Selige Öde

8.11.2020. Archetypen sind Urbilder. Die frühesten Bilder, die der Mensch sah und die ihn tief beeindruckten. Sie existieren weiter im Gedächtnis der gesamten Menschheit. Jeder bemerkt das beim eindrucksvollen Anblick des Meeres, in dem die ersten Lebewesen entstanden. Oder bei dem Blick auf exotische Landschaften. Beim Feuer des Sonnenuntergangs. Und beim Blick zum fernen Himmel, der in der Luft beginnt und endet. Das sind die vier Ur-Elemente Wasser, Erde, Feuer, Luft. Thema der vier Abende des „Nibelungenrings“ von Richard Wagner. Ein kosmisches Gleichnis, in dem die ganze Welt sehr realistisch, aber auch in einer Überfülle von verschlüsselten Symbolbildern sich entfaltet, die man deuten und in die heutige Sprache übersetzen kann.

Die Deutung der Archetypen war das Lebenswerk des Freud-Schülers und Psychoanalytikers C.G. Jung (1875 – 1961). Er hielt sie für verantwortlich bei seelischen Störungen. Das geht teilweise ins Spekulative, aber bei einem Kunstwerk ist das sogar sehr wichtig. Der spanische Surrealist Salvador Dali (1904 – 1989) hat ganz genaue, fotorealistische Bilder gemalt, aber die Details so zusammengestellt, dass sie rätselhaft wirken. In seinem spanischen Privatgarten stehen mehrere identische Büsten von Richard Wagner, einem seiner Vorbilder. Die Deutung der Werke Dalis ermöglicht ein besseres Verständnis von Richard Wagner. Wie das geht, zeigt, die Londoner Norma-Inszenierung. Am 1910.20 habe ich darüber einen Artikel geschrieben, auf den auch der Regisseur Alex Ollé, mit einem persönlichen Gruß reagiert hat:

„Norma im Tempel“

https://luft.mind-panorama.de/norma-im-tempel-teil-2/

Die Sprache der Archetypen kennt keine staatlichen Grenzen. Sie wird in jedem Land verstanden. Ihre Zeichen können ägyptische Hieroglyphen sein, also eine Bildersprache. Oder musikalische Noten. In den mystischen Sinfonien Anton Bruckners (1824 – 1896) hört man das deutlich. Sie klingen besonders gut in alten Kirchen, mit einer leicht hallenden Akustik.

Im dritten Akt von Wagners „Siegfried“ kommt der Titelheld in ein steiles Felsengebirge. Dazu erklingt eine überirdische, hymnische Musik. Dann entdeckt Siegfried auf dem Gipfel eines einsamen Felsens einen schlafenden Ritter, in einer silbernen Rüstung. Der Helm verdeckt zunächst das ganze Gesicht. Text:

„Selige Öde auf wonniger Höhe! Was ruht dort schlummernd
im schattigen Tann?
Ha! – in Waffen ein Mann? – Ach! wie schön!“

Schimmernde Wolken säumen in Wellen
den hellen Himmels-See. (Er nimmt den Helm ab) :
Das ist kein Mann!“

Sondern die Wotanstochter Brünnhilde, in die er sich sofort verliebt. Beide gehen später ihre eigenen Wege und geraten ins Unglück, das sich ausweitet zur großen Weltkatastrophe, in der „Götterdämmerung“.

1962 sang Hans Hopf Siegfrieds „Selige Öde“ in New York:

https://www.youtube.com/watch?v=45s8m4vsSLI

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