Das Rauschen der Adlerflügel

26.8.2021. Elektronenmikoskope können das Innenleben eines   Wassertropfens gestochen scharf abbilden. Aber nicht die Psyyhe des Menschen. Wie das trotzdem geht, findet man hier in dem Kapitel „Psychoanalyse“. Nichts geändert hat das an den Spannungen auf allen Kontinenten. Selbst das amerikanische Militär und seine angeschlossenen Organisationen erklären immer noch, die jetzige Flüchtlingskrise in Afghanistan wäre nicht vorauszusehen gewesen. Den Gegenbeweis habe ich bereits am 10.8.21 geliefert, als zunächst nur der Rückzug der Soldaten aus dem Land bekannt gegeben wurde. Hier habe ich dazu eine Prognose gestellt, die leider richtig war:

https://luft.mind-panorama.de/neues-aus-china/ 

Prognosen können ganz falsch sein. Fehler macht Jeder. Wenn sie trotzdem stimmen, ist wieder die wichtigste Frage: Warum? Auch das wurde hier, seitdem immer wieder beantwortet.

Um noch mehr herauszufinden, reicht ein genauer Blick in unsterbliche Kunstwerke. Der Regisseur William Wyler hat 1959 den Monumentalfilm „Ben Hur“ geschaffen, der zum unauslöschlichen Gedächtnis der Kunstgeschichte gehört. Danach wagte Wyler etwas ganz Anderes. 1961 drehte er das Drama „Infam“ (Hinterhältig). Dafür gewann er die Stars Audrey Hepburn (Karen) und Sirley MacLaine (Martha). Sie spielen zwei junge Lehrerinnen, die in einer Kleinstadt eine eigene Grundschule betreiben. Die Harmonie der Beteiligten bekommt einen heftigen Schlag, als die Schülerin Rosalie behauptet, sie hätte die beiden Lehrerinnen heimlich bei einer liebevollen Umarmung beobachtet. Das schlägt hohe Wellen, und der dumme Kleinstadt-Skandal ist angekommen. Die Eltern sorgen dafür, dass die beiden Frauen nur noch vor leeren Klassenbänken stehen. Martha erhängt sich mit einem Strick, und Karen geht schweigend zu ihrer Beerdigung. In der Schluss-Szene.

Warum ist das passiert? Die Antwort steckt auch in einer Tatsachen-Geschichte. Oscar Wilde (1854 – 1900), war ein berühmter Schriftsteller. In London hatte er eine enge Beziehung mit dem Lord Alfred Douglas. Kein Geheimnis. Doch Alfreds Vater rannte am 18.2.1895 wütend in Wildes vornehmen Privatclub und schrie dort in die gemütliche Versammlung „Sodomit!“ (Schwuler). Wilde zeigte ihn wegen Beleidigung an. Und dann begann sein Untergang. Die Richter fragten ihn ganz genau aus, er musste alle privaten Details erzählen. Zunächst fuhr er noch mit einer vornehmen Pferdekutsche zu allen  Verhandlungen, aber die Gerichtskosten frassen sein ganzes Vermögen auf. Das Urteil verordnete zwei harte Jahre Zwangsarbeit, wegen Unzucht. Zum Gefängnis wurde Wilde mit einer öffentlichen Straßenbahn gefahren, deren Fahrgäste ihn verhöhnten und beschimpften.

Noch tiefer in den Mittelpunkt des Schreckens geht Oscar Wildes Theaterdrama „Salome“. Richard Strauss (1864 – 1949) hat daraus sein erstes musikalisches Meisterwerk gemacht, in einer  ekstatischen, vorher noch nie gehörten Klangsprache. Eine Oper, die ausschließlich den Text von Oscar Wilde verwendet. Die Uraufführung war 1905 in Dresden. Zum lautstarken Skandal wurde die lange-Schluss-Szene. Man versteht sie aber nur, wenn man eine Kurzfassung der gesamten Handlung kennt. Sie spielt zur Zeit  der Regierung von Herodes II. Antipas. Herodes hatte  Johannes (Jochanaan), der den jungen Christus im Fluss Jordan taufte,  in einernKerker gesperrt. Später verhöhnte Herodes auch noch den gefangenen Christus. Die verwöhnte Tochter von Herodes ist die Prinzessin Salome. Sie lässt sich, zum Zeitvertreib, den gefangenen Propheten Jochanaan zeigen  und will ihn verführen. Doch der weist sie zornig ab, „Wer ist dieses Weib, das mich anschaut, mit ihren Gold-Augen unter glühenden Lidern? Ich will nicht, dass sie mich anschaut.“ Damit stachelt er Salome aber noch mehr auf. Herodes wünscht sich von ihr einen Tanz, bei dem sie nacheinander sieben Schleier fallen lässt. Die Ziffer Sieben ist numerologisch die Zahl der Schöpfungstage, an denen Gott die Welt erschuf. Salome jedoch will nur vernichten, mit Gewalt. Als Dank für ihren Schleiertanz verlangt sie von Herodes den abgeschlagenen Kopf Jochanaans. Und sie bekommt ihren Willen, auf einer überreichten silbernen Platte, mit der sie dann jubelnd den großen Schlussmonolog singt. Entsetzt ruft Herodes, „Man töte dieses Weib!“ Damit endet die Oper.

Der erste Auftritt von Herodes beginnt mit seinen Worten: „Es ist etwas in der Luft, wie das Rauschen von mächtigen Flügeln!“ Was er nicht begreift: Hier rauschen die schwarzen Flügel seines bevorstehenden Untergangs. Über das Stichwort „Rauschen“ habe ich hier schon über 40 Beiträge geschrieben:

https://luft.mind-panorama.de/?s=rauschen+&x=23&y=0

Das Wort „Rauschen“ hat einen ganz besonderen Klang. Es ist ein scharfer Zischlaut, wie bei einer Schlange, die ihr Opfer fixiert und erschrecken will. Ein Naturereignis, das bei allen Raubtieren zum angeborenen Programm gehört.

Aber der Mensch ist eigentlich kein Tier, nur vom biologischen Aufbau her. Mit seinem Verstand kann er die wilde Natur bändigen, auch in sich selbst. Aber die am Anfang erwähnten, aktuellen Weltkrisen zeigen etwas ganz Anderes. Lateinisch: „Homo homini lupus est.“ (Der Mensch ist des Menschen  Wolf.)  Ein alter Bekannter sagt mir schon vor vielen Jahren, „Der Mensch ist wie ein wildes Tier. Nur Gesetze können ihn bändigen.“ Er hat das selbst zu spüren bekommen, hat auch die Gesetze dazu auswendig gelernt. Gennutzt hat es deshalb nichts, weil an den wichtigsten Schalthebeln die falschen Bearbeiter saßen.

Gesetzbücher sind hier ein Dauerthema. Aber die Wirklichkeit ist viel schwieriger als das komplizierteste  Juristen-Deutsch. Direkt unter diesem Text findet man drei  Stichwörter dazu: „Gemeinschaftsregeln“. „Gesetzbücher“. „Universalgesetze“. Mit über 350 Artikeln.

Eine eindrucksvolle Verfilmung der Oper „Salome“ schuf 1975 Götz Friedrich, mit Teresa Stratas und Bernd Weikl. Karl Böhm leitet die Wiener Philharmoniker (101 Minuten) :

https://www.youtube.com/watch?v=MJ1kHi1HjQE

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