Ganz oben: Würzburg

26.9.2020. Würzburg liegt ganz oben in Bayern, nämlich im Norden. Es ist der Mittelpunkt von „Weinfranken“, wo herbe Weinsorten angepflanzt werden, von denen Einige einen sehr guten Ruf haben. Im Herbst 1968 machte unsere Schulklasse eine mehrtägige Klassenfahrt dorthin. Unvergessliche Bilder in Bamberg, Volkach und Würzburg. Die im Zweiten Weltkrieg total zerstörte Stadt war mit den wichtigsten Gebäuden wieder neu aufgebaut worden, aber wie vorher, mit den alten Gassen, Gebäuden und Schlössern. Bamberg beeindruckte durch den ragenden Dom und seine historische, malerischee Umgebung. In Volkach wanderten wir mitten durch das Herbstlaub eines Weinbergs, zu einem Restaurant mit großen Panorama-Fenstern hinauf. Das erst Weinglas meines Lebens schmeckte herb, hatte aber sofort eine starke Wirkung, zwischen Freude und Benommenheit.

Schon im Reisebus unterwegs sangen wir Viktor von Scheffels Volkslied „Ich will zur schönen Sommerzeit ins Land der Franken fahren.“

Hier kann man das hören:

https://www.youtube.com/watch?v=sf3xMC_x_0w

Schon anderthalb Jahre später gab es noch eine Steigerung: Im Februar 1970 nahm ein Kamerad von der Bundeswehr, der Kampftruppenschule I in Hammelburg, nicht weit von Würzburg, freitagabends in seinem Auto mich mit in das winterliche Bamberg. Unter enem grauen Winterhimmel wirkte die Altstadt noch geheimnisvoller. Dann kam der zentrale Umsteige-Bahnhof Neuenmarkt-Wirsberg.

Ankunft, zum erten Mal in Bayreuth. Eine preiswerte Pension in der Schüllerstraße, am Hauptbahnhof.

Morgens dicke Schneeflocken, den ganzen Tag. Das Festspielhaus war still, menschenleer die Umgebung.

Zu Fuß zum zentralen Markt. Alte Läden mit Alltagswaren. Haus Wahnfried. Wagners Privatwohnung. Im Garten sein Grab. Kein Laut, nur feierliche Stille. In einem blattlosen Gebüsch zwitscherte plötzlich ein unsichtbarer Singvogel. Diese einfache Musik, eine Naturstimme, blieb unvergesslich. Der Klang passte zum sommerlichen „Waldweben“ und der Stimme des Waldvogels im“Siegfried“. Danach unterbrach der Komponist enfach die weitere Fertigstellung seines vierteiliges Zentralwerks, jahrelang. Er fand ganz neue Klänge, die ekstatischen Todesträume im Tristan, die strahlend triumphierende Festwiese der Meistersinger. Und erst dann setzte er die unterbrochene Arbeit am Siegfried fort, wieder mit dem Waldvogel, dessen Sprache der Drachentöter plötzlich versteht, und mit der Vollendung der riesigen Tetralogie in ganz neuer, überwältigender Kraft. Der Sonnen-Gesang „Heil dir, Sonne“, ertönt, als die kämpferische Wotanstocher Brünnhlde zum ersten Mal Siegfried anschaut. Im Schlaf trug sie eine Rüstung und einen geschlossenen Helm, und er hielt sie irrtümlich für einen Mann, einen mutigen Krieger: „Ah, in Waffen ein Mann. Ach, wie schön !“ Glücklicherweise klärte Wagner diesen Irrtum rasch auf, sonst wäre daraus eine ganz andere Geschichte geworden. Dem einsamen Märchenkönig Ludwig II. hätte das gefallen. Die Musik dazu spielt, in höchsten Tönen, nur ein großes Streichorchester, wie in romantischen Liebesfilmen. Diese triumphierende Huldigung an die Sonne. „Heil dir, Sonne“, singt Brünnhilde also beim ersten Anschauen ihres unbekannten Besuchers, ihres zukünftigen Lebensfreunds. Ein Sonnen-Gesang, wie der alte Hymnus des ägyptischen Pharaos Echnaton. Und in der folgenden „Götterdämmerung“ gibt es noch mehr davon.

Nach dem Besuch am Wahnfried-Grab ging es zurück in die Stadt. In der nahen Richard-Wagner-Straße standen mehrstöckige alte Wohngebäude. Und eine schmale, halb dunkle Keller-Buchhandlung. Die ältere Inhaberin staunte über den Besucher, der nach Musikbüchern fragte. Versteckt in der zweiten Reihe eines hohen Regals, standen bei ihr ein paar Wagner-Bücher. Nach dem Kauf rief sie spontan im nahen Wahnfried-Gebäude an, sagte zur anwesenden Archivarin Strobl, „Hier ist, mitten im Winter, ein junger Mann, der sich für Wagner interessiert.“ Leider waren die Angerufenen, angeblich gerade beim Mittagessen. Aber sie hatten wohl kein Interesse. Der Sommer reicht schließlich aus, für die hartnäckigsten Anhänger. Ein Irrtum, der sich immer noch beseitigen lässt. Aber damals wollte man, verständlicherweise, einfach nur seine gewohnte Ruhe haben.

Erst siebzehn Jahre später, nach dem Umzug, war München ein idealer Ausgangspunkt für viele, bis zu drei Mal jährliche Besuche in der Wagnerstadt, auch ohne teure Eintrittskarten. Da lernt man die ganze Stadt gut kennen. Und natürlich, auf tagelangen Autoreisen, das gesamte, verwunschene Frankenland, von Würzburg bis Hof, das auch „ganz oben in Bayern“ liegt. Nürnberg war unterwegs, bei der Anfahrt und bei der Rückfahrt, die notwendige Umsteige-Station. Aber das Alles erneuert sich nicht mehr. Es bleiben, und das reicht völlig aus, die wertvollen Erfahrungen. Der Dichter Jean Paul schrieb,“Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können.“ So pauschal ist das nicht richtig. Der griechische Philosoph Epiktet schrieb, „Dir gehört nur das, was du selbst bist.“ Beide haben Recht.

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