Streulicht

15.10,2021. Dass Bilder beim Betrachten immer heller und klarer werden, kann man in einem Museum nicht erleben. Im Kino schon, aber wenn es sich nur um Spielereien handelt, kann man schnell wieder nach Hause gehen. Am Kloster Reutberg im Voralpenland habe ich einmal etwas ganz Anderes gesehen. Auf der Ausflugsterrasse sah man ein ganz buntes, kitschiges Alpenglühen auf den Berggipfeln. Dann führte mich mein Ausflugsbegleiter auf den unbeleuchteten Parkplatz. Dort gab es kein ablenkendes Streulicht, und ein gewaltiger Sternenhimmel flammte über uns, der in den Lichtern der Großstadt unsichtbar bleibt. Damals bekam ich die ersten physikalischen Informationen über das Streulicht, denn mein Bekannter war Ingenieur und Klimabeobachter im Hochgebirge.

Während der Arbeitsjahre ist das auch so. Zu viel Stress und Ablenkung, auch privat. Ein Freund sagte zu mir, „In meiner Erinnerung sehe ich nur Bruchstücke von Bildern und Nebel.“ Wenn man mehr Zeit hat, fallen viele ablenkenden Nebensachen weg, und dann ist es tatsächlich so, dass die Vergangenheit immer mehr Leuchtkraft und Tiefe bekommt. In den 153 Artikeln über das Münsterland bis 1987, die ich in den letzten Monaten geschrieben habe, ist das deutlich zu erkennen. Im dritten Teil des Kinofilms „Der Pate“ endet die lange Geschichte auch so: Bei einem Opernbesuch in Palermo mit der ganzen Familie wird der Pate (Al Pacino) von einem verkleideten Priester angeschossen und seine Tochter getötet. Dazu hört man die Orchestermusik aus der sizilianischen Nationaloper „Cavalleria Rusticana“ (Die Ehre der Bauern). Dieser eindrucksvollen Oper sind hier schon 23 Artikel gewidmet:

https://luft.mind-panorama.de/?s=cavalleria+rusticana&x=14&y=10

Nach dem Attentat vor dem Opernhaus sieht man den Paten allein in seinem Garten sitzen. Er ist ein alter Mann. Die schwelgende, gefühlvolle Musik wird fortgesetzt. Dann ziehen wichtige Bilder aus seinem Leben vorbei, die Regisseur Francis Ford Coppola einfach nur aus den ersten beiden Teilen stumm wiederholt. Dann fällt der Alte tot um, mit seinem Gartenstuhl, und nur noch ein grauer Hund läuft vorbei, das einzige Lebewesen aus der Außenwelt, in diesem Augenblick.

Hier kann man diese Szene vollständig sehen ( 5 MInuten) :

https://www.youtube.com/watch?v=t50QSG-XKNA

Jedes Leben is voll mit solchen Bildern, aber die meisten rauschen unbeachtet vorbei, wenn sie nicht von einem aufmerksamen Blick getroffen und verstanden werden. So ist das auch in allen 1.252 Artikeln dieser Webseite. Nebensachen spielen da nur Nebenrollen, aber sichtbar werden soll die Struktur, die Schaltzentrale, die Matrix aller Ereignisse, die sich auf der ganzen Welt wiederholen. In der Politik großer Staaten, in der Organisation großer Konzerne, in der Kunst, im Privatleben und allem, was es sonst noch Wichtiges gibt. Noch wichtiger als die Erfolge sind die Tragödien, die Misserfolge, denn aus ihnen kann man lernen. Schlimm ist es nur, wenn das nicht passiert. Ein Merkmal der gesamten Menschheitsgeschichte, seit der Steinzeit vor 2,6 Millionen Jahren. Die Technik vergrößert die Informationsmenge immer mehr, aber das ist nur ein Arbeitsablauf. Überall fehlt es an guten Auswertungen, Bewertungen und Erfolgen. Die Formel dafür habe ich noch nirgendwo gehört, aber sie kann oft wiederholt werden: Zwei vergleichbare Messpunkte in der Vergangenheit und Gegenwart ergeben eine graphische Linie, die nach unten oder nach oben zeigt. Das ist die Zukunft.

Zuverlässige Prognosen sind damit möglich, werden aber zu oft noch gar nicht angewendet, weil ein Berg an Informationsmüll zu viel Schrott enthalten kann. Das kostet Zeit und zu viel Geld. Projekte werden angefangen, brechen aber zusammen oder funktionieren nur ein paar Jahre lang, wenn sie nicht einfach als Ruinen stehen bleiben. So wie viele benutzbare Gebäude, die falsch konstruiert wurden und Fehler enthalten, die den Benutzern und den Zuschauern schaden.

Das ist kein Grund für Pessimismus, weil es sich ändern lässt. Geschieht das nicht, wie so oft, kann man einfach weiter gehen.
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