November in Südtirol

15.11.2020. Wien ist auch im Winter sehenswert. Keine Besuchermassen. Keine Warteschlangen. Viel Platz an den Sehenswürdigkeiten. Im Weinort Grinzing ist es ruhig. Dort setzte sich vor Jahren ein alter Akkordeonspieler direkt neben uns. Erste Reaktion: Bloß weg! Denn die können sehr laut werden. Ein Irrtum. Denn es waren kaum Gäste da, und er spielte, ganz leise bekannte Wiener Lieder. Auf Wunsch auch Operettenmusik. Anschließend hatte er noch Zeit, wurde zu einem Glas Wein eingeladen und erzählte von seinem Wiener Alltagsleben. Manchmal vermisse ich das, aber Gutes wiederholt sich oft nicht.

Der österreichische Fernsehsender „Servus“ zeigt jeden Morgen zwischen sechs und acht Uhr aktuelle Panoramabilder aus dem ganzen Land. Gerade waren die künstlich hell erleuchteten Innenstraßen der Stadt Wien noch menschenleer und lagen im Nebel. In den kleinen Orten der Steiermark begann die Morgendämmerung, rot glühend hinter dem einsamen Hochgebirge. Auch in Südtirol, wo man alle Straßenschilder in Deutsch und Italienisch anschauen konnte. Weil die ganze Region zum Staat Italien gehört. Grund: Der „Stahlpakt“ wurde am 22.5.1939 in Berlin unterzeichnet. Hitler und Mussolini vereinbarten eine stärkere militärische Zusammenarbeit, und der Stahlpakt sollte das ewig besiegeln.

Das harte Ende des Stahlpaktes kam jedoch mit Mussolinis Absetzung am 24./25. Juli 1943 und der folgenden Kriegserklärung  Italiens an Deutschland. In den Sechziger Jahren versuchten militante Deutsch-Südtiroler, Hitlers Stahlpakt wieder rückgängig zu machen, auch mit Bombenanschlägen, aber Italien gab keinen Millimeter nach. Südtirol ist heute die reichste Region des ganzen Landes. Als süditalienische Gastarbeiter in den Sechziger Jahren nach Deutschland auswanderten, hingen an einigen Südtiroler Hotels Schilder auf Deutsch: „Wie nehmen keine Süditaliener auf.“ Für die aber war es dann nur nur noch ein kurzer Sprung über die Staatsgrenze in den Alpen, nach München oder in das Ruhrgebiet. Seitdem klappt diese nord-südliche Vereinigung, zur gemeinsamen Zufriedenheit. Die Deutschen essen gern viel Pizza, Gelato oder trinken Wein aus Sizilien. Die italienischen Elite-Persönlichkeiten bleiben unauffällig, aber man erkennt sie an der schwarzblauen, eleganten Garderobe. Die Farbe der Nacht war schon in der Antike das Erkennungszeichen der mächtigen Zauberer und Magier, die den nächtlichen Sternhimmel deuten und die Zukunft voraussagen konnten.

Die nationale Gegenwart kann man aber nicht wegzaubern. Da gelten die eisernen „Gesetze der Ökonomie“. Auch in Deutschland verschlechtern sich die Zahlen. Die Einnahmen stürzen ab, die Ausgaben bleiben. Zum Schwerpunkt Italien sind hier bereits 41 begründete Artikel erschienen. Geändert hat sich aber nicht Viel. In Deutschland lebt man ganz gut. Wenn an einigen Wochenenden Norditaliener auftauchen, sagen ihre südlichen Landsleute manchmal, „Ich verstehe dich nicht. Ich bin Türke.“ Aber das ist ungerecht. Auf dem Oktoberfest habe ich vor zehn Jahren mit einem jungen Arbeiter, einem Nordlicht aus Mailand gesprochen, der sehr menschlich und mittelungsbereit war. Während im südlichen Mezzogiorno ältere Leute in den Dörfern kaum ein Wort mit fremden Zufallsbesuchern sprechen. Zur Regierungszeit von Andreotti. Er war auf verschiedenen Ministerposten an insgesamt 33 Regierungen (von 54 zwischen 1945 und 1999) fast vierundfünfzig Jahre lang beteiligt und dabei sieben Mal italienischer Ministerpräsident. Sein Nachfolger Berlusconi begann als Schlagersänger auf Mittelmeer-Schiffen, war vier Mal Ministerpräsident (1994–1995, 2001–2005, 2005–2006 und 2008–2011) sowie übergangsweise Außen-, Wirtschafts- und Gesundheitsminister. Sie gewannen beide in freien Wahlen, immer wieder.

Der Kinofilm „Il Divo“ (Der Gott) von 2008 zeigt wie ein Dokumentarfilm die Andreotti-Jahre, mit Schauspielern, aber sehr realistisch. Hier kann man einen Ausschnitt anschauen:

https://www.youtube.com/watch?v=Y1PF9L6ry-I

Die gerade erwähnte nächtliche Filmszene hatte folgenden Anlass: Der Carabinieri-General Alberto dalla Chiesa (1920 – 1982) wurde berühmt für seinen hartnäckigen Kampf gegen den italienischen Terrorismus in den 1970er Jahren. Wikipedia: „Er klagte oft über den Mangel an Unterstützung seitens des italienischen Staates. Am 3. September 1982 erlagen er und seine Ehefrau Emanuela Setti Carraro, die erst am 12. Juli geheiratet hatten, den Folgen eines Attentats. Bei der Trauerfeier am Tag seiner Beerdigung in Palermo kam es vor der Kirche San Domenico zu denkwürdigen, heftigen Tumulten. Regierungsvertreter in der Trauergemeinde wurden von der Menge laut beschimpft, als Zeichen der Verachtung mit Kleingeld beworfen und bespuckt, so dass sie schließlich in ihre Dienstwagen flüchten mussten.“

Ich war damals als Tourist, zufällig in Florenz, habe das aber in den Tageszeitungen gelesen. Heute regieren zurückhaltende, höfliche Politiker in Rom, aber die alten Probleme bleiben ungelöst. Das wird sich spätestens ändern, wenn der Alltag sich in ganz Europa wieder normalisiert.

Esther Ofarim sang 1967, von Mandolinen begleitet, im süditalienischen Dialekt: „A core a core cu Raziella mia, stava assettato a chillu pizzo llá“ :

„Raziella“

https://www.youtube.com/watch?v=W2qD5rwJg0o

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