Nimrod, der Jäger

4.2.2021. Nimrod ist ein altorientalischer Held, der vermutlich gar nicht lebte, sondern eine Sagengestalt war. Der erste König der Geschichte, ein großer Jäger, etwa 1.400 Jahre v. Chr., zur Glanzzeit der ägyptischen Pharaonen. Andere Quellen halten ihn für den babylonischen Hauptgott Marduk („Sohn der Sonne“), der geheimes Wissen und Weisheit besitzt, auch über die Natur und Kriegskunst, die militärische Strategie. Ihm werden die Schicksalstafeln anvertraut, die Weltordnung des Universums, den Kampf des Chaos gegen den Kosmos, und er erschafft den ersten Menschen. „Der Kirchenhistoriker Epiphanios Scholastikos (6. Jh.) bezeichnete Nimrod als den Erfinder der Magie, der Astrologie und der Pharmazie.“

In Dantes Göttlicher Komödie (1307–1321) tritt Nimrod als einer der turmhohen Riesen auf, die den Höllengrund bewachen. „Er wird für die Babylonische Sprachverwirrung verantwortlich gemacht und redet in wirren, unverständlichen Sätzen eine teuflische Sprache der Konfusion.“ (Wikipedia). Die Überlieferung nennt ihn einen tyrannischen Herrscher, der sich als Gott verehren ließ. Um zum Himmel emporzusteigen und dort den höchsten Gott zu sehen, baute Nimrod in Babylon einen riesigen Turm, den Gott aber einstürzen ließ. „Da kam Gott über diesen Bau von den Fundamenten her, so dass das Dach von oben zusammenstürzte, und die Strafe erreichte sie von dort, wo sie es nicht vermuteten.“ (Wikipedia).

Harun al Rashid (763 – 809) hat tatsächlich gelebt, aber er ist auch eine Hauptfigur der arabischen Märchensammlung „1001 Nacht“. Als stark gekürztes Kinderbuch weltberühmt, aber die Originalfassung ist über einen halben Meter breit. Hier entfaltet sich eine grenzenlose orientalische Phantasie, mit Fliegenden Teppichen, Dämonen aus Lampen und mächtigen Zauberern. Dazu eine Überfülle von zeitlosen Weisheiten und philosophischen Anmerkungen. Der Kalif Harun al Rashid kannte den deutschen Kaiser Karl den Großen und erwartete von ihm eine stärkere Ännäherung zwischen Christentum und Islam. Ein immer noch sehr aktuelles Thema.

Tatsächlich im Orient gelebt hat auch Sinan, der „Alte vom Berge“ (1133 – 1193 n.Chr.) . Er bekämpfte den einflussreichen arabischen Sultan Saladin, der sogar mit einem Teil der christlichen Kreuzritter befreundet war. Sinan war aber dagegen. Er setzte kampfbereite Assassinen ein, junge Männer, die er in einem verwunschenen, exotischen Traum-Garten zu Attentätern ausbildete. Sie bekamen dabei das Versprechen, im Paradies belohnt zu werden. Dann wurden sie an ihre Ziele geschickt. Sie blieben dann, über lange Jahre unerkannt, dort vollständig an ihre Umgebung angepasst und waren, durch das Studium von Sitten und Sprache speziell auf ihre Aufgabe vorbereitet. Da das eigene Überleben in ihrem Denken keine Rolle spielte, konnten sie, nachdem sie sich Vertrauen und Zugang bei ihren Gastghebern erschlichen hatten, jederzeit aktiviert werden.

Wie immer steckt in den alten Sagen eine mächtige Phantasie, deren Antrieb unerfüllte Wünsche waren. Oder auch unglaubliche Ereignisse. Die uralte Bildersprache der Symbolik ist voll absichtlicher Rätsel, Hinweise und Zeichen, die man entziffern kann. Übersetzt man sie nur in eine nüchterne Alltagssprache, verlieren sie ihren Zauber. So geht es auch einigen Shakespeare-Übersetzern. Ihre Texte sind zwar richtig, aber sie wirken langweilig, weil sie die Kraft der Wortwahl im Original nicht beherrschen. Magische Stichwörter sind wie Schlüssel zu einer verborgenen Welt, in der Wunder geschehen. Am 12.9.20 habe ich dazu einen Artikel geschrieben:

https://luft.mind-panorama.de/fata-morgana-2/

Schon mehrfach erwähnt wurde, dass Edward Elgar (1857 – 1934) eines seiner Werke „Nimrod“ nannte. Das klingt sehr kraftvoll und hymnisch, einer der besten Einfälle des Komponisten:

https://www.youtube.com/watch?v=NhnMd1Jl7SA

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