Sprungbretter auf Trockenböden

2.8.2021. Ein Sprungbrett gibt es in jedem Freibad. Gefährlich ist das, wenn sich unten im Wasser schon ein anderer Besucher befindet und nicht rechtzeitig bemerkt wird. Nicht viel anders ist es im Beruf. Das Sprungbrett heißt dort Karriere, es ist noch nicht im Eintrittspreis enthalten. Also muss man erst eine schmale Hühnerleiter hochklettern, die Anwesenden und Wartenden vertreiben und nach jedem Sprung darum kämpfen, wieder ganz nach oben  zu kommen. Jeder rechnet dabei mit Fußtritten, Stolperbeinen und Zweikämpfen, hinter denen sich noch mehr Mitkämpfer verstecken.

Solche Spielereien haben mich nie interessiert. Wertvolle Zeit kann man ganz anders verbringen. Selbst das Zuschauen an einem überfüllten Badestrand ist langweilig, die Mehrheit begeistert sich dafür. Bei Arbeitskollegen gibt es immer extrem lächelnde, überfreundliche  Mitarbeiter, die aufdringliche, anteilnehmende Fragen stellen. Oft sind sie nur neugierig und sammeln vertrauliche Informationen, um Schaden anzurichten.

Das funktioniert nicht nur in Großfirmen. Kleinstädte auf dem Land sind dafür berüchtigt, dass gelangweilte Nachbarn mit viel Zeit, stundenlang hinter den Wohnzimmerfenstern stehen und im ganzen Ort aufgeregt verbreiten, was in ihrer Nähe alles passiert. Kommt Jemand, nach einer anstrengenden Arbeitswoche dazu, dann im eigenen Garten,  in der Sonne friedlich zu entspannen, wird sogar verbreitet: „Die sind faul!“ Ein Kollege erzählte mir das, der aber  nur am Wochenende zu Hause war,  weil es in der nächsten Großstadt eine besser bezahlte Arbeit für ihn gab.

Im westfälischen Münster war dafür die richtige Mischung. 316.000 Einwohner. Im Stadtzentrum war das überschaubar und man konnte Belästiger problemlos auf Distanz halten. Die gesamte Altstadt war umgeben von einer romantischen alten  Linden-Allee, der Promenade. Zu diesem Stichwort gibt es hier noch mehr Beiträge:

https://luft.mind-panorama.de/?s=promenade+&x=9&y=14

Natürlich muss man auch im beschaulichen Münster arbeiten gehen, aber das mischt sich nicht überall in den Vordergrund. Wer die Freizeitmöglichkeiten in der Großstadt kennt, muss enttäuscht sein. Aber wer sechzehn Jahre und  die Lebensmitte im kleineren Rahmen verbracht hat, schaut auf etwas Unersetzliches zurück: Die größten Probleme schrumpfen auf ein Miniatur-Format, und  die besten Erinnerungen vergrößern sich, ohne weltfremde Schönfärberei.

Ein sehenswertes Bild hat auch Schatten, sonst wäre es langweilig, also wertlos. Und geographische Grenzen können auch langweilig sein. Aber die Gewichte verteilen sich später, die Bewertung, die Farben, die Zutaten. Dann bekommen  zahllose Eindrücke immer mehr Kraft. Selbst nach vielen Jahren verdichten sie sich zu einem Konzentrat, ohne Nebel und Dampf. Man muss nur ein paar Elemente hinzufügen, dann bekommt es immer mehr Gewicht. Je nachdem, was da zusammengerührt wird. Denn Unsinn ist Zeitverschwendung, aber ein Hauptmotiv bei vielen Treffen, die man sich nicht selbst ausgesucht hat. Kommen dann noch andere schlechte Zutaten dazu, sollte man gehen.

Alte Fotos und Filme überraschen mit halb vergessenen Einzelheiten, die plötzlich Farbe und Tiefe bekommen. Auch dabei war Münster eine Fundgrube, oft sogar eine Schatzkammer. Nach drei Jahren in München, war ich im Juni 2000 noch einmal dort. Nach dem Telefonat mit einem alten Bekannten stand er plötzlich in der Abreisehalle vom Hauptbahnhof. Ein letztes Mal wanderten wir zum zentralen  Prinzipalmarkt, zu den Giebelhäusern dort  aus dem 14. Jahrhundert. Da gab es sogar bayerisches Bier aus dem Zapfhahn, und gegenüber vom Stadtheater noch ein Abendessen. Im Stadttheater habe ich viele Jahre lang herausragende Opernaufführungen gesehen und war mit einigen Sängern befreundet. Die Winterabende hatten in den Straßen eine eigene, oft dunkle Stimmung, die aber nicht die Gedanken belastete. Die Sommerabende waren endlos und endeten oft erst am frühen Morgen.

„The Days of Wine and Roses“ treffen genau diese Stimmung. Henry Mancini schrieb 1962 dieses Lied, und hier bringt er es, mit seinem Chor:

https://www.youtube.com/watch?v=YPBIEBjwU44

.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.