Noch einmal Zwanzig sein

5.11.2020. Rückblicke müssen nicht sehr angenehm sein. So lange man beruflich und privat aufgeladen wird, verdrängt man das. Ein natürlicher Schutzmechanismus, damit nicht ständig Stress aufgebaut und gesteigert wird. Wenn das nicht gelingt, gibt es Störungen. Psychologen können damit nicht immer etwas anfangen, wenn sie nur theoretisch erlerntes Wissen speichern. Die Realität sieht ganz anders aus.

In der Jugend lernt man am meisten und macht auch die meisten Fehler. Weil Vergleichswerte fehlen. Erfahrungen. Wenn die Schulzeit, nach dem Abitur, erst mit zwanzig Jahren endet, hat man manchmal ein solides Fundament. In der Geschichte, den genauen Naturwissenschaften, Philosophie, Englisch und Kunst. Das wird auch in Kleinstädten angeboten. Aber danach wird es ernst. Mit den ersten Berufserfahrungen und den vermeintlichen privaten Freiheiten.

Das ist eine Zeit schwerer Prüfungen. Der Renaissance-Dichter Dante hat das, in seiner „Göttlichen Komödie“ in drei Abschnitte geteilt. Zuerst die Hölle der Unwissenheit. „Inferno“. Dann die Lebensprüfungen, beim Ersteigen eines hohen Bergs. „Purgatorio“. Oben wartet das Paradies. „Il Paradiso“. Da geht es nicht nur lustig zu, sondern die ersten beiden Abschnitte vereinigen sich. Zur höchsten Erkenntnis. Deren Steigerung ist die Erleuchtung. Die Wahrnehmung derjenigen Zeichen Gottes, die der Mensch erkennen kann. In der „Unio Mystica“. Mit der mystischen Vereinigung ist die Mystik ein Oberbegriff für alle Geheimnisse, die sich naturwissenschaftlich nicht auflösen lassen, zum Beispiel die Existenz des unsichtbaren Gottes. Er hat einen sterblichen, irdischen Sohn, Christus. Beide vereinen sich in einer universalen, kosmischen Energie, die Alles erschafft. Oder zerstört.

Auf den letzten Treppenstufen des Lebens werden die ganz alten Ereignisse wieder schärfer sichtbar. Durch die Lektüre historischer Quellen, den Anblick alter, rätselhafter Zeichen und ihre Deutung, deren leicht verständliche Übersetzung in die Sprache der Gegenwart.

Die ersten Bilder, Jugend und Kindheit, werden beim Wegfall von Nebensachen, zeitaufwändigen Belanglosigkeiten und kostspieligen Zeitverschwendungen, immer wichtiger. Eine abgelegene Kleinstadt ist zwar überschaubar und hat optisch ihre festen Grenzen. Aber das Innenleben, die Phantasie sind dann umso stärker. „Das Große ist wie das Kleine“. So steht es in der Tabula Smaragdina (Tafel aus Smaragd), die unter Wissenschaftlern im Mittelalter, vor tausend Jahren, ein hohes Ansehen hatte, wenn die Forscher sich mit Veränderungen beschäftigten. Zum Beispiel die Vorläufer der Chemiker, die Alchemisten. Sie vermischten feste und harte Stoffe, um damit Wunder auszulösen. Doch die Schaffung von reinem Gold im Labor, ein lange gesuchtes Wunschziel, gelang bis heute nicht. Sie fanden auch nicht den mächtigen Stein der Weisen, der alle Rätsel und Probleme löst. Er existiert trotzdem, aber nur durch die Verbindung von Forschung und Wissen, die Auswertung von Auffälligkeiten. Albert Einstein hat damit, vor hundert Jahren, das erste, nachprüfbare Fundament für die Elektronik und für alle Computer geschaffen. Sigmund Freud entdeckte den riesigen Geheimspeicher des Unterbewusstseins, der das menschliche Handeln steuert, auch in falsche Richtungen. Freud machte diese Spuren sichtbar. Damit konnten sie korrigiert werden und verschwanden endgültig, als Belastungen.

Die vielen Weltprobleme lösten sich damit nicht auf, aber man kann besser damit umgehen, heute. Dazu gehören zahllose Kindheitserinnerungen, für die hier kein Platz ist. Kurze Stichwörter setzen sie sofort wieder in Bewegung: Der große Garten am Elternhaus. Das Schulgebäude des Gymnasiums. Der Stadtpark mit dem eingebauten Freibad, wo die Sommertage keine Ende nehmen wollten. Aber ich möchte nicht – noch einmal Zwanzig sein. Eine schöne Zeit war das nicht. Jetzt wird sie immer interessanter.

1969 sang der alte Willi Schneider, „Man müsste noch mal Zwanzig sein.“ Damals war das auch ein Lieblingslied meiner Eltern:

https://www.youtube.com/watch?v=HBmIJFtn_qQ

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