Ein neuer Stern

15.11.2020. Die Geburt eines neuen Sternes bemerkt zunächst Niemand. Aber die Messinstrumente registrieren es. Weltraumkameras können Objekte in Milliarden Kilometer Entfernung aufnehmen, und wir sehen es später. Auch dann, wenn in deren Umgebung sich etwas verändert. Was kein Mensch vor hundert Jahren mitbekommen hat, bleibt nicht mehr unbemerkt. Vieles davon ist unwichtig, erzeugt nur immer mehr Datenmüll. Oder wird Teil in einer wissenschaftlichen Hypothese, nach einer Vermutung, die plötzlich verständlich wird.

Das ergibt keine Alltags-Schlagzeilen zum Wegwerfen, sondern ist Teil von Langzeit-Beobachtungen. Sie machen es möglich, Vorgänge im Weltraum zu erkennen, die sich über sehr lange Zeiträume entwickelt haben, nach eigenen Gesetzen und Abläufen. Rätselhaft sind immer noch die Schwarzen Löcher, in die überhaupt kein Licht eindringen kann. Sie sind aber deshalb erkennbar, weil sie eine derart hohe Energie speichern, dass sie benachbarte Sterne einfach fressen können. Wie das geschieht, weiß noch Niemand, aber die Veränderungen im Kosmos sind feststellbar. Es handelt sich um derart gewaltige Dimensionen, dass sie auf der Erde schweren Schaden anrichten könnten. Aber dort kann ein normaler Mensch sie überhaupt nicht bemerken. Er liest staunend, was da Alles, in ganz weiter Ferne passiert, kann aber nicht einmal selbst überprüfen, ob es sich um Fälschungen oder Phantasiegebilde handelt. Sicherheit gibt nur die Seriosität, die Glaubwürdigkeit der beteiligten Wissenschaftler. Die Astronomen machen sich nicht lächerlich, denn sie veröffentlichen ihre Forschungen regelmäßig, mit einer derart großen Genauigkeit, dass sie die Zeitungsleser beim Frühstückskaffee schon gar nicht mehr interessiert.

Aber ihre Astronomie-Kollegen und die Experten schauen fasziniert zu, weil auch im weltweiten Internet viele Spezialseiten existieren, die nur für Fachleute verständlich sind. Allgemein bekannt ist das geheime Dark Net. Verschlüsselungsprogramme wie TOR jagen alle Daten durch zahllose Netzwerke, bis sie technisch nicht mehr zurückzuverfolgen sind. Eine Spielwiese für verbotene Grenzwertigkeiten. Doch dort ist auch die Gegenseite aktiv. Kriminalbeamte, die sich unbemerkt einloggen und zuschauen. Fündig werden sie, wenn sie die Signale entschlüsseln können. Da gibt es noch technische Ansätze, die Grenzen haben, aber hilfreich sind. Und dann die elektronische Forensik. die wissenschaftliche Spurenauswertung. Sie entdeckt und vergleicht die Spuren, die auch nach einer großen Lösch-Aktion noch jahrelang zu rekonstruieren sind. Manches passt zunächst gar nicht zusammen, wird aber später verständlich. Andere kleine Mosaiksteine fügen sich vollautomatisch zusammen, zu einem großen, schlüssigen Bild mit einer individuellen Logik.

Das wird die ganze Kriminaltechnik noch völlig verändern. Es sitzen nicht mehr schlechte Brillen vor dicken, verstaubten Aktenbergen aus Papier, sondern die Digitalisierung entwickelt eigene, noch unbekannte Methoden der schnellen Auswertung und Lösung schwerer Fälle, die man im Fernseh-„Aktenzeichen XY“ anschauen kann. Dort sitzen hellwache Experten in festlichen schwarzen Anzügen, vor einem aufgeregten Millionen-Publikum. Ganz schlimme Verbrechen werden mit Schauspielern, Statisten wie Dokumentarfilme gezeigt, sehr glaubwürdig. Und im Hintergrund sitzen die Telefonisten, die Zuschauer-Anrufe annehmen und mit lebhafter Mimik, aber lautlos notieren. Das ist erfolgreich, seit Jahrzehnten.

Die Trefferquote ist unterschiedlich. Oft sind auch Verleumder und Denunzianten aktiv, die ihren bösen Nachbarn eins auswischen wollen, damit die ordentlich verdächtig werden. Aber das Ergebnis bleibt erst einmal unsicher. Bis es durch die ausgebrüteten Computerprogramme gejagt wird, die gerade erwähnt wurden.

