Norma in Athen

15.10.2020. Wie im alten Griechenland fühlt man sich in einer anderen Norma-Inszenierung, obwohl die Handlung eigentlich im nordeuropäischen, dunklen Reich der Kelten und ihrer Druiden-Priester spielt.

Die „neue Idee“ stammt eindeutig von Friedrich Nietzsche (1844 – 1900). Er starb im gleichen Jahr, als Sigmund Freuds „Traumdeutung“ erschien, der Paukenschlag für die Entschlüsselung des menschlichen Innenlebens.

Nietzsche wurde ein enger Freund von Richard Wagner, nach seiner eigenen Veröffentlichung des lesenswerten Frühwerks „Die Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik“. Darin beschreibt er, außerordentlich überzeugend, die antiken griechischen Theaterstücke als gedankliche Vorläufer von Wagners Ideen. Zum Dank wurde er ein häufiger Hausfreund beim Komponisten. Das kippte später, nur bei Nietzsche radikal um, verdunkelte sich in einem feindseligen Hass, dessen Gründe, nur vom Umfang her, nicht in diesen Artikel passen.

Der Zuschauerraum des Festspielhauses am Grünen Hügel ist ansteigend, halbrund, wie ein griechisches Amphitheater. Auch der Zuschauerraum des Münchner Prinzregententheaters sieht genau so aus. Gemeinsamer Architekt der zwei Gebäude war Gottfried Semper (1803 – 1879). Das Projekt in München musste Wagner zwangsläufig aufgeben, weil er sich zeitweilig heftig zerstritten hatte, mit seinem Förderer, König Ludwig II. und der ihn, deshalb energisch aus der Stadt verjagte.

Zum antiken Griechenland passt auch das Konzept dieser Norma-Inszenieung.

Hohe, klassische, weiße Tempelsäulen, dahinter Bogengänge, davor eine dunkle Eingangstreppe aus Marmor. Dunkelgelbe und weiße, lange Gewänder der Priester. Hochgesteckte Pyramiden-Frisuren der Tempeldienerinnen. Die keltische Hohepriesterin Norm, selbst in einer bodenlangen, dunkelblau leuchtenden Toga mit goldener Halskrause. Der feindliche römische Feldherr Pollione mit einem ochsenblut-farbigen Leder-Wams, darunter ein sonnengelber, später dunkelroter Festpullover und eine bodenlange, purpurrote Schleppe. Beide lieben sich, aber das funktioniert in einer solchen, kriegerischen Situation nicht. Kämpferisches Rot ist die Signalfarbe des römischen Feldherrn Pollione. Dunkles, leuchtendes Nachtblau die Farbe der Mondpriesterin Norma.

Im Italienischen und schon vorher, im Lateinischen, ist die Sonne sprachlich ein Mann, „Il Sole“, weil nicht nur in der Antike, die Sonne als mächtige Energiequelle verehrt wurde. Mit dem Mond, „La Luna“, verband man eher die schützende und geheimnisvolle Farbe der Nacht, deren Gestirne die nachts unsichtbare Sonne spiegeln. Sie ist mächtig, auch wenn man sie nicht sieht. Das ist Freuds „Unterbewusstsein, ein riesiger Gedächtnis-Speicher für unangenehme Erfahrungen, die schlafen, aber plötzlich zu inneren Störungen werden.

Der Streit zwischen der materiellen, weltlichen Macht der irdischen Herrscher und den transzendenten Quellen der Religion ist sehr alt. Der Dominikanermönch Girolamo Savonarola (1452 – 1489 ) war ein rebellischer, fanatischer Dominikanermönch in Florenz, der gegen die sündige Lebensweise der leichtlebigen Bürger in der reichen Stadt stritt, aber auch gegen den liederlichen, schamlosen Papst Alexander VI. selbst seine Flüche schleuderte, der ihn aber schließlich als Ketzer verbrennen ließ.,

In Bellinis „Norma“ mildert die Musik solche Unterschiede, weil sie in einer stilistischen Einheit, ohne scharfe Extreme, die ganze Handlung begleitet. Das sind Bellinis Grenzen, der sich dabei auf einem hohen Niveau bewegt.

Eine sehenswerte Aufführung stammt aus Savona. Girolamo Savonarola (1452 – 1489 ) war auch der Familienname eines rebellischen Dominikanermönchs. Die Stadt Savona liegt westlich von Genua, also nicht so ganz weit entfernt von der berühmten Scala, dem weltbekannten Opernhaus. In Mailand starb Giuseppe Verdi (1813 – 1901). Das ganze Land wimmelt von Musiktheatern. Die allerersten Opern schrieb Claudio Monteverdi (1567 – 1643), der in Venedig starb, so wie auch Richard Wagner. Innere Querverbindungen gibt es da genug. Die folgende Inszenierung ist vom November 2000. Es singen Maria Dragoni und Gianluca Zampieri. Die Stimmen sind gut. Der Dirigent Massimiliano Carraro begleitet aufmerksam und lebhaft.. Bellini klingt hier frisch und temperamentvoll. Genau so ist auch seine Musik. Hier kann man das vollständig anschauen:

https://www.youtube.com/watch?v=hV31XAq6X80

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