Vincenzo Bellini und Norma, Elvira, Amina

22.9.2020. Vincenzo Bellinis (1801 — 1835) bekannteste Opern haben faszinierende Heldinnen: Norma aus dem gleichnamigen Kelten-Drama. Elvira („Die Puritaner“) und Amina („Die Schlafwandlerin“). Außerdem gibt es nach Giulietta („Capuleti“) und Beatrice di Tenda (Werktitel). Die Anregung für eine nähere Beschäftigung kam von einem anderen Komponisten, der trocken sagte, „Bei Bellini habe ich gelernt, wie man eine Melodie schreibt.“

Und das kann man wirklich bei ihm lernen. Er hat immer die gleiche Handschrift: Temperamentvoll auftrumpfende Trompeten-Soli, Tanz-Rhythmen und leicht eingängige, manchmal sehr gefühlvolle Melodien, die aber nie Selbstzweck sind, sondern in eine wechselnde Handlung elegant integriert sind.

Die Handlungen spielen bei den alten Kelten zur römischen Besatzungszeit (Norma). in den englischen Comwell-Jahren (Die Puritaner), im Alpenland Tirol (Schlafwandlerin) und in Romeo und Julias Verona (Capuleti).

Die Texte sind unterhaltsam, auch dramatisch, aber erkennbar frei erfunden. Norma ist eine Hohepriesterin der Druiden, die den silbernen Mond anbetet („Casta Diva“ – Keusche Göttin) und die Römer von Herzen hasst, sich aber in deren Feldherrn Pollione verliebt und ihn trotz günstiger Gelegenheit nicht töten kann. Elvira und Arturo sind veliebt, aber die Machtansprüche der Puritaner treiben die Unglückliche in den Wahnsinn. Amina landet als geistig abwesende Schlafwanderin im Zimmer eines fremden männlichen Gastes. Giuliettas (Julias) geliebter Romeo lässt sich kaum blicken, weil sein Freund Lorenzo ständig vom Streit zwischen den verfeindeten Familien Capuleti und Montecchi erzähtl.

Bellinis Stücke sind lebensfroh. Die Traurigkeit hält sich in Grenzen. Schmissige Tempi verhindern das Einschlafen. Die Handlungen snd in sich schlüssig, aber von ausufernder Phantasie überflutet.

Sein anfangs zitierter Bewunderer war Richard Wagner, der die anderen italienischen Musiker nicht besonders mochte, weil er selbst fast nur tiefernste Themen in die Breite und Tiefe zog, die bis an die Grenzen der menschlichen Erkenntnis stießen und voll schwerer Geheimnisse waren. Mysterien, in deren Inneren sich ganze Universen verbergen und selbst nach gründlicher Beschäftigung immer noch rätselhaft bleiben. Eine Herausforderung für alle sonstigen Inszenierungen von Musikdramen, die bei fehlendem Verständnis sehr langweilig sein können, vor Allem Richard Wagners vierteiliger Nibelungenring für vier lange Aufführungstage, dessen letztes Stück „Götterdämmerung“ viereinhalb lange Stunden dauert, dazu zwei einstündige Pausen.

Vincenzo Bellini ist auch sehr ernsthaft, aber das bezieht sich vor Allem auf sein vorbildiches Handwerk, ein Musikdrama spannend zu gestalten. Er wurde nur 34 Jahre alt. Geboren ist er in der Stadt Catania, im Nordosten von Sizilien. Das dortige Opernhaus trägt seinen Namen. In einem nicht weit entfernten kleinen Bauerndorf spielt auch Mascagnis tiefernste, kurze Oper „Cavalleria Rusticana“, die das süditalienische Temperament in einer besonders tragischen Handlung spiegelt und vertieft.

Bellini klingt nur gut, wenn die Mitwirkenden seine Eigenarten verstehen. Ein temperamentloser, einschläfernder Dirigent löscht das Feuer der Einfälle. Mittelmäßige Sänger verflachen die Melodien. Opernhäuser auf der ganzen Welt spielen die Werke, mit unterschiedlicher Qualität.

Am besten war Maria Callas. Sie sang Bellinis Hauptwerk vollständig, glücklicherweise auch im störungsfreien Studio. Normas Lied „Casta Diva“ war ihre Spitzenleistung.

Hier kann man das, sieben Minuten lang, vollständig hören:

https://www.youtube.com/watch?v=B-9IvuEkreI

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