Die Winterreise

6.2.2021. „Die Winterreise“ von Franz Schubert ist eines seiner bedeutendsten Werke. Im Februar und März 1945, kurz vor Kriegsende, entstand in einem Berliner Studio, noch eine bemerkenswerte Aufnahme: Mit dem Tenor Peter Anders, begleitet von Michael Raucheisen. Die „Süddeutsche Zeitung“ schrieb: „Das war Teil des Großprojekts »Lied der Welt« beim Reichsrundfunk in Berlin. Damit ist ist es zugleich ein Zeitdokument. Die atemberaubende Tonlosigkeit, mit der Peter Anders im schweren Bombenhagel von Berlin zu singen wagte, gehört zum Schlichtesten und Ergreifendsten, was die reiche Interpretationsgeschichte der Winterreise bis heute zu bieten hat.“

Das kann man hören. Ein guter Sänger legt sein ganzes Innenleben in den Text und die Musik. Man hört hier außerdem, nur noch ein Klavier, das die wichtigsten Hauptlinien verstärkt. Peter Anders (1908 -1954) war damals schon bekannt. Er sang die großen Opernrollen. Auch viele leichtere Operettenpartien gestaltete er eindringlich und ernsthaft. Bei Schuberts Liedern ist die klare Textverständlichkeit besonders wichtig. Das übertrieb der Sänger nicht, aber er setzte sich voll ein.

Der Text der 24 kurzen Lieder erzählt, in der persönlichen Ich-Form, von einem Mann, den die Mutter seiner Freundin fortgeschickt hat, weil ein reicher Rivale aufgetaucht ist. jetzt zieht er durch eine tief verschneite Winterlandschaft. In den Naturbildern spiegelt sich sein Innenleben. Nur ein paar Titel: Die Wetterfahne. Der Lindenbaum. Rückblick. Irrlicht. Die Krähe. Oder: „Im Dorf. Es bellen die Hunde, es rasseln die Ketten. Es schlafen die Menschen in ihren Betten, träumen sich Manches, was sie nicht haben. Und morgen früh ist alles zerflossen. Je nun, sie haben ihr Teil genossen. Was will ich unter den Schläfern säumen?“

Das haben die berühmtesten Sänger in Aufzeichnungen festgehalten. Aber Peter Anders gibt auch eine innere Momentaufnahme der damaligen Außenwelt, kurz bevor Berlin, im Winter 1945, von Kriegsbomben völlig zeratört wurde. Augenblicke der größten Hoffnungslosigkeit. Aber schon im nächsten Jahr wurde der gröbste Schutt weggeräumt. Aufbruchsstimmung verbreitete sich. Und das Wirtschaftswunder, dessen Regeln einen raschen Wohlstand für Alle, aus dem Nichts herbeizauberten. Deutschlands beste Jahre.

Aber die Ursachen für das Glück gerieten schon lange in Vergessenheit. Schon Ende der Sechziger jahre begannen schwere, schleichende Krisen, die sich immer mehr steigerten. Jetzt ist ein Tiefpunkt erreicht, der aber auch nicht ewig dauert. Zum ewigen Kreislauf gehören nicht nur die vier Jahreszeiten, die wechselnden Lebensalter und die vergänglichen Epochen der außer Kontrolle geratenen Kaiser und Könige. Sondern auch die Erfolge. Es darf nur nicht sein, dass die Welt immer kälter und ungemütlicher wird. Gründe dagegen gibt es genug. Und auch realistische Ideen. Aber dann muss sich die Mehrheit noch viel mehr daran beteiligen statt nur passiv abzuwarten, wie bisher.

Hier kann man Peter Anders mit der vollständigen „Winterreise“ hören (74 Minuten):

https://www.youtube.com/watch?v=wwZmZu1O11c

.