Pariser Leben in Swerdlowsk

23.3.2021. Frankreichs Vergangenheit hatte vor tausend Jahren viele Höhepunkte. Alleinherrscher Ludwig IV. (1638 -1715), der Sonnenkönig, sagte, „Der Staat – das bin ich“ und „In meinem Reich geht die Sonne nicht unter.“ Aber schon 1789 waren seine Untertanen solche Sprüche leid. Die Staatskriege hatte große Summen verschlungen, das Volk verarmte immer mehr. Da begannen die Pariser Marktfrauen mit einem lautstarken Marsch zum Märchenschloss Versailles. Der König wurde verhaftet und landete öffentlich unter dem Fallbeil der Guillotine.

Die russische Stadt Swerdlowsk lag im Uralgebirge und hieß bis 1924 Jekaterinburg. Am 17.7.1918 wurde dort der letzte russische Alleinherrscher erschossen, Zar Nikolaj II, im Keller eines Hauses, mit seiner ganzen Familie.

Zwei düstere Tragödien, die die ganze Welt veränderten. Aber auch ganz andere Bereiche ändern sich. Jekaterinburg nahm 1991 seinen alten Namen zurück und hat mit dem Ural Philharmonic Orchestra einen der besten Klangkörper von Russland und sendet Video-Aufzeichnungen seiner Konzerte. Außerdem gibt es den Valery Kichin Channel, der Musikaufführungen zeigt, zum Beispiel Bizets Carmen oder auch Offenbachs „Pariser Leben“.

Man findet so etwas nur durch Zufall. Und wenn es Qualität hat, schaut man nicht nur ein einziges Mal hin. Zuerst denkt man an eine Aufführung aus Frankreich, weil der Original-Text sehr klar und deutlich zu verstehen ist. Dazu kommt die besonders bunte Ausstattung, mit Kostümen der Entstehungszeit vor 150 Jahren. Die Einfälle sind abwechslungsreich und passen genau zur Musik. Weggelassen sind die gesprochenen Texte, denen trauert man nicht nach. Übrig bleiben 70 Minuten Musik, die nur selten, so hervorragend zu hören ist. Die meisten Aufzeichnungen sind überdrehte, künstliche Langeweile, deshalb denkt man hier, ein ganz neues Stück zu erleben.

Hier kann man das anschauen (70 Minuten):

https://www.youtube.com/watch?v=UNLCdL2-HCI

Auch das ist keine Flucht aus der Wirklichkeit. Die ist traurig genug, auf der Welt herrscht Krisenstimmung. Aber man kann nicht ständig saure Gurken essen oder über Menschen nachdenken, mit denen man nichts zu tun haben will, weil sie sich überall einmischen und ihren Sauerkohl durch die Welt tragen. Leider sind sie keine exotischen Seltenheiten, sondern drängen sich in allen Firmen, um das Betriebsklima zu vergiften und die Arbeitserfolge wie verdorbenes Obst oder Sauerampfer einzustampfen. Im Theater lachen solche Leute besonders laut, wenn es gar nicht passt, und im wirklichen Leben sind sie noch aufdringlicher. An den Münchner Kammerspielen habe ich einmal den erstklassigen Schauspieler Helmut Griem (1932 – 2004) in einer bitteren Tragikomodie erlebt. Er spielte sehr konzentriert, aber ein einzelner Zuschauer lachte dazu, gellend laut, ausgerechnet an den Stellen, die besonders bedrückend waren. Dann unterbrach Griem die Vorstellung und rief ihm zu, „Wenn Sie nicht sofort aufhören, stehe ich diesen Abend nicht mehr durch.“ Danach war Stille, aber dieser Abend war erst dann gut, als der Vorhang endgültig fiel.

Belästiger wollen auffallen, auch mit Unwahrheiten und Aufdringlichkeit. Aber das wird dann ihr Markenzeichen, mit denen sie immer mehr bekannt werden. Man muss gar nichts über den französischen König oder über Offenbachs Musik wissen, aber wenn man dann auch im noch Mittelpunkt stehen will, dann werden die ernstzunehmenden Zuhörer immer weniger. Sokrates (469 – 399 v. Chr.), sagte zu seinen arroganten, noch nicht sehr klugen Schülern, „Ich weiß, dass ich nichts weiß“. Das stimmte überhaupt nicht. Aber er meinte den Vergleich zwischen seiner einzelnen Person und dem Universum. Wenn man die richtigen Größenordnungen vergleicht, werden die höchsten Berge manchmal ganz klein. Weil man sich auf ihr Äußeres beschränkt. Und das ist immer nur die Oberfläche. Dass man Etwas relativiert, kann auch Geschwätz sein. Eine Leerformel. Aber Einstein entdeckte, dass die Energie der Lichtgeschwindigkeit abgängig ist von der Masse ihres Mediums, das sie fortbewegt. Mit dieser Relativitätstheorie wurde er berühmt. Und fand die Eigenschaften der Elektronik.

.