Kruse Baimken

12.11.2020. „Kruse Baimken“ (Krauses Bäumchen) heißt ein altes Lokal in Münster. Es liegt direkt am großen Aa-See, wo man mit Segelbooten fahren kann, wenn man das nötige Kleingeld hat. Sonst ist man auf die kleinen Ruderboote angewiesen, wo man noch selbst die Hände bewegen muss. Das Lokal hat einen sogenannten „Biergarten“. Nachdem ich 1980 zum ersten Mal als Tourist in München war, nannten sich dort, so nur die ganz großen Freischankflächen für Hunderte von Besuchern im Sommer. Die kleinen hießen bescheiden „Wirtsgarten“. Und größer war das „Kruse Baimken“ auch nicht. Zum Verweilen war es einmalig. Man konnte direkt auf den See schauen, dort stundenlang spazieren gehen. Oder in den gegenüberliegenden Stadtbus einsteigen, für Ausflüge in alle Richtungen.

Zu Fuß brauchte man nur zehn Minuten bis zur historischen Altstadt. Und da war immer etwas los. Tagsüber die Sehenswürdigkeiten, wie die Giebelhäuser am Prinzipalmarkt. Abends die vielen Treffpunkt, bis zum Morgengrauen. Ganz zentral lag auch das Stadttheater. Die gesprochenen Stücke interessierten mich wenig, aber dort öffnete sich die Welt der Oper ganz weit. Grund waren nur zwei Persönlichkeiten. Der Generalmusikdirektor Alfred Walter, der auch musikalischer Assistent bei Wieland Wagner gewesen war. Und der Regisseur Karl-Erich Haase, mit dem gleichen Werdegang. Beide suchten die besten Künstler aus, mit denen ich teilweise dann privat befreundet war. Szenisch war es Neuland. Keine überladenen Kitsch-Dekorationen oder hingeworfene Müllberge. Sondern große Ideen, die auf das Wesentliche reduziert waren und deshalb stark wirkten, in Verbindung mit aktivem, farbigen Licht und einer sparsamen, hoch konzentrierten Personenführung. Verdis Aida in in hellen, gelben Sahara-Farben. Bartoks Blaubart in bläulichen, gespenstischen Räumen. Beethovens Fidelio als Schachbrett, in dem die Solisten aus fünf Metern Entfernung sich zwar anschauten, aber niemals in näheren Kontakt zueinander traten, einsam und sehnsüchtig. Jedes Detail passten in den Zusammenhang. 1983 kam eine ganz neue Truppe. Wagners Tannhäuser als sinnlose, alberne Groteske. Landgraf Hermann als Napoleon verkleidet. In dem späteren Gespräch mit dem Zuschauer, sagte ich zum Regisseur, „Warum schreiben Sie sich nicht ein eigenes Stück für den Quatsch?“ Er rief, „Das ist ja eine Unverschämtheit!“

Aber dabei blieb es. Ich ging immer seltener in Vorstellungen. Dann zog ein guter Bekannter, der farbige Tenor James Wagner aus New Orleans, ganz weit weg, nach München und trat dort im Gärtnerplatztheater auf. Drei Jahre später war ich auch dort, um zu bleiben. Ich kannte zuerst nur den amerikanischen Tenor. Er lud mich sofort in seine Wohnung an der Münchner Freiheit ein. Dort stand ein großer Konzertflügel, darauf ein signiertes, gerahmtes Porträt der spanischen Königs Juan Carlos, weil er einmal vor ihm persönlich gesungen hatte. James Wagner ist schon vor vielen Jahren gestorben, aber vergessen habe ich ihn nicht.

Hier hört man ihn mit dem „Ingemisco“ aus Verdis Requiem:

https://www.youtube.com/watch?v=8JG3x2N6Zgg

Er war an dem Tag plötzlicher Einspringer für Luciano Pavarotti, in der Münchner Olympiahalle. Ich habe für ihn damals das Fernseh-Konzert aufgezeichnet. Er erzählte, dass er gerade ahnungslos unter der Dusche stand, als der Anruf kam, er solle für den berühmten Pavarotti einspringen. Er durfte zum Umziehen sogar sein Hotelzimmer benutzen. Dort stand eine transportable Pasta-Küche, mit der Pavarotti sich selbst bekochte.

