Nächtlicher Nebel

7.11.2020. Nebel wirkt nachts besonders geheimnisvoll. Zu der Dunkelheit und Stille draußen, dem Verstummen der Automotoren und wispernden Stimmen kommen die Bilder der Phantasie, die sich eigene Welten schafft. Einer der ersten Filme von Alfred Hitchcock war „Der Mieter“, aber die Hauptrolle spielte der berüchtigte Londoner Nebel. Dem verdächtigen Mieter konnte man Alles zutrauen, aber das lag an den düsteren Straßen, in denen sich etwas Schreckliches verbergen konnte. Der Film ist ein frühes Meisterwerk für Hitchcocks Kunst, mit Andeutungen und Lichtwirkungen die Spannung immer mehr zu steigern. Dabei blieb er innerlich ganz ruhig und plante seine Effekte ganz genau. Auf die Spitze trieb er das in „Psycho“, wo der wahnsinnige Mörder erst ganz zum Schluss entlarvt wird und ganz belanglos wirkt. Unwichtig. Der Schrecken kam durch Lichtwirkungen, ratlose, beunruhigte Gesichter und der berühmten Szene unter der Dusche, die ganz harmlos beginnt, bis plötzlich eine verrückte alte Frau auftaucht. Es ist der verkleidete Mörder, dessen wirkliche Mutter als vertrocknete Mumie im Keller sitzt oder manchmal ganz oben, am Dachfenster herumsteht.

Hitchcock sagte später stolz, „In dem Film habe ich die Zuschauer so an der Nase herumgeführt wie ich es wollte.“ In einer ganz anderen Sache erklärte er frech, „Man muss Schauspieler wie Rindviecher behandeln.“ Das machte er aber nur, wenn er sich über sie ärgerte. Über den freundlichen James Stewart sagte er, „Der würde niemals einen Mörder spielen.“ Und hat das auch niemals versucht. Doch bei Tippi Hedren zog er ganz andere Saiten auf. Sie war der, vorher ganz unbekannte Star in den „Vögeln“. Er wäre ihr gern noch viel näher getreten, aber sie wollte nicht. Da hat er einige Gruselszenen so gestaltet, dass sie wirklich Angst bekommen musste.

Wenn sie später in München war, hat sie noch immer voller Schrecken darüber berichtet. Ihr Gesprächspartner war zwar selbst sehr bekannt, aber schwatzte nie über seine Bekannten, bis auf solche Sachen, die sowieso in Büchern standen, wie in Donald Spotos Enthüllungs-Thriller „Die dunkle Seite von Mr. Hitchcock“. Der verschwiegene Mann hat mir nie erzählt, dass er einmal eine prominente Figur zum Teufel jagte, weil sie betrunken, auffällig und beleidigend wurde. Die wunderbare, immer höfliche Stimme der Verjagten habe ich niemals böse erlebt, sondern in vielen privaten Gesprächen nur sehr sensibel und feinfühlig. Das wusste er auch, hat aber trotzdem gar nichts von der turbulenten Skandal-Szene erzählt, für die es mehrere Augenzeugen gab.

Er machte sich nie wichtig, obwohl er viele wichtige Leute kannte. Warum, habe ich ihn einmal gefragt. Die Antwort: „Wichtigtuerei ist ein Zeichen von Dummheit.“

So ist das. Ich war nie außerhalb des eigenen persönlichen Rahmens bekannt, habe aber dumme Menschen oft erlebt, die gern selbst im Mittelpunkt stehen wollten und dafür alle Grenzen des Anstands überschritten. Wenn es Führungskräfte waren, richteten sie großen Schaden an. Ein Betriebsratsvorsitzender, der eigentlich für die Mitarbeiter da sein sollte, lief bei seinen Machtdemonstrationen auf Glatteis und sah dann rot.

Hinterhältigkeit, eng verknüpft mit frechen, erschlichenen Machtbefugnissen, kann sehr schlau sein, geriet aber im konkreten Fall an die Falschen. Seine nächsten Kollegen haben ihn einstimmig abserviert, weil er übertrieb. Ich habe ihm sogar einen Rechtsanwalt in Aussicht gestellt, aber das nie nötig gehabt. Aber es wirkte. Da bekam er Angst und wurde ganz still, bis er selbst, seinen vorzeitigen Ruhestand durchsetzte. Sein Nachfolger war anständig, hatte aber durchaus die bösen Tricks gelernt. Heute frage ich mich, wie man so viel Zeit derart sinnlos verplempern konnte, denn ein angespanntes Betriebsklima vergiftet Alles. Auch die Leistungsbereitschaft und den wichtigen, materiellen Erfolg der Firma, nur weil ein paar dumme Köpfe sich überall einmischen.