Das ist bereits weit fortgeschritten, aber dann unerforschtes Neuland, wenn man sich zu sehr in Details verirrt, die nebensächlich sind. Dann müssen die Akten nach ein paar Monaten geschlossen werden, weil feste gesetzliche Zeitgrenzen ablaufen, die nicht unendlich dauern und Unschuldige schützen sollen. Oder lichtscheue Verdächtigungen, die nur auf Verleumdungen und Vermutungen beruhen, wie umstürzende Papier-Kartenhäuser im Wind. Wer darauf hartnäckig herumreitet, macht sich strafbar. Vor Allem, wenn die wirklichen Ursachen vertuscht werden. Zum Beispiel die Wahrnehmung des Rechts auf Meinungsfreiheit. Pressefreiheit. Geschütztes Privatleben. Informanten- und Zeugenschutz. Auch dafür gibt es aufwändige Regelungen, aber sie garantieren nicht die restlose Schließung undichter Stellen. Wenn ein einfacher Security-Mitarbeiter für die verdeckte Beobachtung in aktiven Krisenbereichen zuständig ist, kann es sein, dass er auch die Gegenseite informiert. Dann verlaufen gut geplante Überraschungs-Razzien im Sand, weil gar nichts zu finden ist. Schon vor vielen Jahren habe ich, an beliebten und gut besuchten, öffentlichen Biertheken gehört, wie die berechtigte Enttäuschung sich bei den Experten breit machte, obwohl die Informanten gleichzeitig selbst aufmerksame Zuhörer waren. Da nützen dann weder „Aktenzeichen XY“ noch die neuesten Analyse-Computer. Bargeld fließt dafür nur im Ausland, wo auch investiert wird.

Selbst Polizei-Computer sind nicht wasserdicht, weil die Informationen gelegentlich in der sensationslüsternen Presse ausgewalzt werden. Statisten in Nebenrollen sind auch Mitwisser, die man nicht pausenlos kontrollieren kann, und berufliche Geschwätzigkeit findet immer Schlupflöcher.

Trotzdem gehen im Universum immer wieder neue Sterne auf, und alte verlöschen, zu Recht. Zwar weiß das Jeder, aber es noch nicht in der Realität angekommen. Die besten Computerprogramme dürfen keine Datengräber sein oder Müllsammler. Sie müssen einzelne Fakten sortieren, nach Wichtigkeit, Regeln, sie müssen Wiederholungen, Auffälligkeiten erkennen und melden. Sie müssen Lösungen vorschlagen, Hinweise auf Schlampereien und Informationslücken senden, falsche Methoden und gefälschte Dokumente markieren und nicht zu lange auf Einzelfällen herumreiten. Der Gründer des Nachrichtenmagazins „Spiegel“, Rudolf Augstein, schrieb über eines seiner Lebensmotive: „Wo viel Geld ist, da sitzt auch das Verbrechen.“ Dafür waren, zu seinen Lebzeiten, die Spiegel-Reportagen in Führungskreisen gefürchtet. Das bundesweit zuständige Pressegericht saß direkt am Redaktionsort Hamburg, und die meisten Prozesse hat der „Spiegel“ gewonnen. Einmal ließ der gar nicht zuständige Verteidigungsminister Franz Joseph Strauß sogar Augstein und einige Mitarbeiter verhaften, wegen angeblichen „Landesverrats“. Einer der großen Skandale in den Sechziger Jahren, als man noch allgemein nicht so bequem und träge war. Strauß musste damals zurücktreten. Augstein brachte dafür ständig neue Enthüllungen über ihn. Vor Allem, als 1980 ein neuer Bundeskanzler zu wählen war, geriet der „Spiegel“ auf Hochtouren. Das ist Alles schon vierzig Jahre vorbei.

Und täglich entstehen neue Lichter am Nachthimmel. Und immer wieder geht die Sonne auf. Die Computertechnik hat dafür unendliche, bisher ungenutzte Möglichkeiten. Aber die Erkenntnis bleibt Sache der Menschen. Den Fortschritt kann man zwar verzögern, aber nicht abschalten, dabei auch erkannte Fehler und Versäumnisse noch leichter vermeiden. Am heutigen Sonntag ist Zeit genug zum Nachdenken. Und morgen geht wieder die Sonne auf, auch wenn draußen ein Novembernebel wartet.

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