Schleppende Zeit

25.11.2020. Wieder geht ein Monat zu Ende. Die Zeit läuft schneller mit dem fortschreitenden Lebensalter. Zuerst erschien sie unendlich lang, weil das Wissen und die Erfahrungen begrenzt waren und viele offene Lücken hatten. Die Schulen waren mittags fertig, damit die Kinder nachmittags Zeit für ihre Hausaufgaben hatten. Die dauerten nicht allzu lange, und dann kam die Langeweile. Mit Gleichaltrigen wurde Einiges unternommen, aber die mussten abends früh zu Hause sein. Was dann blieb, waren Bücher, die damals beim Lernen noch eine Hauptrolle spielten. Das ist längst vorbei. In den Sechziger Jahren machte das Fernsehen sich immer mehr breit. Die Abende wurden nicht mehr gemeinsam bei Nachbarschaftstreffen verbracht. In meiner Kindheit hatten wir vorübergehend einen der wenigen intakten Wasseranschlüsse. Da standen die Nachbar zwangsläufig, um Nachschub für sich selbst zu holen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren viele Häuser zerstört, und man half sich gegenseitig beim Wiederaufbau. Das Stichwort „Nachbarschaftshilfe“ wurde groß geschrieben, auch beim Einkaufen und allen sonstigen Alltagssachen. Das änderte sich mit dem Wirtschaftswunder. Anfang der Fünfziger Jahren hatten Viele ihr eigenes Haus, ein eigenes Auto für die immer mehr Supermärkte, mit bequemer Selbstbedienung und zunächst niedrigen Preisen. Die „Fresswelle“. Dann kamen die Auslandsreisen. Nachbarländer waren plötzlich leicht erreichbar. Das Meer lockte nach Italien, das damals auch preiswert war. Die Gastgeber staunten über die dicken, reichen Deutschen. Und Anfang der Sechziger Jahre waren sie plötzlich selbst da. Die Gastarbeiter, die besser bezahlt wurden als zu Hause.

All das wurde zum Massenartikel. Billige Fernreisen bis in andere Kontinente. Billige Textilien aus Asien, Anfang der Achtziger Jahre. Manche Fabrikbesitzer nahmen das nicht ernst. Dann waren sie Pleite. In meiner Heimatstadt schoss die Arbeitslosigkeit in die Höhe. In Nordbayern und anderswo war es genauso. Der gesamte Druck wuchs, und dabei lockten die Großstädte. Die frühere Hauptstadt Berlin, die aber von der feindseligen DDR umzingelt war. München wurde zur Traumstadt, die blitzte und glitzerte. Dort tauchten die meisten Millionäre und Prominenten auf, begleitet vom Klatsch der aufgeregten Sensationspresse. Film und Freizeit breiteten sich aus, aber auch die Tragödien, die bis Hamburg für Schlagzeilen sorgten.

1972 änderte sich das Alles. Die Olympischen Spiele lockten Besucher aus der ganzen Welt an, die auch gern bleiben wollten. Große Stadtrandviertel wurden neu bebaut, vor Allem mit Wohnungen. Billige Baupreise. Billig Architektur. Niedrige Mieten. Als immer mehr Zugereiste („Zugroaste“) auftauchten, schnellten die Preise in die Höhe. Vor dreißig Jahren war ich auch dabei. Die Traumstadt, die „heimliche Hauptstadt Deutschlands“ war damals wirklich so. Man konnte genießen, für jeden Geschmack. Und sah Alles aus immer größerer Nähe. Wie unter einem Brennglas. Heute sagt man Elektronenmikroskop. Und die Medizintechnik bewegt sich im winzigen Nano-Bereich, nicht ungefährlich, wenn dabei zu Viel experimentiert wird. Tests bekamen Hochkonjunktur, nicht immer mit Wissen und Einverständnis der Betroffenen. Vor Allem in der Werbung. Hausfrauen bekamen drei verschiedene Packungen, in denen nur ein und derselbe Reiniger war. Doch die Kartons waren blau, gelb und blau mit gelben Punkten. Dann sollte die Qualität bewertet werden. Das Gesamtergebnis: In der blauen Packung war zu wenig Waschkraft, in der gelben zu viele. Und die Dritte war deshalb die Beste, weil sie Elemente der beiden anderen zeigte. Dabei war überall das Gleiche drin. Die Werbepsychologie entwickelte immer mehr derartige Psychotricks und Täuschungsmanöver. Heute hat das eine Perfektion erreicht, die nur noch mit feinen Messinstrumenten enttarnt werden kann.

