Schrebergärtner

9.7.2021. Beliebte Traumstädte haben nicht nur Freunde. Der Eindruck täuscht, weil die Mehrheit dort hin will. Als Berlin im Jahr 1949 plötzlich nicht mehr ganz Deutschland regierte, zogen viele Künstler und Firmen nach München um. 1972 gab es dort die Olympischen Spiele, die ganze Welt war zu Gast und wäre am liebesten da geblieben. 1990 kam die Wiedervereinigung für ganz Deutschland, aus den gleichzeitig zusammenbrechenden Nachbarstaaten im Ostblock tauchten viele Einwanderer auf. Doch es gab Ausnahmen. Als Neuling arbeitete ich mit einem echten, älteren Münchner zusammen, der noch nie eine große Reise gemacht hatte. Mit seiner Frau war er noch kein einziges Mal im großen Englischen Garten gewesen, obwohl er den ganzen Tag beruflich überall unterwegs war. Die beiden interessierten sich auch nicht für die Sehenswürdikeiten. Bei der Arbeit half er, wo er nur konnte, aber sonst gab es überhaupt keinen Gesprächsstoff. Eine Ausnahme, aber kein Einzelfall. Der Grund war die Erziehung im Elternhaus.  Die Eltern hatten als Arbeiter nur ein kleines Einkommen, die freie Zeit verbrachte die Familie zu Hause, und das reichte.

Eigentlich unvorstellbar, denn die natürliche Neugierde verlockt dazu, Gartenhecken zu verlassen und den Rest der Welt genauer kennenzulernen. Doch in Deutschland gibt es über eine Million Kleingärtner und Mitglieder der dafür aufgebauten Vereine. Moritz Schreber (1808 – 1861) hatte die Idee. Er wollte für arme Leute und ihre Kinder eine preiswerte Freizeitmöglichkeit schaffen. Das wurde ein Erfolg in ganz Europa. Wer aber einen größeren Rahmen suchte, hatte danach ein neues Schimpfwort. Als „Schrebergärtner“ bezeichnete man alle Mitmenschen, die wenige Interessen hatten und ihren Horizont nicht freiwillig erweiterten. Befehlsempfänger, die sich von Machtzentren aus fernsteuern ließen, das Fundament aller Herrscher, die keinen Widerspruch und keine Kritik duldeten.

Eigentlich haben sich die Informationsmöglichkeiten immer mehr erweitert. Der Datenaustausch durchdringt alle Bereiche, auch dort, wo er unerwünscht ist und Schutzgesetze das verbieten und bestrafen. Mehr noch. Selbst Experten staunen darüber, welche Spinnennetze und dunklen Abgründe auftauchen, vor Allem seit dem letzten Jahreswechsel. Kurze Stichwörter reichen und werden in jedem Lexikon genau erklärt: „Wirecard“, „Open Lux“, „Masken-Betrug“. Der neueste Schrei kocht jetzt unter dem harmlos klingenden Titel „Cum Ex“. Dazu gibt es hier bereits sieben  Artikel:

https://luft.mind-panorama.de/?s=cum+ex&x=19&y=15

Am 17.7.2019, vor zwei Jahren,  schrieb ich dazu einen Kommentar.: „Ein aktuelles Zauberwort heißt „CUM – Ex“. Das ist schwer zu durchschauen, aber streng verboten. Die Presse berichtet zur Zeit über bervorstehende Strafverfahren wegen solcher Täuschungsmanöver. Da geht es um schwere Steuerhinterziehung. „Cum“ ( = Vorher) und „Ex“ ( = Nachhher) meint betrügerische Aktiengeschäfte. „Vor und nach “ dem Zahltag einer Erstattung von Steuern durch das Finanzamt, manchmal doppelt eingesteckt oder sogar mehrfach. Beim Landgericht Bonn beginnt ein solcher Prozess am 5. September. Als Täter beschuldigt werden eine deutsche Privatbank. Eine US-Bank. Drei Fondsgesellschaften. Gegen die Intensivtäter, darunter auch Rechtsanwälte, liegen umfangreiche Zeugenaussagen vor. Vom sonstigen Beweismaterial ganz zu schweigen. Allein zwei Verursacher sollen systematisch, also mit voller Absicht mehrere Staatskassen gepkündert haben, mit einem Gesamtschaden von 447,5 Millionen Euro.“

