Già nella notte densa

22.8.2021. „Già nella notte densa.“ Übersetzung: „Nun in der nächtlichen Stille verliert sich jeder Laut.“ Das ist die große Liebesszene aus „Othello“. Das Stück  fällt völlig aus dem gewohnten Rahmen. Shakespeares Spätwerk ist extrem, die Handlung kreist um überhitzte Eifersucht und einen Liebes-Mord, den Neid und hinterhältige Lügen ausgelöst haben. Der Titelheld ist ein erfolgreicher General in Venedig, dessen schwarze Hautfarbe ihn bei den damaligen Führungsebenen der Renaissancezeit zum Außenseiter macht.

Die Weltliteratur und die Realität sind voll solcher Dramen. Sie fallen nur dann noch auf, wenn sie besonders gut sind. In der Wirklichkeit meistens nicht, aber Sprache und Musik können ganz andere Dimensionen öffnen, vor Allem in der Tiefe, unter der Oberfläche.

Wörter sind immer Chiffren, verschlüsselte Zeichen, aber oft auch ganz unwichtig. Überall wird viel zu viel geredet. Der Überfluss macht träge und schläfrig. Oft reden Leute sehr lange, die außer leeren Phrasen gar nichts zu sagen haben. „Es wurde bereits Alles gesagt, aber noch nicht von Jedem.“ (Karl Valentin). Bei beruflichen Besprechungen ist das besonders schlimm. Wenn zwanzig Teilnehmer anwesend sind, wollen Wichtigtuer sich in den Vordergrund spielen. Bei einer solchen Veranstaltung habe ich einmal, auf einem unauffälligen Platz ganz hinten, Karikaturen von den Mitwirkenden gezeichnet. Die Gesprächsleiterin hat das gemerkt, aber überhaupt  nichts davon gesehen. Vier Wochen später traf ein Abteilungsleiter aus der Zentrale ein und machte Vorwürfe, weil ich angeblich geschlafen hatte. Dann wiederholte ich nur die Körperhaltung am Schreibtisch: Gesenkter Kopf,  mit einem Kugelschreiber in der Hand. Er schrie noch wütend: „Geben Sie doch einmal zu, wenn Sie etwas falsch gemacht haben!“ „Das geht nicht, wenn gar kein Fehler passiert ist.“

Zum zweiten Mal hat er so etwas  nicht versucht. Es war einfach aufgeblasener Quatsch, typisch für seine eigene, sonst auch ergebnislose Arbeitsweise. Darüber habe ich aber niemals mit ihm diskutiert, es wäre sowieso sinnlos gewesen. Aber etwas Traurigkeit blieb dann noch, etwa eine halbe Stunde lang.  Denn seine eigenen Fehler und Versäumnisse konnte man mit verschwendeten Millionenbeträgen nachrechnen. Natürlich auch ergebnislos.

Darum ist ein ernstzunehmendes, erschütterndes  Trauerspiel wie  „Othello“ zwar frei erfunden, aber viel wichtiger. Der Autor Shakespeare lebte damals ganz in der Nähe von Venedig und starb dort, 1627  in Padua. Am 26.1.21 schrieb ich: „Das wissen wir nur durch die Aufzeichnungen von Petro Basconi, mit dem er unter einem Dach lebte und der den Erkrankten bis zu dessen Tod pflegte. Basconi notierte, dass der Fremde behauptete, er wäre Christopher Marlowe und hätte aus London fliehen müssen.“ Marlowe verwendete tatsächlich ein Pseudonym, den  Namen  Shakespeare, der auch verwendet wurde, für das  entfesselte Liebesdrama von „Romeo und Julia“. Man erkennt diesen Autoren  immer an seiner Sprache, die klar und leidenschaftlich, voller Naturstimmungen ist  und ihn schon als jungen Mann in London berühmt machte. Vergleiche und Vermutungen über die starke Ähnlichkeit der  beiden Autoren haben Wissenschaftler  schon seit vierhundet Jahren gemacht. Sie sind tatsächlich identisch. Andere Einzelheiten bestätigen diese Vermutung zweifelsfrei.  Dieses Ergebnis wird mit vielen Dokumenten begründet, auf meiner zweiten Webseite „Zeichen und Bilder“:

https://www.mind-panorama.de/  

Giuseppe Verdis vorletztes Werk hieß auch „Otello“, genau nach dieser Shakespeare-Vorlage. Bevor der Rachesturm die beiden Liebenden  zerstört, haben der stolze Feldherr  und seine unschuldig verleumdete Desdemona ein außergewöhnliches, hymnisches  Liebes-Duett. Verdi griff dabei zu den entfesselten Klängen aus Wagners „Tristan und Isolde“, zitierte einige Melodien sogar ganz genau. Das fällt auch aus dem Rahmen seiner sonstigen Klangsprache. José Cura und Barbara Frittoli singen das hier,  „Già nella notte densa! (Parma 2001) : „Nun, in der nächtlichen Stille, verliert sich jeder Laut.  Schon wollen die Sterne der Plejaden den Rand des Meers berühren.“ :

https://www.youtube.com/watch?v=HGhkZQUrsBg

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