Hammelburg 1970

9.1.2022. Hammelburg ist eine unbekannte Kleinstadt im Landkreis Bad Kissingen, mit etwa 10.000 Einwohnern, wurde aber schon im Jahr 716 urkundlich erwähnt, ist also eine der ältesten Städte in Deutschland. Von Januar bis März 1970 waren wir dort, von Hamburg aus mit einem Sonderzug. Auf einem nahen Berg befand sich die Kampftruppenschule I der Bundeswehr, die,  im Roman von Hans Helmut Kirst über den Zweiten Weltkreg, „Fabrik der Offiziere“ genannt wurde. Dort gab es eine knallharte Ausbildung. Eines Nachts wurden wir überraschend um Mitternacht geweckt, mussten eine Kampf-Uniform mit Gewehr anziehen. Draußen lag hoher Schnee, und nach einer genauen Geländekarte, nur  mit Taschenlampen, mussten wir genau festgelegte Kontrollpunkte zu Fuß erreichen, wo unsere Ankunft schriftlich notiert wurde. Vierzig Kilometer lang, aber auch das ging vorbei. Auf dem Gelände gab es auch Einzelkämpfer-Lehrgänge. Da wurden einzelne Personen mit dem Hubschrauber in eine menschenleere Wildnis geflogen und dort abgesetzt, damit sie ohne Hilfsmittel ihr Ziel fanden, nach dem Stand der Sterne und der Sonne. Nahrung war Alles, was essbar war,unterwegs. Das blieb uns erspart, aber vor ein paar Jahren traf ich zufällig einen Gesprächspartner, der das Alles hinter sich hatte und noch mehr. Wir haben uns sofort gut verstanden, und er erzählte aus seinem aktuellen Leben. Danach habe ich niemals mehr wieder gesehen, aber auch sechzig Minuten reichen aus, um das Gedächtnis in Bewegung zu bringen und mit ganz anderen Erfahrungen zu verknüpfen. Das passiert gar nicht so selten, wenn man innerlich dazu bereit ist.

Damals nahm mich im Februar, an einem freien Wochenende, ein anderer Soldat mit nach Bamberg. Die Altstadt steht unter Denkmalschutz, und sie hat die geheimnisvolle Atmosphäre des Mittelalters bewahrt. In der frühen Dunkelheit fuhr ich mit dem Zug weiter nach Bayreuth und habe dort, zum ersten Mal, den ganzen nächsten Tag verbracht, im dichten Schneetreiben. Höhepunkt war der Besuch des Grabs von Richard Wagner, das ganz eingeschneit war. Aber sofort war die Musik wieder da und sehr lebendig, obwohl kein anderer Besucher anwesend war. In einem kleinen Baum, ohne blätter, sang plötzlich ein Wintervogel, und die kurze Melodie stammte nur aus der Natur, aber die Szene blieb unvergesslich bis heute. Kürzlich habe ich ein paar selbst gedrehte Video-Filme von 1994 angeschaut, wo man die gleiche Gegend sieht, vor 28 Jahren im Hochsommer, aber so, als wäre es erst gestern gewesen. Die Fanfaren am Festspielhaus spielten dass Gewitter-Motiv aus „Rheingold“.

Das alte Jean-Paul-Café neben der Stadthalle war geöffnet, das später durch ein Feinschmecker-Lokal ersetzt wurde. Damals ließ der Inhaber, nur ganz leise, über seine Lautsprecher die Wagner-Musik laufen. Begründung: „Sonst laufen mir die Gäste weg.“ Als sein Café auch schon Jahre lang weg war, trafen wir ihn einmal zufällig am Luitpoldplatz. Da sprudelte er seine alten Geschichten nur so heraus und viele selbst erlebte Anekdoten. Er hatte darüber sogar ein Buch geschrieben: „Noch einen Cappucino, bitte?“ Aber kein Verlag nahm es ihm ab, mit dem Hinweis: „Die Namen Ihrer Gäste können wir nur drucken, wenn jeder Einzelne schriftllich erklärt, dass er damit einverstanden ist.“ Das aber war aussichtslos, obwohl Bücher auch ohne die Genehmigung der Hauptdarsteller verkauft werden können. Sonst gäbe auch keinen Enthüllungsjournalismus, der vom Verkauf persönlicher Geheimnisse lebt. Ich lehne das ab, weil es mit dem Missbrauch von Vertrauen zu tun hat, in einem Bereich, der Niemanden etwas angeht.

Wohl gefühlt habe ich mich auch immer in der „Eule“, nicht weit von der Stadtkirche. Vor dreißig Jahren konnte man dort preiswert und gut essen. Es war ein altes Künstlerlokal, und an den Wänden hingen, dicht an dicht, die signierten Fotos berühmter Opernsänger, die dort auch schon zu Beginn des letzten Jahrhunderts, Stammgäste waren. Dort kam man bei ihrem Anblick sofort ins Träumen und aus dem Gedächtnis tauchten auch wieder ihre Stimmen auf, weil sie auf akustischen Dokumenten sehr gut erhalten waren. Dort konnte man auch einfach die Zeit vorbeiziehen lassen, in Gedanken oder mit einem guten Buch, natürlich auch mit dem Schreiben von Ansichtskarten, die heute noch erhalten sind und an ihrem Datum erkennen lassen, wie die Zeit vergeht.

Das „Weimarer Bauhaus“ wurde im Jahr 1919 gegründet. Seit über hundert Jahren prägt es auch eine Architektur, die nur funktionieren soll, also zweckmäßig ist: Beton. Schmucklose Flure und Bauten, die in den Großstädten ganze Stadtteile dominieren, wie einfache Schuhschachteln, in denen aber Menschen leben. Jede historische Epoche hatte ihre typischen Gebäude: Das Mittelalter vor 1.000 Jahren, danach die Renaissancezeit und der Barock. Sie änderten sich und wurden abgelöst. Das wird auch mit dem Bauhaus geschehen. Politische Regierungen werden durch Wahlen abgelöst, in Berlin ist das vor ein paar Tagen geschehen. Und Immobilien übersetzt man zwar mit „unbeweglich“, weil sie groß und schwer sind. Das war damals notwendig nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg, weil die Städte völlig zerstört waren und möglichst preiswert wieder aufgebaut werden mussten. Aber auch diese Zeiten sind vorbei, und ohne Veränderungen gibt es keinen Fortschritt mehr.

.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.