Stade Winterzeit

9.12.2020. Die Vorweihnachtszeit heißt in Bayern „Stade Zeit“. Stille Zeit. Im Dialekt klingt es gemütlich. wie eine warme Stube, in der Kerzen am Adventskranz leuchten, die Figurenkrippe im Halbdunkel geheimnisvolle Schatten wirft und auf dem Tisch Lebkuchen und Glühwein darauf warten, dass die Bewohner wieder aus ihrem Schlaf erwachen, den Tag mit ruhigen Beschäftigungen verbringen, wandern und abends miteinander sprechen.

So war es typisch für das neunzehnte Jahrhundert. Die Romantik war auch ein emotionales Gegenbild zur wachsenden Industrialisierung. wo in großen Fabrikhallen anonyme Menschen an langen Förderbänder monotone Arbeiten ausführten. Die Gewinne gehörten den Fabrikanten. Die Situation brachte Karl Marx dazu, ein wütendes Buch über „“Das Kapital“ zu schreiben, unterstützt vom Fabrikantensohn Friedrich Engels.

Daraus wurde die weltweite Idee des Kommunismus. Russland vertrieb und tötete den Zaren Nikolaus. Andere Länder folgten. China erwachte aus seiner Passivität als unterdrücke Kolonialmacht. In Ostdeutschland entstand 1949 die sozialistische DDR. Im gleichen Jahr wurde die freie, westliche Bundesrepublik gegründet. Wirtschaftsminister Ludwig Erhard entfaltete einen menschlichen Kapitalismus. Ihm gelang das weltweit bewunderte „Wirtschaftswunder“. Er realisierte Ideen wie die freie Konkurrenz, die für sinkende Verkaufspreise sorgte, zugunsten der Bevölkerung. Er verbot geheime Preisabsprachen der Firmenchefs hinter verschlossenen Türen, damit künstlich hohe Verkaufspreise die Unternehmer nicht immer noch reicher machten. Er unterstützte legale Gewinne, belohnte echte Leistungen und sorgte für die soziale Sicherung der Armen. Das war die „soziale Marktwirtschaft“. Eine neue Währung, die deutsche Mark (DM), wurde zum begehrten Kaufgegenstand. Aus dieser fruchtbaren Mischung kam es zu großen Erfolgswellen für Alle. Zuerst die Fresswelle, bei der sich nach dem verlorenen Weltkrieg Alle richtig satt aßen. Dann die Wohnungswelle, bei der sich die Nachbarn auch als Handwerker gegenseitig beim Bau von Eigenheimen unterstützten. Dann die Autowelle,

Immer mehr Privatautos rollten auf den Straßen, auch Richtung Süden, über die Alpen nach Italien. In Rimini an der Adria wurde aus einem kleinen Fischerdorf eine Hochburg des deutschen Tourismus. Menschenmassen am Meeresstrand. („Mare Tedeesco“). Die staunenden Italien hatten dieses Glück aber überhaupt nicht. Viele Jahre ertrugen sie die schlaue Machtspiele von Giulio Andreotti, der immer wieder als Minister oder Ministerpräsident, mit seinen Freunden die nationale Volkswirtschaft wenig beachtete. Vor Allem südlich von Neapel wanderten die Armen deshalb einfach aus, nach Deutschland, wurden als Gastarbeiter dort gut behandelt und blieben einfach da, statt wieder, wie gute Gäste, auch wieder abzureisen. In den Arbeiterstädten des Ruhrgebiets um Duisburg herum, wuchsen große italienische Gemeinden. Die Familie, „La Famiglia“, war das Lebenszentrum.

Doch die Frauen und Kinder blieben erst einmal im Süden, also zu Hause, um Kosten zu sparen und warteten auf den regelmäßigen Lohn aus Deutschland. München bekam sogar den Namen „Monaco“ als wäre es ein italienischer Zwergstaat. Und eigenes Geld verdient wurde auch, mit Pizza, Wein aus Neapel und Spaghetti Das waren vorher, preiswerte Gerichte für die Armen südlich von Neapel. Der schweigsame Giulio Andreotti und seine Freunde machten dagegen gar Nichts. Er sagte, „Reale Macht stört nur diejenigen, die sie nicht haben.“ Sein Staat war natürlich sehr dankbar für die zuverlässigen, finanziellen Überweisungen der Gastarbeiter. Und dafür, dass sie weit weg waren und mit ihrem mühsam erarbeiteten Geld sogar das römische Staatsvermögen steigerten, auch für die gehobenen Auserwählten und Millionäre. Und deshalb blieb es wirtschaftlich in Italien so, wie es auch heute noch ist.

