzten Gerichtspräsidenten, und ihr Beförderungsmöglichkeiten verschlehtern sich. Darauf warten viele Kollegen.

Oft reicht schon der vorsorgliche, höfliche Hinweis darauf, für Panik-Attacken der überhitzten juristischen Irrlichter.

Beispiele haben nur den Sinn, ein Prinzip deutlich zu machen. Einen Regelsverstoss. Fehler kann man auch dazu missbrauchen, Andere lächerlich zu machen. Dann wird jede Verbesserung blockiert.

Die Justiz übetreibt manchmal. Sie steht nicht hoch über den Wolken und ist dort wasserdicht, unangreifbar über den Gesetzen, sondern nur ein gut bezahlter öffentlicher Dienstleister, mit vielen ernsten Pflichten gegenüber der Bevölkerung. Mehr nicht. Das genügt aber nicht Allen. Bei den Ermittlern gibt es jedoch eine Sonderstelle für interne Auffälligkeiten. Wer auf dem Oktoberfest angetrunkene Beucher zusammenschlägt, wird versetzt und bekommt ein Disziplinarverfahren, mit vorläufigem Hausverbot und dem Ziel der endgültigen Entfernung aus dem Dienst und einer gekürzten Pension. Wer dann, ausgerechnet in der Security-Branche landet, ist eine ständige, existenzbedrohende Gefahr für seine neue Firma. Das spricht sich herum.

Absolute Gerechtigkeit gibt es nicht. Aber jeder Fehler verkleinert die nutzlosen, späteren Wiederholungsfälle. Das wird aber nicht überall beachtet, manchmal aus bequemer Selbstüberschätzung. Das ist der beste Grund für jede Art von Aufklärung und Richtigstellung.

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