Frank, Cavalleria, Kaufmann

11.10.2020. Heute war ein Festkonzert fällig. Zuerst Frank Sinatra (1915 – 1998), „It was a very good Year.“ Das ist sein musikalischer Rückblick auf das Leben, mit klassischem Orchester und eindringlicher Solo-Klarinette. Er lässt drei Lebensabschnitte vorbeiziehen. Mit 17, 21, 35 Jahren. Und dann heißt es, ganz klar und nüchtern gesungen, „Jetzt sind die Tage vorbei. Ich bin im Herbst des Lebens.“

Danach die vollständige Verfilmung von Mascagnis „Cavalleria Rusticana“(Bauernehre). Herbert von Karajan dirigiert das, in seiner besten Zeit, in den Sechziger Jahren, als auch die ersten Gastarbeiter nach Deutschland kamen. Die Handlung: In einem sizilianischen Dorf gehen die Leute am Ostersonntag in die Kirche. Vorher und nachher spielt sich eine blutige Tragödie ab. Der junge Bauer Turiddu hat den mächtigen Fuhrunternehmer Alfio mit dessen verlotterter Frau betrogen. Durch vergiftetes Rache-Geschwätz kommt Alles heraus. Am Ende ersticht Alfio seinen Rivalen, direkt hinter der Kirche. Ein kleiner Junge ruft nur noch, „Turiddu ist tot !“ Dann kommt ein letzter, lauter Tutti-Schlag des gesamten Orchester. Und dann ist Schluss. Vorher sieht man die karge Landschaft, im gleißenden Sonnenlicht. Die einfachen Dorfbewohner. Ihr Respekt vor den alten Traditionen. Und die gnadenlos Bestrafung des Ehebrechers.

Mascagnis (1863 – 1945) Musik fließt über von tiefen Emotionen und ergreifenden Melodien. Die Geschichte spielt in einem Dorf bei Catania, wo der große Vincenzo Bellini (1801 – 1835) geboren wurde. Wahrscheinlich wollte der Norditaliener Mascagni aus der Industriestadt Livorno ihm ausdrücklich diese Ehre erweisen. Ein Zeichen der Solidarität mit dem armen Süden.

Dazu passte Jonas Kaufmanns gefeierter Puccini-Abend an der Mailänder Scala. Das Solo-Konzert lief auch erfolgreich, in einigen Kinos. So gut war er zwar nicht immer. Aber Puccini scheint ihm sehr wesensverwandt zu sein. Kein fetter Schmalz, aber tiefe Emotionen. Danach gab es vierzig Minuten begeisterten Beifall.

Kaufmann habe ich Anfang Juli 2010 kurz, vor dem Münchner Lenbach-Haus, zufällig getroffen. Er sollte, in der neuen Bayreuther Lohengrin-Inszenierung, die Titelrolle singen, kostümiert als verrückter Labor-Versuchsleiter im weißen Kittel, dazu der große Chor in menschengroßen, abscheulichenen Ratten-Kostümen. Ich fragte ihn, „Wie werden Sie mit dieser Inszenierung klar kommen?“ „Ach, mit dem Regisseur Hans Neuenfels habe ich schon öfter zusammen gearbeitet.“ Das hat er bereut. Am Aufführungstag, der dritten Vorstellung, saß ich mit einem Bekannten vor dem Bayreuther Hauptbahnhof. Plötzlich hielt vor uns ein schicker, offener Sportwagen. Tenor Klaus Florian Vogt sprang heraus und verschwand im benachbarten Hotel „Bayerischer Hof“. Ich sagte, „Was macht der denn hier? Heute Abend singt doch Kaufmann.“ Aber es stimmte. Im Foyer hingen kleine Zettel, dass Kaufmann abgesagt hatte und Vogt deshalb für ihn einsprang. Seitdem hat Kaufmann nicht mehr in Bayreuth gesungen.

Heute kam noch, als Abschluss, der glanzvolle Auftritt von „Il Volo“ vor dem Mailänder Dom. Die drei „jungen Tenöre“ sangen auch Puccinis bekanntes „Nessun Dorma“, (Keiner schlafe!) unter der Leitung des alten, jetzt schlohweißen Tenors, Placido Domingo. Die drei Stimmen waren perfekt, das optische Umfeld auch.

Das ist die Zukunft: Auftritte von Sängern, die sofort als Video aufgezeichnet werden und im Internet zu sehen sind, mit guten Dekorationen, für eine anschließende, weltweite Übertragung und für angemessene Einnahmen, auch aller Mitarbeiter. Stattdessen herrscht in der Welt immer noch Funkstille und die völlige Abwesenheit von Ideen, auch bei ganz anderen Anlässen.

Das heutige Datum 11.10. hat die Quersumme Drei. Das ist die Trinitas, die dreifache Wahrnehmung der Zeichen Gottes, diesmal an einem Sonntag.

Die Welt wird nicht untergehen, trotz der Dornenkrone „Corona“. Sie muss und wird sich aber verändern.

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