Norma und die Druiden

4.10.2020. Bellinis Oper „Norma“ stand schon sehr oft auf den Spielplänen. Vor Allem die glanzvolle Aufnahme mit Maria Callas ist herausragend. Interessanterweise gibt es davon keine Filmaufzeichnung, obwohl die Kinotechnik schon in den Fünfziger Jahren gute Ergebnisse geliefert hätte. Aber es existieren drei, in der Qualität sehr ähnliche Inszenierungen aus Sydney, London und Wien. In der ältesten, mit Joan Sutherland (1926 – 2010) in der Titelrolle, geht es vor Allem naturalistisch zu. Künstliche Pappfelsen. Pappbäume. Die keltischen Druiden mit Stierhelmen. In London geschah am 16.1.2016 etwas Überraschendes. Eine Mischung aus den alten Bildern und solchen, die man noch nie gesehen hatte.

Den Symbolismus will ich an diesem Beispiel nicht noch einmal genau erläutern. Aber din London hat ein Meister gewirkt. Es bleibt jetzt nur bei kurzen Bildbeschreibungen, aus denen Jeder selbst seine eigenen Schlüsse und Deutungen entwickeln kann. Außerdem habe ich das Ganze erst ein einziges Mal vollständig gesehen. Zu wenig für eine angemessene Bewertung. Aber die einzelnen, völlig unterschiedlichen Details kann man in einen großen Zusammenhang bringen.

Sehr bildstark, in der Nutzung von Bildschnitten und klugen Kamerafahrten, ist auch Federico Tiezzis symbolistische Gestaltung in Bologna, in sehr guter Klangqualität, unter der federnd beschwingten Leitung von Dirigent Evelino Pidò. Ein idealer Bellini-Dirigent, dazu Daniela Dessi (Norma), und Fabio Armiliato (Pollione), mit mit goldenen Sonnenknöpfen auf der Uniformjacke, darüber am Himmel, eine große, blaue Weltkugel. Die Erde bei Nacht. Hier wird Hollywood-Kino im Großformat gezaubert.

Bologna ist keine überragende Großstadt, mit großem Kultur-Budget. Aber künstlerisch sind dort Dinge möglich, die erstaunlich sind.

Solche Filme kann man auch, mit dem gebotenen Mindestabstand, in allen Kinos und großen Hallen zeigen, die zur Zeit geschlossen sind. Oder neue produzieren, damit die besten Sänger nicht nur, ohne Einkommen, zu Hause sitzen müssen.

Zunächst zur Musik. Bellini hat immer ein Füllhorn schöner Melodien bereit. Dafür respektierte ihn auch Richard Wagner, der offen zugab, dass er das „Schreiben von Melodien“ bei Bellini gelernt habe. Aber es ist wie bei Händel: Ein festlicher, froher Grundton durchzieht gleichförmig auch die finstersten Ereignisse.

In den Hauptrollen in London singen Sondra Radvanovski (Norma), Joyce di Donato (Adalgisa), Joseph Calleja (Pollione) und Regisseur Alex Ollé, unter der mitreißenden Leitung von Antonio Pappano. Alex Ollé ist einer der sechs künstlerischen Leiter der katalanischen Theatergruppe „La Fura dels Baus“. Er entwickelt völlig ungewohnte, aufwändige, aber immer glaubwürdige Bilder. Auf der Bühne magische Zeichen wie das silberblaue Gewand der Hohepriesterin Norma, die den Mond verehrt. Das Gegenstück zum ägyptischen Pharao Echnaton und dessen Anbetung von Aton, der Sonne, als einzigem Gott. Dazu eine Überfülle weiterer Anspielungen, die man erst einmal in Ruhe wieder sehen muss.

