La Giubbe Rosse

12.11.2020. „La Giubbe Rosse“ (Die rote Jacke) ist eine beliebte Hotelbar, mitten in Florenz, am Piazza della Repubblica. Der Name bezieht sich auf das Risorgimento („Wieder-Auferstehung“) , als es Giuseppe Garibaldi 1860 gelang, mit seinen „Rothemden“ die politische Vereinigung von Nord- und Süditalien zu erkämpfen, leider ohne die ökonomisch-soziale Perspektive, die bis heute, immer noch, zu andauernden, starken Ungerechtigkeiten führt, zwischen den Regionen nördlich und südlich von Neapel.

Die Bar habe ich Anfang der Achtziger Jahre öfter besucht, wegen der angebotenen guten Getränke und des unaufdringlichen, dezent eleganten Publikums. Am Straßengeländer standen draußen meist kleine Gruppen junger Burschen, die sich die Preise nicht leisten konnten, aber gern redeten. Sie empfahlen den Besuchern gern den „Parco alla Cascina“, einen weitläufigen Stadtpark, wo auch bekannte Musiker in Sommerkonzerten auftraten. Außerdem hatten sie Spaß an frivolen Anspielungen, wurden aber nie lästig oder aufdringlich, so wie es in deutschen Großstädten zum alltäglichen Straßenbild gehört. An den Sitzplätzen vor dem „Giubbe Rosse“ konnten die Sommerabende lang werden. Das gehörte damals zum Urlaub dazu, vor vierzig Jahren. Nur wenige Minuten entfernt war die alte Brücke, „Pont Vecchio“, direkt am Ufer des Flusses Arno. Oben drängten sich die Touristen vor den Läden der Goldschmiede, kauften aber wenig, weil sie dafür nicht genug Geld hatten. An der nahen Steinmauer standen junge Einheimische und erzählten, dass unter der dunklen Brücke nachts immer viel los ist. Zeit zum Nachschauen gab es nicht, weil die Stadt so viele, prachtvolle Sehenswürdigkeiten hatte, dass man abends sich nur noch auf ein frisches Bier freute. Im Süden spielt sich auch abends die Freizeit auf der Straße ab. Dort ist es kühler als in den meist kleinen Wohnungen, und viele junge Leute wandern aus, weil Alles immer teurer wird. In München trifft man manchmal Mitarbeiter in preiswerten Pizzerien, die auch in Florenz eigene, gut besuchte Gaststätten hatten, aber die Kosten nicht mehr selbst erwirtschaften konnten. Die Strukturen, die Arbeitsabläufe sind nicht optimal geregelt. Die langen Arbeitszeiten. Der niedrige Verdienst. Die meckernde Kundschaft. Die ungewisse Zukunft der großen und kleinen Städte.

Die Entfernung zwischen Neapel und der Hauptstadt Rom beträgt 189 Kilometer. Das reiche Florenz ist 475 Kilometer von Neapel entfernt. Zwei völlig unterschiedliche Welten.

Münster in Westfalen liegt mitten in der Region, in östlicher und westlicher Richtung. Nach Norden kommt nur das schwächer besiedelte Flachland bis Hamburg, mit vielen stillen Bauernhöfen. Eine Autostunde entfernt ist im Süden das dicht besiedelte Ruhrgebiet, mit rund 5,1 Millionen Einwohnern, die aus mehreren früheren Kohlebergbau-Großstädten immer mehr zusammen gewachsen sind, von Bottrop, Duisburg, Essen bis zum Rand, im eleganten Düsseldorf.

Im Ruhrgebiet ist auch eine starke italienische Gemeinde, wie in München, die sich gegenseitig hilft und Arbeitsplätze bereitstellt. Vergleichsweise geht es den Leuten gut, zumindest besser als in ihrer Heimat, die Manche nur noch von Besuchen kennen. Ein Gastwirt sagte mir, „Ich bin geborener Münchner.“ Aber seine Eltern stammten aus der Emilia Romagna, aus Norditalien. Noch vor der Schließung sämtlicher Lokale im letzten März, hatte er bereits keine Gäste mehr bedient, machte aber für mich noch eine kleine Ausnahme, für eine einzige, schnell verspeiste Pizza. In den nächsten Tagen gab es in Deutschland überhaupt keine Gastronomie mehr, nur noch Sachen zum Mitnehmen. Und tagelang, viel zu viele kichernde Statisten in den Stadtbussen und Straßenbahnen, die mittlerweile auch verschwunden sind, dorthin, wo man sie noch sehen will. Aber die Theater und Kinos sind auch zu. Vielleicht lachen sie jetzt nur noch miteinander, ohne zahlendes oder gelangweiltes Publikum.

Das wird sich wieder ändern, aber nicht mehr so wie bisher. Eine ganz neue Welt entsteht, so wie nach der Apokalypse, dem Weltuntergang einer verbrauchten, verdorbenen Ordnung. Dort sagt Gott, nach dem Jüngsten Gericht: „Seht! Ich mache Alles neu.“ Aber die Universalgesetze bleiben, der Dekalog, die Verbote zu stehlen, betrügen, morden, zu lügen und Krieg zu führen gegen fremdes Eigentum, die Habgier, die auch das geistige Eigentum an sich reißen will. Der platte Materialismus verschwindet spätestens mit dem körperlichen Tod. Die wichtigen Ideen bleiben, auch wenn sie zwischendurch nicht beachtet werden. Dann beginnen und wachsen die Spannungen, Krisen.

Vor Jahren sagte in Freund, „Der Mensch ist wie ein Tier, wenn es keine Gesetze gibt.“ Oder wenn man sie nicht beachtet. Und Niemand eingreift. Das war zunächst so, vor über achtzig Jahren, als der Zweite Weltkrieg ganz Europa verwüstete. Danach entstand unsere Verfassung, das Grundgesetz von 1949. Viele kennen es nicht so genau. Aber es garantiert die Meinungsfreiheit, das Privateigentum, die Privatsphäre. Das offene Internet wird dafür kämpfen. Die Anderen, die Weltfeinde haben schon verloren, auch wenn sie es gar nicht bemerken. Macht und Geld nützen da nur vorübergehend etwas. Epiktet (50 – 138 n. Chr.) schrieb: „Die gehört nur das, was du wirklich bist.“ Wenn man es nicht gegen Andere richtet. Der November ist die Zeit des Abschieds. Den Toten nützt das nichts mehr. Aber die Lebenden verdienen eine neue, jederzeit sichtbare Welt.

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