Sturm im Wasserglas

18.8.2021. Schon beim Aussprechen sind manche Wörter  so langweilig, dass man fast einschläft. Trotzdem können sie eine große Wirkung haben. Als Berufsanfänger mussten wir einen Aufsatz über die eigene Firma schreiben. Das war damals eine Behörde. Solche Vereine galten schon damals als schwerfällig, und zwanzig Jahre später wurde daraus  ein Großkonzern, der schnell in Schwung gebracht wurde und hohe Gewinne erzählte. Deshalb verwendete ich in dem gewünschten Aufsatz über die eigene Firma nicht das Wort „Behörde“, sondern das Wort „Firma“. Der Ausbilder markierte das als Ausdrucks-Fehler. Und auch noch zehn andere Wörter, die nicht so altmodisch klangen wie er das wollte.  Daraufhin sagte ich ihm, er erinnere mich an den Bergschriftsteller Lundwig Ganghofer (1855 – 1920). Der ist  berühmt wegen seiner saftigen bayerischen Gebirgsromane, mit räuberischen Wilderern und einsamen Hütten im Hochgebirge. Also keine Beleidigung, im Gegenteil. Der Ausbilder regte sich jedoch heftig auf, und einer seiner Kollegen meinte, „Das hätte ich mir nicht gefallen lassen.“ Ein Sturm im Wasserglas, aber damals kein Einzelfall. Wir haben uns trotzdem wieder vertragen, und den strengen Ausbilder habe ich auch einmal, in der Freizeit, zum Kaffeetrinken getroffen.

Schaut man mit dem Fernrohr ins Hochgebirge, werden sogar kleine Alpenblumen ganz groß. Erlebt man das Gleiche mit Menschen, ist das kein schöner Anblick, wenn sie sich aufplustern und aufblasen, obwohl sie nichts zu bieten haben. Und schon landet man auf dem Gipfel der höchsten Berge. Eigentlich ist es dort ganz einsam, aber wenn herumlaufende Besucher sich dort in Gruppen zusammenballen, wird es eng und geschwätzig. So ist es in allen Organisationen, die Arbeitsabläufe und deren Klima angenehm gestalten sollen. In der Realität führt Gedränge an der Hühnerleiter  zu Bremsverzögerungen, es kommt zu keinen guten Ergebnissen und die schlimmste Folge ist es, wenn ein ständig rotierendes Gebilde außer Kontrolle gerät. Das lässt sich frühzeitig voraussehen, und wie man die Merkmale erkennt, war hier schon oft ein Thema. Dafür gibt es auch ein besonderes Stichwort: „Prophezeiungen, die sich selbst erfüllen.“ Im Wirtschafts-Englisch der Spitzenmanager heißt das „Self-fulfilling prophecies“. Das ist genau das Gleiche, aber auf Englisch klingt es geschäftstüchtiger, professioneller. Erfolgreicher.

Leider nützt das Herumwerfen mit  vielen Fremdwörtern gar nichts, wenn es um nachprüfbare und überlebenswichtige Erfolgszahlen geht. Wo schwer verständlich geredet und gebellt  wird, wenn die anderen deutsch sprechen, ist das nur ein leeres Geraschel mit Stroh. Und deshalb auch nicht erstaunlich, wenn nur vermeidbare Pleiten dabei herauskommen. Oder noch gefährlicher: Unbekannte, lautlos schleichende Fehler, die Sand im klappernden Getriebe sind, aber auch bei ganz neuen Maschinen und Computerprogrammen bremsen und aus einer Schaltzentrale gesteuert werden, die wegschaut, weil sich nichts ändern soll. „So haben wir das immer gemacht!“ In den ersten beruflichen Jahren war das immer wieder zu hören, die Sprecher hatten Führungspositionen und waren schon im Rentenalter, wollten aber auf ihre Machtspielereien mit dem Rest der Welt  nicht verzichten. Ein menschlicher Charakter ändert sich niemals. Er ist angeboren,  und diese Tatsache beherrscht auch die aktuelle Gegenwart. Trotzdem ist das kein Grund zur Traurigkeit. Wissenslücken lassen sich schließen und die angewöhnten Wiederholungs- Fehler dann auch vermeiden. Dumm ist es immer, über Niederlagen zu lachen, denn sie passieren überall. Dumm ist es nur, wenn Keiner etwas daraus lernt. Auch das ist ein aktuelles Zeitzeichen. In der Provinz weit verbreitet. Aber damals, in Westfalen von 1971 bis 1987, gab es auch eine ganz andere Palette von Eindrücken, und dazu bisher 65 Artikel.

Wer jeder Mode hinterherläuft, spielt mit verwelkenden Eintagsfliegen, auch wenn sie mit Goldlack angemalt sind. Doch Niemand braucht Seifenblasen, die schnell platzen, auch wenn sie beim exklusiven Goldschmied oder in Schmuckläden gekauft wurden. „Tiffany“ ist  ein echter Luxusladen, aber im gleichnamigen Film von 1961  singt der Chor noch etwas ganz Anderes, nämlich von einem dunklen Strom: „Moon River“, mit den Worten: „Ein Fluss im Mondschein. Weiter als eine Meile. Eine Tages sehe ich Dich. Auf der Welt gibt es so viel zu sehen, auch dich und mich“ : Wenn allerdings dabei ein ständiges Gedränge belästigt und zu viel Leerlauf sich im Kreis dreht, kann man ganz darauf verzichten. Hier hört man „Moon River“, unter der Leitung des Komponisten Henry Mancini und seinen klar verständlichen Chor:

.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.