Es geht um verschiedene Weltanschauungen, die verkürzt, in Einzelfiguren gezeigt werden. Mittelpunkt ist die Hohepriesterin Norma. ihre Göttin „La Luna“ (italienisch, weiblich für „Mond“) ist ein Zeichen der schwarzblauen Nacht, aber nicht das Gegenteil der Sonne, sondern eine eigene, geheimnisvolle Welt, in der goldene Sterne auf feierlichen, nachtblauen Gewändern den Sternenhimmel andeuten, das Reich der alten Zauberer und Magier, die den dunklen Himmel deuten konnten. Eine magische Fähigkeit, verbunden mit universaler Macht und dem Wissen um die ferne Zukunft, deren Energie aber auch schon in der damaligen Gegenwart spürbar war. Böse Magier konnten Unheil auslösen. Weiße Magier sorgten für Glück und Licht, so wie die Sonne jeden Tag das Leben aktiviert, bis hinauf zur höchsten Stufe, der mystischen Erleuchtung, die nur den Weisen vorbehalten ist. Luzifer, der schwarze Satan, ist in Wirklichkeit, wörtlich, ein „Lichtbringer“, ein gefallener Engel, der sich gegen Gottes Weltordnung aufgelehnt hat und deshalb aus dem Paradies verstoßen wurde. Aus allen farblichen Zwischentönen, von Schwarz bis Weiß, entstehen bei dieser Aufführung sämtliche, starken Farben. Das Alles und noch viel mehr, ist in dieser Inszenierung enthalten. Ein Mysterienspiel, wie in der Antike, als die Priesterin des Orakels von Delphi Ideen aus dem Universum empfing und Fragen ihrer aufwändig angereisten, ratsuchenden Besucher beantwortete, die mit dem Schicksal zu tun hatten.

Dagegen steht die nüchterne, materialistische Denkweise der Römer, die vor Allem an Siegen und gewaltsamen Eroberungen fremder Länder interessiert waren, Norma steht für eine viel mächtigere Welt, in der die stärkeren, kosmischen Gesetze des Universums gelten, alles Andere überragen und verkleinern.

Die Auflehnung gegen eine geltende Weltordnung, die Revolution, ist ein Hauptthema der frühesten Historiker und der Dramatiker. Voraussetzung ist eine wachsende Spannung, ein steigender Druck zwischen realen Gegensätzen, zum Beispiel zwischen Arm und Reich, zwischen Diktatur und Demokratie, zwischen unterschiedlichen Staaten und der ungerechten Behandlung ihrer Bewohner.

Schon lange erwartet wird eine ganz neue Weltordnung. Aber lernt sie aus den schweren Fehlern der Vergangenheit? Oft war das nur ein Wunschtraum. Eine Illusion. Phantasie-Märchen, die sich nicht erfüllen konnten, aber weltweit teure und schädliche Krisen auslösten, weil gierige Fanatiker nur sich selbst als Maßstab gelten ließen und Kritiker bedrohten. In der Epoche des allwissenden Internets und klammheimlich gestohlener Informationen muss da noch viel mehr eine klare, durchsichtige, nachprüfbare Transparenz für Ordnung sorgen, aber keinesfalls eine außer Kontrolle geratene, sich überall einmischende Überwachung. In Deutschland und Amerika ist das eindeutig verboten, auch wenn anderslautende Gesetze trotzdem die Verfassung brechen. Im Grundgesetz heißt es zum Beispiel: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Das sind die festen Grenzen im Grundgesetz, auch für staatliche Behörden. Gewalt gegen Bürger ist verboten, auch Psychoterror, dazu die Missachtung von Meinungsfreiheit und Pressefreiheit, außerdem gilt das ungehinderte Recht auf freien Zugang zu Informationen (Internet). Das gilt auch in Gefängnissen.

Hier ist schon lange dringender Handlungsbedarf, vor Allem durch gute, interne Kontrollen, deren zeitliche Abstände und Begründungen genau festgelegt werden müssen. Im Berufsleben sieht man oft etwas ganz Anderes. Wenn Whistleblower aktiv werden, das sind Insider mit genauen Kenntnissen, jubelt die Presse. Aber das hätte man oft vorher verhindern können, durch eine optimale Organisation der Arbeitsabläufe, die gleichzeitig auch ein motivierendes, erfolgreiches Betriebsklima schaffen können.

Norma und die Druiden lebten vor zweitausend Jahren. Das Stück handelt auch von den damals herrschenden römischen Besatzungsmächten, deren auffällige Signalfarbe das Rot war. So sieht man es auch in der Londoner Inszenierung, die wirklich sehr stark ist und auf mehreren Bewusstseinsebenen arbeitet. Das sind die Mittel und Methoden, die sich in das Gedächtnis eingraben und Alltagsbilder vertiefen, die wie ein eindringlicher Traum, auch tagsüber noch weiter lebendig sind.

Immer wieder ein Erlebnis: Maria Callas singt Normas „Casta Diva“ :

https://www.youtube.com/watch?v=B-9IvuEkreI

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