Forschungsreisen im Labyrinth

6.2.2021. Die ersten Jahre in einer mittleren Großstadt sind wie Forschungsreisen durch ein großes Labyrinth. Vorher gab es die überschaubare Schulzeit und mittendrin, viele Grenzen, geographische und gedankliche. Doch es bereitete sich dabei etwas Größeres vor. Die erste große Tür waren achtzehn Pflichtmonate beim Militär. Absichtlich von der Führungsebene so festgesetzt, war das weit weg aus der gewohnten Umgebung, 200 Kilometer entfernt, im hohen Norden bei Hamburg. Bad Segeberg bot noch nicht einmal deine sehenswerte Innenstadt, sondern nur das schwach besiedelte Umland. Dort gab es aber die Konzentration auf den Alltag. Körperlich herausfordernde Übungen. Schulungen mit einem zunächst engen Horizont.

Sogar das Interesse an Zeitunglesen und Büchern wurde lange gedämpft. In einer streng geordneten Welt, wo Befehle gehorsam auszuführen waren und Beschwerden darüber erst nachträglich erlaubt wurden. Eine sehr arme Welt. Aber nicht das Ende vom Lied. Die Erfahrungen dort begleiteten dann das ganze Leben, nicht äußerlich, aber in der Denkweise. Nicht beim bedingunslosen Gehorsam, sondern bei der Beachtung von wichtigen Regeln, die für jede Art von funktionierender Ordnung das wichtigste Fundament sind.

Das galt auch für den Umgang miteinander. Mangels äußerer Ablenkung und wegen des geringen finanziellen Spielraums gehörte damals die Anpassung an Fremde dazu, nicht Wichtigtuerei. Wer aber dagegen verstieß, bekam es von Gleichgestellten deutlich zu spüren. Weil die schlauen Abiturienten im theoretischen Unterricht zu viel fragten und die Langweile noch mehr in die Länge zogen, gab es einen abgesprochenen Abend, wo kleine Gruppen abends, vermummt und nicht erkennbar, durch die Zimmer schlichen und die Schwätzer dann unter der Dusche mit klebriger schwarzer Schuhcreme einschmierten. Weil ich aber nicht so schlecht angesehen war, baute sich ein schwergewichtiger Metzger breit in der offenen Tür auf und rief in den Flur, „Hier kommt Keiner rein!“ Das wirkte sofort. Ähnliche Vorfälle gab es immer wieder. Aber die langen achtzehn Monate gingen vorbei, ohne dass ich von solchen Vorfällen jemals betroffen war.

Ein Vorbild waren diese Monate natürlich nicht, aber ein sehr langes zeitliches Hindernis, um tatsächlich weiter zu kommen und wieder zu anderen Lebensinhalten zurückzufinden. Die Vorgesetzten waren damals meistens anständig, sportlich und gerecht, aber auf ihre allgemeinen Grenzen und Vorschriften festgelegt. Am schlimmsten waren dabei Dummköpfe, die sich wie Supermänner aufspielten und lautstark herumkommandierten, obwohl ihre Köpfe völlig leer waren.

Später habe ich auch privat einige Militärs erlebt, die sportlich und fair waren. Sie waren vor Allem froh, nicht die ganze Abende in ihren engen Kasernen zu verbringen, sondern sie hatten ihre eigenen deutschen Stammlokale, wo sie sich ganz normal benahmen. Sehr sympathisch war allerdings nicht ein gut aussehender Nordamerikaner, der sich darüber freute, mal spannende Geschichten aus seinem Alltag zu erzählen. Ganz nebenbei erwähnte er, dass er auch bei seinen Kameraden sehr beliebt war und den Auftrag hatte, ihre wichtigsten Gespräche weiter an die Vorgesetzten zu melden. Wie es ihnen danach erging, konnte er sich zweifelsfrei vorher denken, war aber deshalb keineswegs traurig. Als wir uns ein paar Tage später zufällig wiedersahen, freute er sich. Ich sagte nur, ganz ruhig, „Du bist ein Spion.“ Gestritten haben wir uns nicht, aber er ist nach desem Stichwort sofort gegangen. Ein anderes altes Sprichwort sagt, „Jeder liebt den Verrat, aber Keiner liebt den Veräter.“ Darüber hat er mit Sicherheit, lange nachgedacht. Wir haben uns niemals wieder gesehen, aber er hatte den Fehler begangen, dass er sich selbst enttarnt hatte. Bei seinen Kameraden wäre ihm das überhaupt nicht gut bekommen.

Das ist ein Problem in allen Bereichen. Zu jeder Vertrauensstellung, zu jeder Führungsposition gehört die ausnahmslose Verschwiegenheit über interne Betriebsgeheimnisse. Nicht nur bei Ärzten und Rechtsanwälten, auch bei Polizisten. In ihrer Freizeit plaudern die meisten Menschen gern, wenn ihnen Jemand zuhört und dabei mitreden kann. Es ist ein Vertrauensbeweis, aber oft gibt es auch schweigsame, angetrunkene Zuhörer, die bei Stichwörtern schnell wach werden. Auch wenn sie vom Thema gar nichts verstehen. Zum Beispiel bei den Bildern auf einem Bierkrug, der besonders sorgfälig gestaltet ist. Dazu gehören immer ganz andere, noch bessere Geschichten. Außerdem gedankliche Querverbindugen und die Wortwahl, die Themen eines völlig Unbekannten.

