Offene Biergärten

7.4.2021. Wenn Wirtshäuser kleine Gärten haben, sind sie im Sommer besonders beliebt. München hat wegen seiner geographischen Lage im Süden besonders viele und große Biergärten, die mit der ersten Frühlingswärme auch schon gut besucht sind. Dieses Jahr noch gar nicht, aber ab Montag soll es wieder Öffnungen geben. Mit Mindestabstand, einer Höchstzahl an Begleitern und viel frischer, Luft wie immer, die dann Alles weit weg weht, was stört. Alles leider nicht. In den letzten zwanzig Jahren drängte sich dort auch ein Publikum zum Weglaufen. Eigentlich war die Offenheit immer sympathisch. Aber weltweit sind seit dreißig Jahren immer mehr Grenzen gefallen, und wer dann frei herumreiste, landete manchmal auf einer langen Bank mit einem großen Krug Bier. Noch auffälliger war das auf dem Oktoberfest. Immer mehr Gedränge, immer weniger Traditionsmusik. Alte Bauerntrachten wurden modisch verfremdet, zu rosafarbenen Dirndl und zu Lederhosen mit Turnschuhen.

Dazu kamen noch andere Geschmacklosigkeiten. Die Tagesschicht in den Festzelten wurde aufgeteilt. Wer vormitteags kam, musste mittags gehen. Wer nachmittags kam, durfte bis zum Ende bleiben. Karussels, Bier und Essen wurden immer teurer. Wer zu wenig bestellte, bekam einen Gruß von schwarz uniformierten Sicherheitskräften, er möchte bitte Platz machen für die ständig nachrückenden Besuchermassen. Das gefiel manchen Münchnern nicht mehr, auch nicht die flotte Musik abends statt der alten Heimat- und Gebirgslieder. Also verzogen sich viele in die Innenstadt, wo noch Platz war oder machten einen Tagesausflug in die Alpen.

Seit zwanzig Jahren war ich weder auf dem Oktoberfest noch in den überfüllten Biergärten. Es gibt genug Ersatzlösungen. Aber wenn man neu in der Stadt ist, gehört es unbedingt dazu. Genauso die Bierlokale in der Altdstadt, wo man bis zum frühen Morgen versumpfen und nette Leute kennenlernen konnte. Der Altersunterschied spielte dabei keine große Rolle, aber seit einigen Jahren immer mehr. Alte Lokale verschwinden, die neuen Bistros sehen sich sehr ähnlich. Auch die Besucher drinnen. Zu schick gekleidet, aber dankbar für jedes Freibier, dazu wenige Sachkenntnisse und viel Geschwätz über Belanglosigkeiten.

Seit einem Jahr hat ein Paukenschlag das Alles unterbrochen. Wer zuviel Zeit hatte und sich langweilte, hat jetzt noch viel mehr Zeit. Angenehm sind die Zeitgenossen, die trotzdem noch eigene Interessen haben und auch darüber reden statt in geschwätziger Sprachlosigkeit vor sich hin dämmern. Schade daran ist es, dass es sich oft um Leute handelt, die jung sind und gut aussehen. Von ihren Träumen erfährt man rasch, dass sie einen Job in der Medienbranche suchen. Damit sind sie nicht allein. Die Arbeitsangebote verringern sich, weil die Technik leistungsfähiger wird. Die Konkurrenz vermehrt sich, aber nicht nur, weil das im Frühling alle Lebewesen so machen. Minus und Plus ergeben eine Überfüllung dort, wo die best bezahlten Arbeitsplätze immer mehr schrumpfen. Das erzeugt Spannungen und natürlich auch krumme Dinger. Weil dafür kein allgemeiner Durchblick vorhanden ist, landen Manche im Abseits. Das ist immer schade, aber sie lachen und kichern trotzdem.

Das ist keine Miesmacherei. Ich schaue gern zurück auf die wilden Jahre in München. Ein Paradies für jeden Geschmack. Wenn man im Englischen Garten, am Chinesischen Turm spätabends saß, gab es ringsum keine Wohnhäuser, wo Nachbarn sofort Alarm schlugen, wenn ihnen etwas nicht passte. Um ein Uhr früh konnte man gemütlich fortgehen, oft mit netten Leuten, die man gern wiedertraf. Im Jahr 1988, vor 33 Jahren, war das so, und manchmal kommt die Sehnsucht nach einer Zeit, die längst vorbei ist. Aber das ist nun einmal vorbei. In den letzten Jahren tauchten zu viele Stadtbesucher auf, mit denen man überhaupt nichts zu tun haben will. Sie senden Signale und Auffälligkeiten, die hier schon oft beschrieben und erklärt wurden. Sie richten Schaden an, und wenn man sie immer schneller erkennt, bleiben sie entweder unter sich oder werden immer bekannter. Kürzlich gab es wieder Meldungen über bekannte Soziale Netzwerke, deren freigiebig verteilte private Nutzer-Kommentare gesammelt und verkauft werden. Wenn Jemand überall im Mittelpunkt stehen will, freut ihn das. Andere langweilen sich darüber. Bei einem angenehmen Umtrunk habe ich immer kostenlose Frei-Runden abgelehnt, wenn Wichtigtuer dabei waren. Das reicht manchmal schon, um sie auf Distanz zu halten. Andere gute Ideen dafür gibt es auch noch, sie werden hier offen bekannt gemacht, ohne den persönlichen Datenschutz und die Privatsphäre zu verletzen.

Wichtige Geheimnisse haben die wenigsten. Auch ich nicht. Methoden, etwas herauszufinden, ergeben sich von selbst, ohne jede Überwachungstechnik, die außerdem sehr enge gesetzliche Grenzen hat, auch für die Behörden. Viel angenehmer ist Offenheit, so lange sie nicht Schaden anrichtet. Es gibt sehr viele Merkmale, an denen man Lügner und Betrüger erkennt. Oder Habgier nach fremdem Eigentum. Man erkennt es an der Körpersprache, der Gesichtsmuskulatur und an den Lieblingsthemen. Auch dafür gab es hier schon viele Beispiele, ohne Jemandem damit zu schaden. Genauso leicht kann es sein, zuverlässige und ehrliche Menschen zu erkennen. Das bringt Gewinn, der mit Geld nicht zu bezahlen ist.

Wenn die Biergärten tatsächlich nächste Woche wieder öffnen, ist es wie beim Führerschein. Als Anfänger macht Jeder Fehler, aber nach der Prüfung kann man die meisten vermeiden. Das ist ein Lebensprinzip, für alle Bereiche.

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