Nächtlicher Nebel löst sich frühmorgens auf, aber nicht immer. Für Manche dauert er lebenslang. Wenn sie es wert sind, kann man ihnen auch helfen. Ein paar ganz wenigen Menschen habe ich, nach bösen Vorfällen, ernsthaft gesagt: „Unsere Freundschaft kann, nach dreißig Jahren Niemand mehr beschädigen.“ Sie haben das wohl nicht ganz verstanden, aber die Botschaft ist trotzdem angekommen. Wenn die schwarze Teufelsmagie ihre Energie entfaltet, verdirbt sie auch die Guten. Und wenn man trotzdem zu ihnen hält, bekommt man gute Signale auch zurück. Schlecht für die Anderen. Denn ihre Auffälligkeiten verbreiten sich überall. Mit guten Computerprogrammen geht das ganz schnell, aber es reicht auch, wenn man Geschichten hört, die für Außenstehende unverständlich bleiben. Zum Beispiel eine Stadt im Ausland, die für ihren Reichtum bekannt ist. Aber auch als Versteck für Schwarzgeld. Wenn ein Computer solche Daten verknüpft, lösen sich alle Nebel auf. Zum Beispiel drei Fakten: Ein erfolgreicher Geschäftsmann. Sein liebstes Urlaubsziel, auch für Kurzreisen. Seine Geschäftspartner. Alles völlig harmlos, aber ein gutes elektronisches Programm schlägt sofort Alarm.

Wenn dann noch weitere, nachprüfbare Merkmale dazu kommen, ist der Fall fast schon gelöst. Aber Menschen müssen das überprüfen, die nicht nur Fachidioten sind, sondern ein breiteres Wissen haben, das zum Beispiel auch ganz andere Forschungsgebiete umfasst, die mit dem eigentlichen Fall nichts zu tun haben, aber die Informationen ergänzen. Wie die hundert Teile eines Puzzlespiels, wie ein Kriminalroman.

Oder wie ein altes Kirchenfenster. Es ist aus sehr vielen bunten Glassteinen zusammengesetzt, die nur dann ein klares Bild ergeben, wenn sie zueinander passen. Auch das Bildmotiv muss schlüssig sein. Das Thema. Diese Fenster sind in der Nähe des Altars, also im Osten, wo die Sonne immer stärker wird, wenn der Tag beginnt. Auch die Planung für jeden Arbeitstag. Je mehr Licht, desto mehr Erkenntnis. Schon der ägyptische Pharao Echnaton hat nur Aton, die Sonne, als einzigen Gott anerkannt.

Die mittelalterlichen Katharer in Südfrankreich verehrten das Licht. Deshalb sandte der römische Vatikan ein ganzes Heer von bewaffneten Kreuzrittern gegen sie ein, bis zu ihrer völligen Vernichtung. Auch der Orden der reichen Tempelritter wurde vom habgierigen französischen König zerstört, der sie an einem einzigen Tag, mit offener Unterstützung des Papstes, in ganz Europa verhaften ließ und ihren Führer Jacques de Molay direkt vor der Pariser Kathedrale Notre Dame, auf einem Scheiterhaufen verbrennen ließ.

Die Geschichte der Tempelritter hat Wolfram von Eschenbach in einem gewaltigen Buch frei verarbeitet. Richard Wagner Frühwerk „Lohengrin“ gestaltet das Thema in einem makellosen Meisterwerk. Und in seinem Schlusswerk „Parsifal“ vertieft der Komponist diese Ideen noch weiter, bis an die Grenze des Wahrnehmungsvermögens.

Hier kann man eine vollständige Tonaufzeichnung hören (4.32 Stunden), mit dem berühmten Vorspiel, unter der Leitung von Hans Knappertsbusch, mit den besten Sängern der damaligen Zeit, in der revolutionären Inszenierung von Wieland Wagner, von der es leider nur sehr gute Fotos gibt:

https://www.youtube.com/watch?v=EWXNUADhMzo

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