Die Wiedertäufer in Münster 1536

8.10.2020. Die Wiedertäufer besetzten vor fast fünfhundert Jahren die Stadt Münster und errichteten dort ihre eigene Herrschaft. Sie verjagten Bischof Franz Waldeck, erlaubten die Vielweiberei und predigten dabei vom bevorstehenden Weltuntergang. Deshalb solle sich Jeder Anhänger der Wiedertäufer noch einmal taufen lassen und das Leben, nach ihren Regeln, auskosten, so lange es noch geht.

Der Bischof hatte erst einmal viel Mühe, überhaupt Soldaten zu finden, weil ihn Keiner so recht ernst nahm. Aber dann belagerte er, mit einer kämpferischen Streitmacht die Stadt. Am Ende gaben die Rebellen auf.

Höhnisch fragte Waldeck den gefangenen holländischen Anführer Jan van Leiden (später eingedeutscht: Johann Bockelson, Sohn des Bocks oder auch Teufelsbock) ; „Bist du ein König?“ Der Angeklagte antwortete frech, „Bist du ein Bischof?“ Über dieses finstere Drama gibt es ein sehr spannendes Buch, „Der König der letzten Tage“, das nur auf konkreten historischen Fakten aus der Stadtgeschichte beruht.

Für die Wiedertäufer endete ihre Geschichte sehr schlimm. Sie wurden zum Tode verurteilt. Die Hinrichtung fand öffentlich statt, genau vor dem Rathaus in Münster. Auf dem Balkon erschienen festlich geschmückte Adelige. Direkt ihnen gegenüber wurden drei Anführer zu Tode gefoltert. Die Henker rissen ihnen mit glühenden Eisenzangen Fleischstücke aus dem Körper. Am Ende wurden die Leichen in drei schwarze Eisenkäfige gestellt. Hundert Meter entfernt ist der Domplatz mit dem allgemeinen Wochenmarkt und die Marktkirche Sankt Lamberti. Dort hängen, unter der Turmuhr, noch immer drei originalgetreue, leere Kopien der Käfige.

Danach griff Niemand mehr den Bischof an. Die Tragödie sprach sich in ganz Europa herum und diente seitdem als abschreckendes Beispiel für Nachahmer und Trittbrettfahrer. Münster ist bis heute eine stark katholisch geprägte Stadt. Besuchern sagt man, „Wenn Sie den richtigen Weg finden wollen, dann orientieren Sie sich an den vielen Kirchtürmen.“ Die bestraften Ketzer waren natürlich auch ein guter Freudenruf für die harten Gerichte der römischen Inquisition im Vatikan. Schon fünfzehn Jahre vorher, 1521, hatte Martin Luther, auf dem kaiserlichen Reichstag in Worms, den Widerruf seiner eigenen Ketzerlehre verweigert, trotz Todesdrohungen, und er gründete dann die neue Konfession des Protestantismus, die zu einer ernstzunehmenden Gefahr für die vorher allein herrschende katholische Kirche wurde.

Münster wurde 112 Jahre später, dann noch einmal ganz wichtig. Als der viel zu lange Dreißigjährige Krieg, 1648 enden sollte, schlossen die Staatsvertreter aus ganz Europa einen schriftlichen Friedensvertrag im Rathaus von Münster. Es hatte sich herumgesprochen, wie schnell ein kurzer Prozess zu Ende geht. Nicht aus Einsicht, sondern weil alle Länder sich gegenseitig ausgeplündert hatten. Die Äcker waren verwüstet, die Städte zerstört, und man hatte nicht einmal mehr genug Soldaten für eine Fortsetzung der Feindseligkeiten. Genau so nach dem Fall der Berliner Mauer, vor dreißig Jahren, als endlich die ständigen Spannungen zwischen Ost und West zur Ruhe kamen, reiste Gorbatschows russischer Außenminister Schewardnadse demonstrativ nach Münster und besuchte den holzgetäfelten Friedenssaal im historischen Rathaus. Während des Zweiten Weltkriegs war die Original-Möblierung ausgebaut und auf dem Lande versteckt worden. Das ganze Stadtzentrum wurde danach, vor dem endgültigen Ende des Kriegs, von englischen Kriegsbomben völlig zerstört. Jetzt ist Alles immer noch unversehrt da und wird von vielen Touristen besucht.

Giacomo Meyerbeer nannte eine seiner beliebten Erfolgs-Opern „Der Prophet“. Sie handelt von den Wiedertäufern in Münster. Als der junge Richard Wagner selbst seine frühe, schwiernigen Hungerjahre in Paris mühsam überstand, überlebte er, auch wegen der der finanziellen Unterstützung des Juden Meyerbeer. Wagners wichtige Frühwerke „Holländer“ und „Tannhäuser“ entstanden nach Erzählungen des Juden Heinrich Heine. Zeitlebens war der Komponist von Angehörigen dieser Konfession beeinflusst. Seinen Ruf ruinierte er nur mit dem hässlichen Aufsatz, „Das Judentum in der Musik“. Darin behauptet er, am Beispiel von Felix Mendelssohn-Bartholdy, dass Juden grundsätzlich keine gute Musik schreiben könnten. Ein albernes Psuschalurteil. Adolf Hitler bewunderte sogar den damaligen Direktor der Wiener Staatsoper, den Komponisten Gustav Mahler und versäumte möglichst keine seiner sorgfältig geplanten Wagnervorstellungen. Zu seinem häufigen Begleiter, seinem Jugendfreund August Kubizek, sagte Hitler, „Wenn doch alle Juden so wären wie der !“