Deshalb ist es rätselhaft, wie viel dummes Zeug manchmal junge Leute quatschen. Sie kichern und lachen, belästigen, benehmen sich auffällig und senden damit Signale. Über ihre Arbeitsplätze, ihre Kollegen und deren mittlere Führungsebene. Wer noch mehr Zeichen erkennt, versteht schnell auch die Arbeitsmethoden und die Köpfe weiter oben, in der Spitze des Weihnachtsbaums. Manche Leute erscheinen gern, sehr oft in den Medien und reden über sich selbst.

So lernt man sie kennen. Und manchmal auch ihre Anhänger und Mitarbeiter, wenn die ganz privat unterwegs sind. So löst man auch Fälle, bei denen selbst die beliebte Fernsehserie „Aktezeichen XY“ ratlos bleibt. Spitzenpolitiker haben ihre eigenen Geheimnisse, aber auch Mitarbeiter. Mitwisser. Wer bei den eigenen Leuten nicht genau hinschaut, muss immer mit dem Auftauchen alter Akten rechnen, die bei einem bekannten politischen Wechsel zunächst völlig verschwunden sind. Mit elektronischen Datensammlungen ist das noch schlimmer. Jedes abgesandte Mail kann an Empfänger geraten, die nur darauf warten. Und die müssen sich nicht einmal verstecken, auch nicht hinter Kopfhörern, Tarnkappen oder elektronischen Schleiern. Eines vermeide ich eigentlich immer: Eine andere Person in einem Mail zu beleidigen. Das landet schnell beim Beleidigten. Einmal habe ich das aber, privat und absichtlich gemacht. Die Reaktion war, wie erwartet. Ich sollte die Beleidigung zurücknehmen. Aber der zweite Satz dieser Nachricht wies den Emfänger auch noch auf einen schweren, eigenen Fehler hin. Dazu sagte er aber kein einziges Wort. Und genau deshalb reichte seine spontane, unkontrollierte Antwort vollständig aus. Das Schimpfwort hatte eine refexartige Reaktion ausgelöst, damit gleichzeitig den Empfang der zweiten Tatsache bestätigt und dokumentiert.

Manche Dummköpfe lieben solche Spielereien. Aus der Wortwahl eines Mails, aus den Themen lässt sich jedoch sogar ein anonymer Absender identifizeren. Selbst wenn er eine sichere Verschlüsselungsmethode benutzt wie TOR, die über zahllose Computer, weltweit umgelenkt wird, wie eine magische Tarnkappe. Die Technik kann zwar Viel, aber nicht Alles. Wer das nicht weiß, muss immer mit Erkenntnissen rechnen, die er gar nicht für möglich hält, weil er nur streng gesicherte Datenbanken benutzt. Man darf solche Möglichkeiten auch nicht überschätzen, aber wenn sie mehrmals funktionieren, ist der Schwätzer nur noch eine, wie an Kinderspielpätzen nutzlos vergeudete Zeitverschwendung.

Jeder Mensch hat einen beschränkten Horizont. Wenn Dummheit und Frechheit dazu kommen, wird politische Macht missbraucht und viel Geld verbrannt und falsch investiert. Die vierzig Kapitel (Kategorien) auf dieser Webseite sind unterschiedliche Themen, wo Jeder Wissenslücken hat. Sie freiwillig zu verbessern, ist eine Aufgabe des Internets. Keine Privatsache ist das, wenn wichtige Entscheidungen und Beurteilungen davon betroffen sind. Aber genau dort gibt es oft riesige Wissenslücken, aus Dummheit oder Faulheit. Solche Führungskräfte richten Schaden an, das ist eine persönliche Erfahrung. Aber selbst ein Genie wie Sigmund Freud wusste nicht Alles, und das ineteressierte ihn auch nicht. Er äußerte sich niemals ausführlich über Musik, hat aber bei dem Komponisten Gustav Mahler (1860 – 1911) eine persönliche Analyse versucht, als sie sich 1919 trafen. Dabei kam gar nichts heraus. Für mich ist die Musik eine sehr wichtige Dimension, weil sie die Gedanken anregt und erweitert. Beim Tod Wieland Wagners (1917 – 1966) war ich sechzehn Jahre alt.

Danach begann eine Konzentration auf sein Werk und dessen Hintergründe, deren Kraft niemals nachgelassen hat. Das ist Thema vieler Artikel hier, gleich zu Beginn dieser Webseite und beeinflusste auch ganz andere Erfahrungen. In der Kurzfassung ist es wie ein starker Funksender, dessen geographische Lage sehr weit entfernt ist, dessen Wirkung aber das Universum durchdringt, in allen Bereichen.

Die ersten Nachkriegs-Festspiele 1951 eröffnete Wieland Wagner mit einem Paukenschlag, der völligen Veränderung des optischen Bereichs durch Licht und mächtige Symbole. Eine Bilderschrift, die auch bei den alten ägyptischen Pharonen seltene Höhepunkte erreichte. Dazu sah man, 1951 das Spätwerk „Parsifal“, das akustisch völlständig aufgezeichnet wurde.

Hier kann man das vollständig hören (4,5 Stunden). Aber es reicht auch das vierminütige Vorspiel, um das Ganze in seinen gewaltigen Umrissen zu erkennen und sie dann, im Lauf vieler Jahre, noch besser zu erforschen:

https://www.youtube.com/watch?v=EWXNUADhMzo

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