Die sozialen, miteinander verbündeten Netzwerke funktionierten, und auch die breiteten sich in Deutschland aus. Ein stabiles System, aber Anfang der Achtziger kam es in der Heimat, immer mehr zu verärgerten Demonstrationen, Streiks und Unruhen. 1980 besuchte ich, zum ersten Mal, als privater Autotourist Verona, Florenz und Rom, war verzaubert von den alten Städten, den romantischen Landschaften, der Musik und „Azzurro“ (Blau), dem fast immer blauen Himmel, der Sonnenhitze und dem Meer, das seit den Zeiten der mächtigen Römer, auf Lateinisch auch „Mare Nostrum“ hieß. Also „unser Meer“. Nur die immer stärkere politische Unruhe war deutlich zu spüren.

In Neapel, dem großen Tor zum südlichen Mezzogiorno (Mittagsland), fanden aufsehenerregende „Maxi-Prozesse“ statt, wo die Angeklagten schon in den Gerichtssälen hinter eisernen Gitterstäben saßen, zum Schutz der anderen. General Alberto dalla Chiesa (1920 – ermordet am 3.9.1982 in Palermo) war ein General der italienischen Carabinieri, berühmt für seinen Kampf gegen den italienischen Terrorismus in den 1970er Jahren. Wikipedia: „Mit Hilfe der Einschleusung von Silvano Girotto gelang es ihm im September 1974, Renato Curcio und Alberto Franceschini, führende Vertreter der Terrororganisation Rote Brigaden, festzunehmen. Die Spuren, die er im Zusammenhang mit der ungeklärten Entführung Aldo Moros in der Hand hielt, gingen bei seiner Ermordung verloren. Bei der Trauerfeier, am Tag seiner Beerdigung in Palermo, kam es vor der Kirche San Domenico zu denkwürdigen, heftigen Tumulten. Römische Regierungsvertreter in der Trauergemeinde wurden von der wütenden Menge beschimpft, als Zeichen der Verachtung mit Kleingeld beworfen und bespuckt, so dass sie schließlich in ihre Dienstwagen flüchten mussten. Aber ausgenommen von diesen Angriffen wurde der gleichfalls anwesende Staatspräsident Sandro Pertini, der  als schuldlos angesehen wurde, im von den Menschen vermuteten Beziehungsgeflecht zwischen Regierenden und der Mafia.“ Damals war ich als Tourist zufällig in Florenz und las darüber nur in den Tageszeitungen. Carabinieri-General Giovanni Falcone (Falke) jagte zehn Jahre später die Verbrecher, auch als unbestechlicher Ermittler der bewaffneten Polizei. Seine Machtlosigkeit zeigte sich, als Aufsehen erregender großer Skandal. Wikipedia: „Falcone (1939 – 23.5.1992), ermordet in Capaci bei Palermo) war aktiv im Kampf gegen die Verbrecherbanden. Er gilt als Symbolfigur des Kampfes gegen die organisierte Kriminalität auf Sizilien.“

Seit 2005 existiert dazu eine umfangreiche Webseite, die mit einer Überfülle von Details auch die aktuellen Zustände beschreibt, im süditalienischen Pomarico:

Homepage vom Paolo Uricchio

Das kann Jeder selbst lesen. Ein Einzelfall ist es nicht. Oft habe ich hier ganz neue Ermittlungsmethoden bei der Polizei gefordert,. Maßgeschneiderte, einfach anzuwendende Computerprogramme können viele Details nicht nur sammeln und sortieren, sondern sie nach ihrer Wichtigkeit bewerten und mit anderen Zahlen vergleichen, zum Beispiel der geographischen Lage, Häufigkeit und den beteiligten Personen. Das bringt sehr schnell Lösungen und Ergebnisse, auch dort, wo Zusammenhänge zunächst gar nicht erkennbar sind. Die deutsche Polizei arbeitet noch zu sehr mit Methoden der Vergangenheit: Dicke Akten und viel Papier. Das Internet kann da viel mehr. Man sieht es auf der gerade erwähnten Webseite. Die Opfer wissen, was Drohungen sind. Auch meine Berichte sind nicht überall beliebt, obwohl sie nur klare Fakten kommentieren und auswerten, die leicht nachprüfbar sind. Genau das wird auch die Zukunft sein, für Alle. Und nicht gegen sie. Unter diesem Text steht wieder eine Übersicht der Themen dazu. Betroffen sind viele Bereiche, die in keinem TV-Kriminalilm auftauchen . Die Filme sind stattdessen, von sehr langweiligen Wiederholungen gefüllt.

Hier singt die wunderbare Esther Ofarim ein starkes Lied, „Raziella“, im Dialekt, an einem hellen Meeresstand im Mezzogiorno, umgeben von schwarz gekleideten Frauen, aufgenommen im Jahr 1967, geschrieben von Pietro Labriola (1820-1881). Der Text: „A core a core cu Raziella mia. Lu mandolino io mme mettéa a soná. Ma chillu tiempo comme priesto è passato!“

https://www.youtube.com/watch?v=W2qD5rwJg0o

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