Mussorgsky ganz oben: Chowantschina

26.2.2020. Mussorgsys beste Oper ist „Chowantschina“. Das heißt „Schweinerei“. Zar Peter der Große (1672 – 1725) soll es gesagt haben, als ihm bekannt wurde, dass die reichen und angesehenen Moskauer Fürsten Iwan und dessen Sohn Andrej Chowanski angeblich Mordpläne gegen ihn vorbereiteten. Er verurteilte sie sofort zum Tode, ließ aber zunächst die Justiz ermitteln. Hereingefallen waren Alle auf erfundene Verleumdungen, die der tückische Bojar Schaklowiti durch einen amtlichen Schreiber schriftlich verbreiten ließ, aus einer gewerblichen Schreibstube am Roten Platz in Moskau. Die Folge war Angst überall, bei den zu Unrecht Verdächtigen, ihren Freunden und bei einer Gruppe frommer Altgläubiger (Raskolniki), die mit den Fürsten engen Kontakt pflegten.

Genau diese Angst durchdringt Mussorgskys Hauptwerk, aber er findet zahlreiche Zwischentöne, mit überraschenden Wendungen. Ein tanzender Balaleika-Spieler singt ein lustiges Volkslied und wird später hingerichtet. Fürst Iwan wird vom Verleumder Schaklowiti hinterrücks erstochen. Die tief gläubige Nonne Marfa ist Geliebte des Altgläubigen Dosifej und gleichzeitig des Fürsten Iwan. Als Alle keinen Ausweg mehr sehen, versammeln und verbrennen sich die Verdächtigen selbst in in einem einsamen Wald.

Meister-Rgisseurin Vera Strojewa (1903 -1991) hat daraus im Jahr 1959 einen überwältigenden Kinofilm gemacht. Sie verwendet ausdrücklich die expressionistische Handschrift und Bildersprache ihres Vorbilds, des berühmten Sergej Eisenstein, schafft aber damit eigene, unvergessliche Welten mit langer Nachwirkung: Weite Landschaftsaufnahmen mit typisch russischen Traditions-Merkmalen. Dramatische, drohende Bilder aus der unruhigen Zaren-Zeit, angstvolle, verzweifelte Gesichter in schwerer Winterkleidung. Kostbare historische, enge Innenräume im Herrscherpalast Kreml. Individuelle, passende Bewegungen, Pathos in großen Chorszenen. Dazu eine lebhafte Farb-Kamera, die immer im Rhythmus der Musik und der großen Gefühle sich bewegt.

Und das Beste ist natürlich die Musik. Mussorgsky kennt ein weites Panorama eindringlicher Klangfarben, voll einprägsamer Melodien. Der große Gong, wie ein Schicksalsruf. Schrille Fanfaren. Orgelnde, wuchtige Bässe und klagende Altstimmen,, wie Posaunen des Jüngsten Gerichts. Keine ornamental verzuckerten Arien als Zuckerguss, sondern die Vertiefung und Betonung der ernsthaften, unheimlichen Ereignisse.

Das prägt sich ein. Man kann es immer wieder anschauen. Dabei steigert sich die dämonische Tiefenwirkung noch mehr.

Hier sieht man den vollständigen Film, mit englischen Unteriteln (131 Minuten) :

https://www.youtube.com/watch?v=tCMdC1JL2SE

Es gibt sogar eine Bühnen-Aufzeichnung des Moskauer Bolshoi-Theaters, in guter technische Qualtät. Kostüme und Dekorations-Malerei sind dem Film sehr ähnlich, aber die Personenführung ist etwas künstlich, und der Dirigent etwas kühler.

Eine Sensation jedoch ist die Restaurierung von Vera Strojevas Kinofilm „Boris Godunow“. Sie hat 1954 das Orignal geschaffen. Ein Jahr vorher war Dktator Josef Stalin gestorben. Nachfolger Nikita Chruschtschow, der sich später mit einer kritischen Geheimrede über Stalin unbeliebt machte, hatte offensichtlich die Genehmigung für die teure Verfilmung in Farbe gegeben.

Es gibt keinen Zweifel: Sämtliche Filmzenen waren bisher schon zugänglich, in einer schwachen technischen Qualität, die aber an den optischen Vorzügen nichts änderte. Jetzt sieht man die gleichen Sänger, die gleiche Ausstattung und den unveränderten Bildschnitt, dazu eine verbesserte Tonqualität. Die Filmtechnik kann das anscheinend mittlerweile: Bildschärfe und Farben stark verbessern, ohne dass die ursprüngliche künstlerische Quaität daran leidet. Es ist so, als wäre der Film erst gestern gedreht worden, obwohl die vorhandenen Szenen seit 1954 nicht verändert wurden. Die sorgfältige Restaurierung zerstört nichts am Original, ändert nichts an der überragenden Gestaltung, aber steigert Bildschärfe, Helligkeits-Kontraste und Farben auf ein Maximum, das bei Sprechfilmen, berühmten Klassikern, gelegentlich schon anvisiert wurde, aber bei Mussorgsky noch nie zu sehen war. Um so mehr ein Grund, diese Filmtechnik in Zukunft noch öfter einzusetzen, denn die verwendeten Computerprogramme sind jetzt griffbereit und können also auch immer weiter für Überraschungen sorgen, die aber nicht noch teurer sein müssen.

Mussorgsky selbst (1839 -1881), der auf dem einsamen Rang seines Zeitgenossen Richard Wagner arbeitete, antwortete ihm mit seinen eigenen, überragenden Fähigkeiten, hatte aber nicht so viel Glück. In Moskau lebte er eine Zeit lang in einer Wohnung mit seinem eigenen Kollegen Nikolai Rimsky-Korssakow. Als dieser heiratete und in eine andere, eigene Heimat umzog, verfiel Mussorgsky immer mehr dem Alkohol. In dem Zustand entstand sein berühmtes Porträt von ljla Repin, kurz vor seinem Tod. Er lief durh die Stadt und rief, „Jetzt habe ich übehaupt nichts mehr.“ Dann brach er zusammen.

Viele Künstler endeten im Unglück. Dem genialen Mussorgsky hätte man etwas Anderes gewünscht. Aber schon seine Werke sind durchdrungen von einer tiefen Melancholie, die er in ergreifende Klänge umwandelte, immer wieder stark beeinflusst von der russisch-orthodoxen Kirchenmusik. Zum gemeinsamen Selbstmord der Altgäubigen (Raskolniki) am Ende der „Chowantschina“ entstand eine Trauermusik, wie zu einer großen Beerdigungsfeier. Vera Strojeva zeigt dazu in ihrem Film einsame Wanderer in einer farbstarken Abenddämmerung. Sie war dem Komponisten damit immerlich sehr nahe.

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