Mächtige Provinzen

25.3.2021. Provinzen nennt man heute meistens Regionen. Sie machen einen Staat überschaubar und haben Traditionen, die viele Besucher anlocken können. Oberbayern hat die Alpen. Einer alten Regierungspartei wird nachgesagt, sie hätte die Alpen erfunden und den weißblauen Himmel. Weil die Partei so alt sind, leitet sie tatsächlich immer noch die Regierung. In der Großstadt München allerdings, kommt der Oberbürgermeister traditionell aus der größten Konkurrenzpartei. Denn die Bevölkerung hat so viele unterschiedliche Heimatstaaten, dass sich das auch in der Weltstadtpolitik spiegelt. Vor dreißig Jahren hat man zugereiste Neubewohner noch spüren lassen, dass sie zuerst einmal nur geduldet sind. Das waren aber nur Großstadt-Provinznudeln, deren leere Köpfe mit trockenem Stroh gefüllt waren. Noch schlimmer ist es, wenn sogar aus den Provinzen in ganz Deutschland die Provinznudeln auftauchen. Vorher waren es mächtige Bürgermeister oder Hühnerstallbesitzer, aber das reicht ja, um die ganz große Welt aufzumischen, Freunde einzusammeln und dann sogar im Trüben zu fischen, wo Raubfische unterwegs sind oder riesige Finanzströme bewegt werden. So einfach ist die Lösung, wenn man mit einer Suchmaschine nachschaut, was „WireCard“ und Open Lux“ bedeuten.

Dahinter stecken keine normalen, fleißigen Mitarbeiter, sondern Provinzköpfe, die größenwahnsinnig geworden sind. Leider trifft man sie überall, in großen Weltkonzernen mit berühmten Namen und auch in der Hochkultur. Dort wurden, bis vor einem Jahr Millionengelder aus staatlichen Subventionen oder Privatspenden, mit der Gießkanne verteilt. Die Qualität ließ deshalb stark nach, aber die Geldgier wuchs. Beide Stichwörter sind wie feindliche Schwestern. Wenn die eine keine Qualität mehr zu bieten hat, taucht die andere auf, mit Koffern und Geheimkonten. Sie streiten sich, wer wie viel einstecken darf. Dann ist ihnen auch die Provinz viel zu eng, und sie mischen, immer auffälliger sich in den Großstädten ein. Viel raffinierter, aber immer schneller durchschaubar. Eine typische Handschrift ist immer gut wieder zu erkennen. Die Verkleidung auch, weil unter den Perücken die gleichen Gesichter sich schminken. Die Methoden und Rezepte dafür stehen schon in vielen Sachbüchern, sie werden zwar getarnt und vertuscht, aber die Spuren lassen sich immer schneller auflösen und werden dann bis zu ihren Quellen verständlich. Viele wissen gar nicht, dass sie längst vor einer Spiegelwand herumlaufen, die hinten durchsichtig ist. In Kaufhäusern ist es schon lange Alltag, dass die Filialleitung mit solchen „venezianischen Spiegeln“ die Kundschaft beobachtet. Wenn ein Gast klaut, springen plötzlich Detektive von der Rolltreppe, die man durch die Alarmtaste eines Smartphones herbeigerufen hat.

In der Provinz bin ich aufgewachsen, hatte aber niemals kriminelle Neigungen, genauso wie die meisten Menschen dort auch nicht. Im Gegenteil: Wenn man Betrügereien mitbekomt oder davon hört, verwandeln sie sich in Alarmsignale. Schon in der Schule gab es unbegabte Mitschüler, die mit solchen schmutzigen Geschichten auffällig wurden. Man musste ihnen nur aus dem Weg gehen oder die Informationen, als Warnhinweise bekannt machen. Dann verschwanden sie aus der Schule und blieben in ihren eigenen Treffpunkten, die im Ort Jeder kannte.

Das westfälische Münster hat 316.000 Einwohner und sogar den offiziellen Titel „Provinzialhauptstadt“. Das kann zu Irrtümern führen. In Münster hatte ich niemals etwas mit großen Gaunern und Halunken zu tun, sie standen nur in den Zeitungen. Die achtzehn Jahre dort waren sehr friedlich, beruflich angenehm, und es gab einen soliden Freundeskreis. Aber irgendwann kannte man jeden Pflasterstein. Bei Italienreisen von 1989 -1984 war München immer die Zwischenstation und hatte damals einen magischen Glanz. Egal, für welches Thema man sich interessierte, gab es dort eine grenzenlose Auswahl. München war insofern wirklich eine Traumstadt. Aber nach dem Umzug fielen auch die falschen Masken und Verkleidungen. Was man vorher nur aus Zeitungen kannte, lief plötzlich in der Innenstadt herum.

Einerseits großartige Begegnungen. Andererseits aufdringlich-dreiste Figuren, die sich überall einmischten, um Schaden zu verbreiten und zu vergrößern. Oft gut aussehend. Gut gekleidet. Aber falsch. Man erkannte sie an ihrem äußeren Auftreten. Aber vor Allem an ihrer Sprache. Den Themen. Beurteilungen. Lieblingsplänen. Unerfüllbare Träume wurden einfach erfunden und dummdreist zurechtgelogen. Bis vor einem Jahr gab es dabei sogar ganz neues Schmierentheater. Als die ersten Lokale schlossen, saßen einige Stammgäste noch lachend an ihren Tischen. Tagelang hörten sie nicht auf damit, weil sie weiter in der Stadt herumliefen. Wenn große Krisen vorbei sind, so wie auch der Zweite Weltkrieg 1945, packen plötzlich Alle gemeinsam mit an und räumen den schlimmsten Schutt weg, bauen auf. Dann könnte sofort eine angenehme Normalität beginnen. Doch leider, in den letzten fünfzig Jahren gab es viele, pechschwarze Szenen aus der Finsternis. Aufmerksame Beobachter dachten dabei an die Apokalypse, den Weltuntergang. Aber selbst in den ganz alten Aufzeichnungen gibt es vorher noch eine Atempause. Dort heißt es: „Es tritt eine halbe Stunde Stille im Himmel ein. Die letzte Ernte beginnt. Die faulen Früchte werden weggeworfen. Die Hure Babylon, die Mutter aller römischen Huren, sitzt auf einem kranken, scharlachroten Tier. Es hat die Ziffer 666, das ist Satan selbst. Beide Schreckensgestalten werden von Engeln vernichtet.“ Erst danach beginnt der Weltuntergang. Das Stichwort „Apokalypse. Der Weltuntergang“ findet man direkt unter diesem Text, mit 36 Kommentaren. In der Realität wird das Schlimmste wohl nicht geschehen. Aber viele Hinweise, Anzeichen sind nicht zu übersehen.

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