Grenzenlose Freizeit

21.7.2021. Urlaub am Strand, das war wohl die erste Bewegung im Massentourismus. Weil das genauso bequem war wie die Sommertage im Freibad zu Hause. Cavallino ist eine kleine Gemeinde zwischen der  Lagune von Venedig und der Adria, sehr beliebt bei deutschen Urlaubern, mit Campingplätzen am Meer und Freizeitparks. 1984 war ich einmal dort, die Reisebegleitung lag tagsüber am Strand, und ich wanderte um 08.00 Uhr morgens zur nächsten Schiffsanlegestelle. Dort ging es in wenigen Minuten direkt zum Markusplatz. Das historische Zentrum konnte man schnell durchwandern. Unterwegs gab es ständig Überraschungen, um sich hinzusetzen und die Märchenstadt genauer kennenzulernen. Die Bücher mit den Erklärungen dafür wurden erst drei Wochen später angeschafft. Viele Kleinigkeiten standen dort sowieso nicht drin. Zum  Beispiel die wenigen Stadtviertel, wo noch Einheimische lebten und eine originelle Atmosphäre gestalteten, mit kleinen Kaffeebars, wo man den ganzen Tag die neuesten Nachrichten austauschen konnte. Autos gab es nur außerhalb der Stadt, und Wasserbusse kamen durch jeden Seitenkanal.

Nicht weit vom Hauptbahnhof entfernt ist der Palazzo Vendramin, direkt am Canale Grande. Dort starb an einem Fenster in der ersten Etage, am 13.2.1883 der Musikdramatiker Richard Wagner. Als hätte es Jemand geahnt, fuhr kurz danach ein großes Orchester in Gondeln vor dem Sterbezimmer vor und spielte seinen Trauermarsch. Ein Sonderzug für die Heimreise stand auch schon bereit, in dem nur die Witwe mit dem Sarg und die Kinder saßen. An größeren Bahnstationen unterwegs standen wieder herbei geeilte Orchester und spielten den Trauermarsch. Wenn man den Palazzo 1984 betrat, sah man dort nur ein kleines Schild mit einem Hinweis, eine Gedenkstätte gab es nicht.

Notwendig war das auch nicht, aber im Vergleich zu den Millionen Gedenkstätten auf der ganzen Welt, aus ganz anderen Anlässen, war es ein Armutszeugnis. Der Tourismus hat längst gigantische Größenordnungen erreicht, dabei sind extreme Grenzen  überschritten worden. Für viele ärmere Staaten ist das die Haupt-Einnahmequelle. Genau wie bei der Fernsehwerbung ist eine kleinere Drehgeschwindigkeit längst überfällig, auch bei den aufdringlichen Methoden. Mittlerweile ist es wünschenswert, dass man sehr alte Sehenswürdigkeiten überhaupt nicht verändert, vor Allem  nicht deren nächste Umgebung. Einnahmequellen gibt es trotzdem genug, aber an einem kleinen Platz müssen nicht zwanzig neue Hotels stehen, weil sie abschreckend sind. Italien und Spanien haben das schon in den Sechziger Jahren übertrieben. Denkmäler dafür sind auch Bauruinen, so wie große Straßenbrücken,  die Niemand benutzt.

Die reichlich vorhandene Kultur war dabei nicht der Antriebsmotor, sondern das viele Geld. Seit ein paar Monaten erfährt die Welt von immer neuen Abenteuern in der Hochfinanz. „Open Lux“ und „Wire Card“ werden mittlerweile in jedem Lexikon genau erklärt. Die europäischen Politiker versprechen „lückenlose Aufklärung“, könnten dabei aber noch viel leiser auftreten. Denn die Regierungen  lenken auch die staatlichen Kontrollbehörden. Der neueste Paukenschlag ist die „Obergrenze für Bargeldzahlungen.“ Mehr als 10.000 Euro pro Fall sollen ganz verboten sein, die Banken müssen alle Auffälligkeiten melden. Aber in welchem Jahr leben wir? Das Bargeld verschwindet schon seit Jahren als Zahlungsform, immer mehr. Trinkgelder sind nicht verboten, und der große  Rest läuft elektronisch ab. Dabei entstehen immer Spuren, die noch schneller aufgeklärt werden können. Das sichere Ausland existiert dabei nicht mehr. Die Schweiz hatte einmal ein wasserdichtes Bankensytem, das nicht zu knacken war. Aber sie hatten Filialen großer eidgnössischen Firmen, im fernen Nordamerika (USA). Sobald dort Verdächtiges passierte, verlangten die Steuerfahnder aus Übersee die Öffnung aller Konten, weltweit. Sonst wurden alle Geschäfte verboten. Das hat gewirkt.

Der neue Wirbel wegen begrenzter Bargeldzahlungen kommt viel zu spät und bewirkt kaum noch etwas. Allerdings wurde damit  eine rote Ampel installiert, die auch die letzten Schläfer aufschrecken kann. Warum sollte Angst dabei immer noch eine Rolle spielen? Es ist ja Alles bekannt. Wer vor einer roten Ampel nicht hält, sondern einfach weiter in die Kreuzung hineinfährt, weiß auch ohne Führerschein, was dann passieren kann.

Als Richard Wagner in Venedig starb, verbreitete sich die Nachricht sehr schnell. Anton Bruckner (1824 – 1896) komponierte gerade seine siebte Sinfonie. Den langsamen zweiten Satz nannte er „Trauermusik für den hoch seligen Meister.“ Keine traurige Musik, sondern eine Hymne an die Ewigkeit. Hier hört man das, unter der Leitung von Andris Nelsons:

https://www.youtube.com/watch?v=Mw6LuAx9Sc0

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