Tiefland 1964

22.2.2021. Wenn ein Film von 1964 eine schlechte Bildqualität hat, dann liegt das an der Kopie und lässt sich durch eine digitale Bearbeitung verbessern. Wenn man ihn aber vorher, trotzdem anschaut, hat er andere Qualitäten. Eugen d’Albert (1864 – 1932) verwendete für sein Musikdrama „Tiefland“ einen deutschen Text. Das Werk spielt in den Hochalpen der spanischen Pyrenäen, war vor hundert Jahren sehr beliebt, aber erschien später nicht mehr so oft auf den Spielplänen.

Die Verfilmung von 1964 zeigt eine naturalistische, wilde Gebirgslandschaft, leider nur in Schwarzweiß. Das Ganze erinnert optisch stark an die Heimatfilme der damaligen Zeit, ist aber überhaupt nicht kitschig. Die Untertitel auf Englisch stören ein wenig, aber wenn dann nicht immer textverständlich gesungen wird, verpasst man kein Wort. Die Dialoge sind sehr spannend und bilderkräftig. Von romantischer Idylle hört man da wenig: Die Handlung ist hart und brutal. Sebastiano (Gerd Feldhoff), ein reicher Großgrundbesitzer, behandelt seine Mitarbeiterin Marta (Isabell Strauss) wie sein Eigentum. Um sie für immer unter Kontrolle zu haben, befiehlt er seinem Bergbauern Pedro (Rudolf Schock) eine Schein-Heirat. Das ganze Dorf, vor Allem drei tratschsüchtige alte Frauen, kichert und lacht heimlich darüber, als das Verwirrspiel mit der Hochzeit seinen bösen Tiefpunkt erreicht. Aber das Paar fasst jetzt den Entschluss, gemeinsam fort, in die Berge zu gehen. Als sie aufbrechen wollen, mischt sich der reiche Sebastiano schon wieder ein. Es gibt einen heftigen Zweikampf auf Leben und Tod. Dabei wird Sebastiano von Pedro erwürgt, der genauso einst, allein einen furchtbaren Gebirgswolf erwürgt hat. Marta und Pedro hält jetzt nichts mehr im düsteren Tiefland. Gemeinsam ziehen sie fort von den schlechten Menschen im kleinen, engen Dorf, hinauf ins Gebirge.

Das ist eigentlich das Thema der Reduktion, der Beschränkung auf die wesentlichen Dinge und der Abstreifung von Nebensachen. Aber es ist nicht ein Massenphänomen. Meine Spielkameraden an der holländischen Grenze gehörten zu einer siebenköpfigen, bayerischen Großfamilie mit kleinem Einkommen. Die Arbeiter wurden aber bei uns, in der örtlichen Textilfabrik gebraucht. Die Firmenwerber tauchten in den fernen Alpen auf, wo viele Gebirgsdörfer verarmt waren. Dann zog die ganze Familie nach Westfalen. Sie passten sich schnell an. Nur ein Trachtenhut des Vaters blieb als Erinnerung an früher, ein Sohn spielte Zither und baute in der Adventszeit eine große Krippe im Wohnzimmer auf, mit Gebirgsbauern als Hirtenfiguren und einem rotglühenden Licht neben dem neugeborenen Kind. Mit vierzehn Jahren kam bei den älteren Kindern die Zeit als Handwerkerlehrlinge. Danach habe ich sie aus den Augen verloren, aber nicht vergessen. Damals wurde München immer lauter, im Fernsehen und in der Klataschpresse. Für Viele eine Traumstadt. Für eine Minderheit war sie das tatsächlich. Auch in den Heimatfilmen der Sechziger Jahre.

Die „Tiefland“-Musik ist mehr, voller Naturlaute, sehnsüchtig oder dunkel drohend. Die Stimmen passen dazu, ihre Melodien sind gefühlvoll und dramatisch. Das große Orchester vertieft diese Eindrücke noch mehr. Es gibt davon ganz andere Inszenierungen, aber sie erfassen nur Bruchstücke des Gesamtpanoramas. Ein solches Leben muss man nicht unbedingt teilen, aber es rührt an ganz alte Naturbilder, die nichts mit unruhigem Massentourismus zu tun haben. In den Großstädten war es schon zu Lebzeiten des Komponisten unruhig und hektisch. „Tiefland“ wurde am 15.11.1903 uraufgeführt. Die sozialen Spannungen in den Städten wurden dann immer heftiger. Sie entluden sich im Ersten und Zweiten Weltkrieg, zwischen 1914 und 1945. Danach sah man sich auch wieder Heimatfilme an. Die „Tiefland“-Musik erinnert zwar daran, aber es ist keine gefühlvolle Unterhaltungsware, sondern sehr sorgfältig gearbeitet. Zwar ist auch diese Zeit längst Vergangenheit. Dieses Musikdrama ist zwar eine Erinnerung daran, aber keine strahlende. Wenn es heute noch bewegt, liegt es an der Qualität des Ergebnisses.

Regie: Werner Kelch. (Dauer: 131 Minuten) :

https://www.youtube.com/watch?v=Mqs4SA_Tyok

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