Im Westen, ohne Cowboys

1.10.2020. Im Teutoburger Wald, im Grenzbereich des östlichen Münsterlandes, hat der Cheruskerfürst Arminius im Herbst des Jahres 9 n. Chr. ein überlegenes feindliches Heer geschlagen, drei Legionen, ein Achtel der riesigen römischen Kampfkraft, mit einer Strategie, die er vorher an römischen Kampfschulen gelernt hatte. Ein Hinterhalt in der Wildnis bei Kalkriese und ein Überraschungsangriff. Der Historiker Tacitus nannte ihn „Befreier Germaniens.“ Die Römer verzichteten danach auf einen weiteren Vormarsch nach Norden. Noch heute singen Studenten: „Als die Römer frech geworden, zogen sie nach Deutschlands Norden: Herr Quintilius Varus, wau, wau, wau.“ Feldherr Varus hatte Arminius wohl irrtümlich für einen Verbündeten gehalten. Ein gewaltiger Schlag gegen das Imperium Romanum.

Von der Landeshauptstadt Münster sind es 56 Kilometer im Westen, bis zur holländischen Grenze. Das ganze Land dort ist flach, ideal für Fahrräder. Mit dem Auto kann man an einem Tag viel mehr erleben. So war das 1990 und 1998, bei meinen letzten Besuchen. Drei Jahre vorher, 1987, war ich nach München gekommen und besuchte die Heimat nur noch zwei Mal, mit einem bayerischen Freund. Aber die Zeit war längst weiter gelaufen, die früheren Jahre verblasst und schon im Hintergrund. Jetzt blitzten sie noch einmal kurz auf, als Leuchtpunkte. Die Ritterburg Bentheim, das Wasserrad der Haarmühle bei Alstätte. Das Elternhaus betrat ich erst drei Wochen später ein letztes Mal. Nach dem Tod der Eltern gab es keinen Grund mehr, sich länger aufzuhalten. Die Schulkameraden waren in alle Richtungen verweht. Beim letzten Klassentreffen, 1998 in München, waren sie schon fremd geworden, jeder in seiner eigenen Welt.

1998 gab es vor Allem Rundgänge durch Münster, wo das Stadttheater, auf gutem Niveau auch Opern anbot. Die ersten Aufenthalte in dieser phantastischen, aufwühlenden Welt. Mit einigen Sängern war ich befreundet, habe von Mussorgskys „Boris Godunow“ keine einzige Vorstellung versäumt. Im Stadtzentrum ist Münsters „Gute Stube“ der Prinzipalmarkt, der nach der völligen Zerstörung im Zweiten Weltkrieg originalgetreu, wieder vollständig aufgebaut wurde.

In ländlichen Regionen hat man mehr Zeit als in der Großstadt, um zu lesen, zu schauen und nachzudenken.

Letztlich bringt das auch mehr, wenn man einen Beruf hat und Fahrer durch die ganze Region brausen, nach einem rasch wechselnden Fahrplan, den man allein zu Stande bringen musste. Vor Allem an den Reaktionen merkt man, ob sie zufrieden sind. Zum Abschied haben sie mir zwei CDs mit Klassischer Musik geschenkt, obwohl sie sich selbst dafür gar nicht interessierten. Zur Selbstbedienung standen bereit: Bayerische Weißwürste mit Senf, Brezn und Oktoberfestbier. Die Weißwürste kamen frisch von einem bayerischen Metzger, aber Keiner hat sich getraut, sie anzufassen.

Mit der Provinz war damit erst einmal Schluss, aber die westfälischen Jahre bauten ganz langsam Alles auf, was später wichtig wurde. Nicht das persönliche Kennenlernen von Prominenten, aber es gehörte dazu. Aus menschlicher Nähe entstanden kurze, unvergessliche Eindrücke von der Chansonsängerin Margot Werner, der berühmten Sopranistin Martha Mödl und vielen Anderen. Es waren auch dumme Leute darunter. Aber das war wenigstens unterhaltsam. Am Marienplatz grüßte ich einmal den Klatschjournalisten Michael Graeter, als eine ältere Frau aus seiner Begleitung mich aufgeregt anstarrte: „Ich kenne Sie doch aus dem Fernsehen!“ Das stimmte nicht, aber es war trotzdem nett.

Auch das ist Vergangenheit. Mich stören Leute, die das durcheinander bringen, auch jede andere Art von Belästigung. Einige Zeitgenossen haben da immer wieder Schwierigkeiten gemacht, aber ich bin nicht rachsüchtig. Wie man sein Leben verbringt, geht Niemand etwas an. Wenn die Unruhestifter es nicht von selbst lernen, haben sie einen immer schlechter werdenden Ruf. Auf Dauer ist dafür die Justiz zuständig. Aber die Zeit ist nicht nur bei Albert Einstein eine mächtige Größe, die sich verändert, wenn andere Einflüsse dazu kommen.

Elisabeth Schwarzkopf singt gleich aus dem „Rosenkavalier“ : „Die Zeit, die ist ein sonderbares Ding. Wenn man so hinlebt, ist sie rein gar nichts. Aber dann auf einmal, da spürt man nichts als sie. Sie ist um uns herum, sie ist auch in uns drinnen. In den Gesichtern rieselt sie, im Spiegel, da rieselt sie, in meinen Schläfen fließt sie. Und zwischen mir und dir da fließt sie wieder. Lautlos, wie eine Sanduhr. Manchmal hör‘ ich sie fließen, unaufhaltsam. Manchmal stehe ich auf, mitten in der Nacht und lasse die Uhren alle stehen Allein man muss sich auch vor ihr nicht fürchten, Auch sie ist ein Geschöpf des Vaters, der uns alle geschaffen hat.“ Hier kann man das hören:

https://www.youtube.com/watch?v=dozWZdyOY6s

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