Da war Münster schon weit weg, nicht nur geographisch. Das ganze Leben hatte sich stark verändert, vor Allem der Bekanntenkreis. Aber trotzdem sind die früheren Jahre, bis 1987 lebendig. Damals erweiterte sich der ganze Horizont, obwohl die Äußerlichkeiten gleich blieben und auch immer langweiliger erschienen. Münster hat heute 316.000 Einwohner, ein Fünftel sind Studenten. So habe ich dort auch begonnen, aber die übergroße Konkurrenz rasch verstanden. Danach war Platz, als Sachbearbeiter in einem Großkonzern, mit allen Farben und Zwischentönen des beruflichen Alltags. Und Zeit für einen großen Bekanntenkreis, der leider oft oberflächlich war, so wie später in Bayern auch. Am 4. Oktober war dieses Jahr das Erntedankfest, und so war mir vor einem Monat auch zumute. Nicht nur dann tauchen wieder solche Bilder aus Münster auf, auch aus den zwanzig Jahren davor, an der holländischen Grenze auch. Die wichtigen Erinnerungen sind glasklar wie Fotos. Oder wie die surrealistischen Meisterwerke von Salvador Dali. Am 19.4.15, vor über fünf Jahren, habe ich darüber einen Artikel geschrieben:

„Salvador Dalis Weltuntergang“

https://luft.mind-panorama.de/salvador-dalis-weltuntergang/

Auf die ganz frühen Erinnerungen in Westfalen blicke ich gern zurück. Sie haben keine direkte Wirkung mehr, sind aber wie Dalis Bilder eine Fundgrube für tiefere Schichten und Ebenen, die man erst durch Vergleiche mit den Folgejahren besser versteht. Dabei hilft auch die vielseitige Lektüre in der Vergangenheit. Die ersten Auslandsreisen ab 1980 gingen durch ganz Italien, nicht als herumliegender Badetourist am Strand, sondern als beweglicher Autobesucher. Die damaligen Bilder sind immer noch sehr stark, haben sich aber vertieft und erweitert. Über dieses Land habe ich hier mittlerweile 37 Artikel geschrieben. Schwerpunkt war immer die Kultur, die Opern, die Landschaften. Aber auch die Ungerechtigkeiten, die bis heute noch bestehen und leicht geändert werden könnten.

Der Dreh-und Angelpunkt sind immer die „Gesetze der Ökonomie“. Politische und kulturelle Aspekte sind längst eine Einheit, seitdem Garibaldi 1860 die Republik vereinigte. Aber große Lücken gibt es unverändert, bei der Ökonomie und deren schwerwiegenden sozialen Folgen, von Neapel aus in Richtung Süden. Das könnte man relativ leicht ändern, vielleicht schon innerhalb weniger Jahre. Aber die wirtschaftlichen Gesetze, die eigentlich vom Verstand regiert werden, müssen aktualisiert werden, im Großen und im Kleinen. Darüber habe ich schon oft geschrieben. Ein Einzelner kann das Niemals schaffen, aber die Mehrheit der Betroffenen. Am einfachsten wirken ganz neue Computerprogramme, die Zahlen auswerten, analysieren und realistische, sogar kostengünstige Lösungsvorschläge machen können. Damit habe ich eine sehr lange berufliche Erfahrung, aber auch mit den starken Widerständen, die jede Veränderung blockieren wollen. Interesse an einem wichtigtuerischen Pöstchen habe ich überhaupt nicht, aber es gibt stattdessen sicherlich viele geeignete Bewerber. Wenn sie es nur wüssten! Die Rezepte sind leicht zu verstehen, aber man muss sie auch realisieren. Viele würden dann im gewohnten Deutschland bleiben, aber vielleicht auch in ihr Land zurückkehren, um dort mit anzupacken. Das ständige Politiker-Geschwätz vom „vereinten Europa“ kann man vergessen, aber die Perspektiven verwirklichen. Der Monat November ist auch die richtige Zeit, um Abschied zu nehmen. Nicht von den ganz alten Leuten, aber für eine bessere Zukunft.

Dabei geht es auf keinen Fall um die Diskussion von Einzelpersonen. Jeder ist oft nur ein kleines Rad in einem großen Getriebe und kann gar nichts dagegen machen. Änderungen sind nur möglich, wenn auch die Zeit dafür reif ist. Und das ist das Ziel dieser Beiträge, die nur von Experten beurteilt und realisiert werden können. Sie haben jede Unterstützung verdient.

.