Reise durch die Angst

3.11.2020. Im Oktober 1978 habe ich eine gefährliche Reise erlebt. Sie hätte jeden Tag schief gehen können. Sie begann im westfälischen Münster, ging dann über München nach Innsbruck, Zagreb. Bulgarien. Türkei. Syrien. Das Ziel war Amman in Jordanien. Wir fuhren in zwei Autos. Vereinbart war, dass bei jeder Auffälligkeit das Warnblinklicht einzuschalten war und man am nächsten Halteplatz darüber reden sollte. Zunächst ging Alles reibungslos.

In Bulgarien mahnten große, mehrsprachige Straßenschilder, dass man innerhalb eines Tages das kleine Land nur durchfahren durfte und dann verlassen musste. Es war damals politisch abgeriegelt. An der türkischen Grenze sollten wir sogar Zoll bezahlen, obwohl es nur eine Transitreise, eine Durchfahrt war. Mitten in der Diskussion mit den uniformierten Zöllnern tauchte ihr Chef auf. Er rieb nur den Zeigefinger und den Daumen der rechten Hand aneinander. Das bedeutete: „Zahlt endlich!“ Und dann durften wir sofort weiter. An der syrischen Grenze wollten die Zöllner kein türkisches Geld annehmen. Sie rufen nur, „Shampoo ! Shampoo !.“ Wir waren vorgewarnt und hatten genug Waschmittel eingepackt. Dann durften wir weiter. Auf der langen Fernstraße ging es mitten durch Damaskus. An der jordanischen Grenze hatte man uns, schon in Deutschland, empfohlen, überhaupt kein Bestechungsgeld anzubieten. Denn der Staat war von den korrekte Engländern, Anfang des Jahrhunderts, nach strengen britischen Prinzipien organisiert worden.

Kurz vor dem Ziel, der Hauptstadt Amman, wollten wir abends, in der frühen Dunkelheit, noch einmal kurz halten. Die Straße war abschüssig. Ich zog die Handbremse an und stieg aus. Im zweiten Auto hatte der Fahrer das vergessen. Es rollte langsam, rückwärts auf einen tiefen, ungesicherten Berg-Abhang zu. Wir schrien alle laut, denn die Ehefrau des Fahrer saß noch drinnen. Da gab es einen leisen Knall. Das linke Hinterrad des sollenden Autos war von einem herumliegenden großen Stein gestoppt worden, im letzten Augenblick.

Dan waren wir am Ziel. Das nächtliche Lichtermeer von Amman blieb rasch zurück. Dann waren wir mitten im palästinensischen Flüchtlings-Camp „El Wahdat“. Die Verwandten und Bekannten warteten schon. Beim gemeinsamen heißen Tee erzählten wir von der Reise. Danach habe ich noch ein paar Tage im Hotel übernachtet. Mit dem gleichaltrigen Ehemann war ich seit sechs Jahren befreundet. Er zeigte mir, bis zur Abreise, die Stadt und wir fuhren einmal zum Toten Meer. Auf der anderen Uferseite standen uniformierte israelische Soldaten. Wir sprachen nicht mit ihnen, und sie blieben untereinander, für sich. Drei Tage später fuhren wir zum Flughafen. Das Passagier-Flugzeug nach Frankfurt stand bereit. Mit einer Umarmung haben wir uns verabschiedet. Und dann nie mehr wieder gesehen.

Die lange Reise, vor 42 Jahren, habe ich mit einer kleinen Super-Acht-Schmalfilmkamera aufgezeichnet. Die Bilder sind deshalb immer noch sehr lebendig und persönlich sehr wertvoll, aber nicht finanziell.

Am gefährlichsten war unterwegs die Autofahrt über das Hochgebirge des Taurus, in der Türkei. Vor vierzig Jahren gab es dort noch gar keine Autobahn, sondern nur eine, einfache, zweispurige Asphaltstraße, zum steilen Abgrund hin völlig ungesichert. Es wurde langsam dunkel. Viele Autos waren in beiden Fahrtrichtungen unterwegs. Einige hatten aus Sparsamkeit kein Licht eingeschaltet, also schaltete ich das helle Fernlicht ein. Ein langsamer Bauern-Traktor konnte im letzten Augenblick erkannt werden. Laut schimpfend fuhren wir daran vorbei, gehört hat es draußen Niemand.

Am Fuß des Gebirges war die Stadt Adana. Wir hielten mitten auf dem gut beleuchteten Marktplatz. Da fiel in der ganzen Stadt der Strom aus. Wir tasteten uns im Schritt-Tempo ganz langsam weiter, zur nächsten Straße. Dann kam eine helle Tankstelle und verkaufte Treibstoff. Der Kassierer riet uns, an der Tankstelle zu übernachten, denn „gleich kommen noch gefährliche hohe Berge.“

Gleichzeitig näherten sich aus der Dunkelheit schweigsame Männer, die unsere vollgepackten Autos aufmerksam musterten. Ich sagte nur, „Wir starten sofort und verschwinden.“ Gefährliche Berge gab es überhaupt nicht mehr. Nach fünf Kilometern tauchte ein großer Lastwagen-Parkplatz auf, der eingezäunt war und von bewaffneten Uniformierten bewacht wurde.

Das Gefährlichste waren, kurz vorher die abgeschalteten Scheinwerfer der vielen Autos auf der steilen Taurus-Hochstraße gewesen. Dort hätte auch zufällig, jederzeit ein schwerer Unfall passieren können. Aber wir hatten sofort darauf reagiert, durch Einschalten des eigenen Fernlichts.

Schmutzige Fenster und Spiegel versperren die freie Sicht. Wenn man das wirklich nicht weiß, muss man sich darauf vorbereiten. Ein Universalmittel für alle Pläne und Projekte. Bunte Reiseprospekte nutzen da gar nichts. Sie täuschen eine Sicherheit vor, die gar nicht existiert. Auch die ganze Sicherheits-Branche, die Security, kann viel raffinierte Technik benutzen, aber die funktioniert niemals hundertprozentig.

Mehr Sicherheit ist nur mit mehr Freiheit möglich. Mit Vertrauen. Ich habe im Beruf hohe Rechnungen freigeben können. Aber vorher wurde gründlich geprüft. Nicht übertrieben. Dann prüfte das Ganze noch der zweite Mit-Unterzeichner. Dann war es erledigt. Wenn man es mit unzuverlässigen Dampfplauderern und Betrügern zu tun hatte, wurde einmal, ganz genau geprüft. Dann bekamen sie keine Aufträge mehr. Das reinigt die Luft, aber nicht übertriebene, ständige Kontrollen. Das Grundgesetz setzt dabei für Alle ganz klare Grenzen, die Strafgesetze auch. Computer sorgen für eine immer bessere, legale Datenverarbeitung.

Bei Auffälligkeiten schlagen die Systeme vollautomatisch Alarm. Für alle Finanzämter ist das längst Alltag. Bei hohen Steuer-Einkommen ist die Steuerfahndung Tag und Nacht im Einsatz. Aber nicht bei Allen, sondern nur bei Verdächtigen und Wiederholungstätern. Dabei gibt es auch keinen Überwachungsstaat. Die meisten Bürger haben damit überhaupt keine Probleme. Und auf die Anderen fällt ein immer helleres Licht, selbst bei dunklen Fensterscheiben und Spiegeln. Die Computer machen wenige Fehler. Und überprüft werden sie immer, von erfahrenen Experten. Das muss auch so sein.

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