Und selbst das hilft nicht immer. Berühmte Autoproduzenten fielen vor ein paar Jahren damit auf, dass sie Abgastests mit niedrigen Werten zur Verkaufsförderung einsetzten. Doch die Computerprogramme waren absichtlich manipuliert worden. Das entdeckten ein paar Privatleute, nur weil sie die Testmethoden untersuchten. Danaxh traten einige Manager sofort zurück. Sie mussten mit hohen Strafen und Schadensersatzforderungen rechnen. Aber die hängen jetzt bei den Firmen. Ein rechtskräftiges Urteil wurde bisher noch nicht gesprochen. Vielleicht hofft man, dass Gras darüber wächst und Alles zudeckt. Das aber darf gar nicht sein. Gutachter und Gerichte waren schon öfter in Skandale verwickelt, aber es ist erstaunlich, wie unterschiedlich die Verfahren abgewickelt und beendet wurden. Sogar mit Frist-Verjährung, obwohl allein ein Prozess-Beginn die Verjährung unterbrochen hätte, jahrelang, bis zum bitteren Ende. Manager und Ärzte haben eine hohe Haftpflichtversicherung, aber die zahlt nicht bei Vorsatz oder grober Fahrlässigkeit. Dann haften die Verursacher mit ihrem gesamten Privatvermögen, auch mit eigenem Grundbesitz und prallen Auslandskonten. Bis zur Höhe der Sozialhilfe.

Das hätte doch gar nicht sein müssen. Manager sind je nicht dumm, und die großen Firmen haben hoch bezahlte Rechtsanwälte, damit das nicht geschieht. Aber es passiert trotzdem. In allen staatlichen und privaten Bereichen.

Auf Weihnachtsgeschenke kann man sich jetzt freuen, aber nur, wenn sie auch genießbar sind. Sonst muss die Suppe jeder selbst auslöffeln, die er gekocht hat. Selbst prominente Sportler geben kaum noch Interviews mehr. Wenn es sie erwischt hat. Wegen der Fußball-Weltmeisterschaft vor vierzehn Jahren. Die hieß damals „Sommermärchen“. Das ist auch ein deutscher Kino-Dokumentarfilm des Regisseurs Sönke Wortmann. Er zeigt die deutsche Nationalmannschaft auf dem Weg zur und bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2006. Das Sommermärchen ist mittlerweile ein Alptraum geworden. Gelder sollen gezahlt worden sein, die man nicht hätte zahlen dürfen. Die Eröffnung des Prozesses wurde kürzlich von den zuständigen Behörden abgesagt. Wegen Verjährung. Dann hätte man genauer in die Strafprozessordnung schauen müssen, rechtzeitig reagieren und ein Verfahren eröffnen müssen, dass den Fristablauf sofort unterbricht. Oder die Fristen verlängert. Da gibt es viel Spielraum für phantasievolle Deutungen. Interpretationen. Juristen kennen sich da sehr gut aus, es gehört zu ihrem normalen Arbeitsalltag. Vielleicht sind ja Fehler gemacht werden. Aber Niemand hat das gemerkt und kritisiert. Denn sonst müssten die Verfahren auch jetzt noch eröffnet werden.

Pontius Pilatus sagte, „ich wasche meine Hände in Unschuld“, als er Jesus zum Kreuztod verurteilte. Doch der Hohepriester Kaiphas verlangte es, weil er und seine Anhänger vorher scharf kritisiert worden waren, von ihrem späteren Opfer. Trotzdem hat das Christentum sich anschließend über die ganze Welt verbreitet, wegen seiner Gedanken. Deren Lebendigkeit hat allerdings oft auch gelitten, wegen der grausamen Ketzerverfolgung und den Hexenverbrennungen, auch unschuldiger Männer. Die Glaubensfreiheit wird in der amerikanischen Verfassung, in den USA und in unserem Grundgesetz ausdrücklich geschützt. In Diktaturen passiert das Gegenteil. Auch religiöse Gemeinschaften dürfen gegen ihre eigenen Mitglieder keinen Zwang ausüben. Psychoterror ist verboten. Die Justiz soll das durchsetzen. Aber da sind viele Fragen offen. Die nachprüfbare Transparenz bringen zwar auch jetzt schon Computerprogramme, die aber mit der Analyse und Auswertung zu oft überfordert sind, weil sie mit falschen Methoden gefüttert wurden. Ein gutes Geschenk wäre die Realisierung, auch nach der Weihnachtszeit, die schon viel zu oft tatenlos vorbeirauschte, mit Engelschören und streitender Verwandtschaft.

.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.