Man kann es leider nur wiederholen: Betrügereien gibt es schon seit dem Beginn der Menschheits-Geschichte, vor 2,8 Millionen Jahren. Die Methoden wurden immer raffinierter, die verschwundenen Geldbeträge immer höher, die beteiligten Verursacher saßen immer öfter, ganz oben auf der Hühnerleiter, am oberen Ende der Hackordnung. Bekannt ist auch, dass die Aufklärungsmethoden immer schneller und präziser werden. Eine Staatsanwälte berichtete von ihrn Durchsuchungen in einer großen Firmen-Zentrale, in ihrer Begletung waren Polizisten und Computer-Experten. Vor ihr standen Führungskräfte, wütende Manager, die laut auf sie einschrien, dazu deren Mitarbeiter, die sogar zupackten und die Ermittler am Weitergehen hindern wollten. Niemand hatte offensichtlich, bei den vielen Dienstbesprechungen, Hinweise bekommen, dass Widerstand in solchen Fällen zwecklos ist und noch mehr neugierige Gäste und Spezialisten auftauchen lässt, deren Protokolle in den Gerichtsakten landen. Früher waren das meterlange Aktenschränke aus Papier, jetzt rauscht Alles geräuschlos in elektronische Datenspeicher und kann jederzeit, weltweit weiter geschickt werden. Die Auswertung übernehmen längst auch Journalisten und an den Stammtischen zischt nicht nur das frische Bier, sondern noch lauter die Gerüchteküche und Informationen über Wissenslücken, die auch Geldscheine knistern lassen.

Erwähnt wird das nur deshalb, weil es wichtig ist, Wissenslücken zu schließen, die es eigentlich gar nicht geben darf. Berufsfahrern habe ich einmal gesagt, dass sie nicht pausenlos kontrolliert werden, weil Niemand dafür Zeit und Interesse hat. Aber sie erfuhren auch, dass sie bei einer Alkoholkontrolle sofort ihren Füherschein verlieren und ihnen dann Niemand mehr helfen kann. Bei den Zuhörern kam das gut an, aber eine Woche später wurde ein Einziger trotzdem erwischt, durfte nicht mehr als Fahrer arbeiten und fand längere Zeit auch keinen Ersatz mehr dafür. So weit muss ea überhaupt nicht kommen, trotzdem passiert es.

Als Moritz Schreber seine Idee von den kleinen Schrebergärten verbreitete, galt die Biedermeier-Zeit als typisch für häusliche, private  Behaglichkeit und Zufriedenheit. Zu dieser Zeit entstand „Die Winterreise“ von Franz Schubert (1797 – 1828). Die Liedersammlung handelt von einem einsamen Wanderer, in einer tief verschneiten Winterlandschaft. In den Naturbildern spiegelt sich sein Innenleben. Gemütlich ist das gar nicht. Dort heißt es: „Im Dorf. Es bellen die Hunde, es rasseln die Ketten. Es schlafen die Menschen in ihren Betten, träumen sich Manches, was sie nicht haben. Und morgen früh ist alles zerflossen. Je nun, sie haben ihr Teil genossen. Was will ich unter den Schläfern säumen?“

Schuberts neunte und letzte Sinfonie wurde erst nach seinem Tod entdeckt. Mit Riesenschritten durchquert er ein Panorama des menschlichen Innenlebens. In Wien, wo er lebte, entstand eine eindrucksvolle Aufführung, unter der Leitung von Wolfgang Sawallisch:

https://www.youtube.com/watch?v=kNocKxKd8-I

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