Der jüdische Dirigent Hermann Levi dirigierte 1882 die Welturaufführung des „Parsifal“. Anonyme Schmähbriefe warnten den Komponisten. Einen las er laut beim Abendessen in Wahnfried vor. Der anwesende Dirigent Levi stand schweigend auf und ging hinaus. Aber er dirigierte. Fünfzehn Minuten vor dem Ende der Vorstellung trat Wagner, ohne Vorankündigung neben ihn und dirigierte allein weiter, bis zum Ende. Den Dirigentenstab hatte ihm Levi sofort übergeben, weil auch er den Meister, als einzigen Schöpfer des „Weltabschiedswerks“ zweifelsfrei respektierte, Sieben Monate später, am 13.2.1883, starb Wagner als 70jähriger in Venedig.

Seine Nachbarn und besten Freunde arbeiten, immer noch, im nur hundert Meter entfernten Gebäude der Freimaurer und der damaligen Großloge „Zur Sonne“. Der Meister der Loge, der vermögende Privatbankier Friedrich Feustel, hatte schon früh dafür gesorgt, dass Wagner die Grundstücke für das Festspielhaus und sein Privathaus Wahnfried von der Stadt geschenkt bekam. Wahnfried liegt im Osten, wo jeden Morgen die Sonne aufgeht.

Der Mittag ist auch das Stichwort für den alten Gralsritter Gurnemanz, um den neuen König Parsifal einzusetzen, nach dem überirdischen „Karfreitagszauber“ in der Musik. Wagner wollte selbst Mitglied bei den Freimaurern werden, aber sie lehnten das ab, auch wegen seines unangenehmen Aufsatzes über „Das Judentum in der Musik“. Die Bruderschaft erkennt respektvoll alle Religionen als gleichberechtigt an, als gemeinsames Erkennungszeichen des Allmächtigen Baumeisters aller Welten (ABAW).

Immerhin hat Wagner in seinen beiden letzten, vollständig selbst beendeten Werken „Meistersinger“ und „Parsifal“ zahllose, eindeutige Anspielungen auf die Freimaurer gut versteckt. Vermutlich ahnten diese Hausnachbarn auch seinen bevorstehenden Tod, weil er körperlich, als Siebzigjähriger, immer schwächer wurde. Niemand sagt bis heute, wer bezahlt hat, als gleich nach dem Tod, draußen vor dem Sterbefenster im Palazzo Vendramin, Trauer-Gondeln auf dem Canale Grande vorfuhren. Drinnen saßen die Musiker des herumreisenden „Nibelungenorchesters“ von Angelo (Engel) Neumann. Am nahen Bahnhof stand schon ein Sonderzug bereit. Drinnen saßen nur die Witwe Cosima mit dem Sarg und die Kinder. An jeder größeren Station hielt der Zug kurz. Denn draußen spielten herbei geeilte Orchestermusiker „Siegfrieds Trauermarsch“ aus der Götterdämmerung. Für das private Grab im stillen Garten seines Wohnhauses Wahnfried hatten die Stadt und ihr Bürgermeister Theodor Muncker längst eine Sondergenehmigung erteilt, die ihm schon zu Lebzeiten bekannt war. Einen Besucher, den ihm geistig sehr nahestehenden Komponisten Anton Bruckner, sagte er, schon nach der Setzung des Grundsteins für das Festspielhaus, beim Blick aus dem Fenster seiner Bibliothek, „Dort werde ich einmal liegen.“

1951, erst 72 Jahre nach seinem Tod, eröffnete sein genialer Enkel Wieland Wagner die ersten Nachkriegs-Festspiele. 15 Jahre lang, von 1951 bis zu Wielands Tod in München, am 17. Oktober 1966, waren die Festspiele, mit ihm, das musikalische Weltzentrum. In neun Tagen wiederholt sich dieser Gedenktag. Auch ich habe damals, als Jugendlicher, Wagners Werke, zuerst nach Wielands Tod, entdeckt und dann langsam, immer gründlicher studiert. Weit weg von allen Opernhäusern, im abgelegenen westlichen Münsterland, an der Grenze zu Holland. Von dort aus kam auch der Wiedertäufer Jan van Leiden, (1509 – 1536) der „König der letzten Tage“, nach Münster. Dort wurde er am 22. Januar hingerichtet, öffentlich, vor dem Rathaus, als 27jähriger.

Gleich leitet der beste Wagnerdirigent, Wilhelm Furtwängler, „Siegfrieds Trauermarsch“ aus der Götterdämmerung. Dabei werden alle Hauptmotive aus dem vierteiligen „Nibelungenring“ als kurze Leitmotive gespielt. Die höchste Lautstärke erschallt bei der Siegfried-Fanfare, die jubelnd beginnt und dann plötzlich abbricht, mit dem hämmernden Motiv der Ermordung, durch seinen tückischen Jagdfreund Hagen:

https://www.youtube.com/watch?v=zCE_aYJNfQo

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