Tiefland – der zweite Blick

24.2.2021. Die Natur hat schon seit Jahrhunderten eine Hauptrolle weniger. Je mehr die Naturwissenschaften ihre gründlichen Forschungen erweiterten, desto mehr wuchs auch der Glaube an nachprüfbare Fakten, und die Natur wurde zum Freizeitvergnügen. Doch sie hat ihre Kraft nicht verloren, der Mensch steckt sie einfach mit ins Reisegepäck, liegt tagelang an Südseestränden und wiederholt auf Fotos die immer gleichen Urlaubsthemen.

Vorgestern habe ich hier über die Oper „Tiefland“ geschrieben, aber sie hat noch mehr bewirkt. Die Verfilmung von 1964 hat eine schlechte Bildqualität, aber das ist nur ein Schleier vor dem Geheimnis. Wie fließen undeutliche Bilder aus dem Hochgebirge zusammen mit einer starken Musik, dazu einem einfachen Text, der ständig überraschende Einsichten vermittelt? Das Stück kenne ich schon seit Jahrzehnten, aber es blieb immer eine Distanz dazu. Leni Riefenstahl (1902 – 2003) hat viel Zeit und Geld dafür investiert, in ihrem Kinofilm (mit Sprechdialogen), von 1940 bis Frühjahr 1945. Erst am 11.2.1954 kam es zur Uraufführung, das Ergebnis hatte Schwächen, auch wegen der fehlbesetzten, 52jährigen Regisseurin in der Hauptrolle, als junge Heldin. Danach gelang ihr überhaupt kein Filmprojekt mehr. Die Geldgeber sprangen ab, wenn sie ihren Namen hörten, weil sie Propagandafilme für Hitler gemacht hatte.

Aber das „Tiefland“-Thema hatte damit nichts zu tun. Die Gründe für seine starke Wirkung waren nicht sofort erkennbar, aber dann lichteten sich die Nebel. Kürzlich habe ich davon geträumt. Das verschwindet meistens schon beim Wachwerden. Auch jetzt waren die Details schnell weg. Aber ein paar Nebel blieben übrig. Es war wie der Ur-Anfang, als das Leben auf der Erde entstand. Ohne Lebewesen, ohne Konturen. Aber starke elementare Bewegungen wie Wasser und Sturm. So war das tatsächlich einmal, hat sich aber in allen Ausdrucksformen verändert und erweitert. So beginnt auch Richard Wagners „Nibelungenring“. Dort werden sehr rasch Naturgesetze verletzt. Am Ende ist die Herrscherburg in den Wolken nur noch ein machtloses, untergehendes Luftschloss, gerät in Flammen, und die bisherige, verdorbene Welt geht unter.

Hier ist der erste „Tiefland“- Bericht, von vorgestern:

https://luft.mind-panorama.de/tiefland-1964/

Im „Tiefland“ gibt es, im Vordergrund, die Welt eines kleinen Gebirgsdorfs, dessen Bewohner sich gegenseitig anfeinden, hinterlistig täuschen. Der reichste Grundbesitzer missbraucht seine Macht und stirbt bei einem Zweikampf, mit einem seiner Opfer. Das findet einen Ausweg nur in den Bergen und will dort bleiben. Ob das gelingt, bleibt offen. Aber Text und Musik sind so fein ausgearbeitet, dass sie faszinieren und die Gedanken beleben.

Das Tiefland steht auch für ein anderes Zeichen, für eine Welt unter der Oberfläche, den Quellen der Energie und den Ursachen für Fehler. Das zu finden, war in der Vergangenheit oft sehr schwer, weil Machtbesessenheit und Habgier die Herrschaft an sich gerissen hatten. Das wurde zu viel, deshalb ist jetzt die Möglichkeit sehr groß, etwas Erkennbares zu leisten, nicht nur mit Hilfe von Computerprogrammen, die sich nicht täuschen lassen, sondern auch mit dazu passenden Maßnahmen, sinnvollen Regeln deren Erfolg für die Allgemeinheit jetzt schon erkennbar ist.

Und da ist ja noch etwas Anderes. Nicht nur die tatsächliche Fehlerbeseitigung, die Schaffung neuer Arbeitsabläufe wird immer wichtiger. Es sind viele andere Themen einfach vernachlässigt worden. Man kann sie wieder entdecken, wenn sie es wert sind. Auch das ist mit Arbeit verbunden. Aber es ist nicht so sinnlos wie das, was in der Vergangenheit zu oft, mit viel Geld verschwendet wurde.

Das Hochgebirge in gewaltige Klangmassen zu verwandeln, ist Thema aller Sinfonien von Anton Bruckner (1824 – 1896). Einmal besuchte er Richard Wagner privat und wollte ihm eine Sinfonie widmen. Wagner entschied sich für die Dritte. Hier sieht man dazu ein verschneites Gebirgspanorama. Sergiu Celibidache fand 1980 dazu den passenden Klang (61 Minuten):

https://www.youtube.com/watch?v=3W5r0C3lxDg

.