Eine Auswahl der Sonette

12.11.2020. Mit sechzehn Jahren habe ich versucht, Shakespeare-Sonette zu übersetzen. Schwierig war dabei nicht die wörtliche Übertragung. Aber die Atmosphäre, die verrätselten Anspielungen des Originals nach zu empfinden, war nicht einfach. Hier dafür nur ein Beispiel:

Sonett Nr. 18: „Vergleich ich dich mit einem Sommertag? Lieblicher und maßvoller bist du. Der stürmische Wind schüttelt die Blüten im Mai. Und viel zu früh endet der Sommer. Manchmal leuchtet das Himmels-Auge zu heiß, doch dann verdunkelt sich sein goldener Kreis. Niemals bleibt das Schöne in seiner frühesten Gestalt, durch Zufall oder den wechselnden Lauf der Natur. Doch dein ewiger Sommer soll nicht verblassen, auch nicht den Besitz deiner Schönheit verlieren. Nie soll der Tod dich ziehen in seinen Schatten, wenn du, durch diese Zeilen ewig, immer weiter wächst. So lange Menschen atmen und Augen sehen, so lange lebt diesund das gibt Leben dir.“

Die Sonette sind an einen Herrn „W.H.“ gerichtet, („The only begetter“, also den einzigen Empfänger), aber das kann eine Spielerei sein. Shakespeare – ein Pseudonym für das Original Christopher Marlowe – spiegelt sein eigenes, überreiches Innenleben. Möglicherweise gemeint ist auch sein enger Londoner Freund Thomas Walsingham, der Neffe des Geheimdienst-Chefs von Marlowes Gönnerin, Königin Elisabeth I.

Dazu das Wikipedia-Lexikon: „Der Monolog in Marlowes Werk bietet nicht länger eine fertig vorgetragene Rede, mit vorab festgelegtem oder durchdachtem Aufbau, sondern wird als ein spontanes, inneres Zwiegespräch des dramatischen Helden verwendet. Auf diese Weise kann der Leser nun unmittelbar miterleben, wie aus dem bewegten Sprechen des Helden, unter dem Andrang seiner Emotionen und Gedanken, seine weiteren Empfindungen, Überlegungen und Motivationen entstehen und sich entfalten. Mit dieser Weiterentwicklung der Form des dramatischen Monologs, wird er bei Marlowe bereits zum Spiegel des inneren Dramas seines Protagonisten, der wie Shakespeares HamletLear oder Macbeth um Worte und Bilder ringt, als Indiz seiner unbewussten oder verdrängten Begierden, Hoffnungen und Ängste.“

Im Ergebnis hat Shakespeare mit seinen Sonetten einen Gipfel der Sprachkunst erreicht, der sensibel, aber auch stolz gestaltet ist. Der Autor hatte den größten Wortschatz der englischen Sprache, ist aber immer klar verständlich. Eine aufwändige Bühnen-Ausstattung lenkt nur davon ab, weil sie für sich selbst die größte Aufmerksamkeit erregen will. Bei Shakespeare aber sind es seine Gedanken, die zwar an optische Schauplätze gebunden sind, die aber nur als Brücken dienen. Als Medium für Mysterien, die Niemand auflösen kann.

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