Trauminseln in der Südsee

29.1.2021. Trauminseln waren früher unerreichbar. Dann kamen die ersten Entdecker, mit Segelschiffen. Aber längst sind sie Ziele des Massentourismus, außerdem aus Filmklassikern seit hundert Jahren gut bekannt. Die Industrie dafür nannte sich Traumfabrik, und sie hatte ihr Weltzentrum im kalifornischen Hollywood, dem Fernziel der ersten amerikanischen Einwanderer aus Europa. Am 4.7.1776 entstand, ganz im Osten, ein neuer Staat. Die USA.

Zuflucht für alle Flüchtlinge, die aus Europa einfach nur noch weg wollten. In Frankreich hatten sie den König verhaftet und hingerichtet. Auch andere Alleinherrscher trieben die Menschen ins Ausland. Die neue Verfassung garantierte viele Freiheiten. Für die eigene Meinung, die Presse, den Wohnort und Beruf. Oberste Leitlinie war der „Pursuit of Happiness“. Jeder hatte das Recht, auf seine eigene Art glücklich zu werden. Mancher hat das aber auch missbraucht. Es entstanden große Industriestädte, wo die montonen Arbeitsschichten mit der Stoppuhr gemessen wurden, um möglichst viel Gewinn aus den Arbeitern herauszupressen. Gedämpft wurde das aber durch die freie Konkurrenz. Wer seine Leute zu schlecht behandelte, dem liefen sie weg. Die großen Fleischfabriken schützten ihr Vieh mit reitenden Cowboys, die Tag und Nacht aufpassten. Oft war der nächste Sheriff tagelang entfernt, dann sprach die Dorfgemeinde ein Urteil, und die Galgen waren immer in der Nähe.

Heute haben alle Weltstaaten ein ausgefeiltes Justiz-System, das so kompliziert ist, dass selbst die Mitarbeiter ihre Schwierigkeiten damit haben. Denn sonst gäbe es nicht so viele Fehlurteile und falsche Gutachten. Manchmal kommt das schon in den öffentlichen Prozessen heraus. Oder Journalisten suchen und sammeln die unbeachteten Bruchstücke, machen daraus ganz neue, klare Bilder. Trotzdem bleibt Vieles im Schatten. Die Dunkelziffer ist noch viel zu hoch, trotz der Durchleuchtungsmethoden des Internets. Nur ein Beispiel: Den Fall Kachelmann kann Jeder selbst ganz genau nachlesen. Erschütternd an den Details ist nicht nur, dass Fehler gemacht wurden sondern sehr viele und sehr lange. Entschädigungen gab es trotzdem nur wenige. Im Fall Mollath, der auch im Internet gut dokumentiert ist, hat der unschuldige Angeklagte mittlerweile eine hohe, sechsstellige Summe vom Staat erstritten, aber obwohl sein Anwalt noch viel mehr erwartete, ist er müde.

Das sind keine Einzelfälle. Die Ursachen liegen offen da. Wissenslücken. Innerer Zwang. Vorsatz. Und Fehler, wie sie Jeder macht. Überlastung und andere persönliche Gründe. Das aber wird in Zukunft weniger werden. Nicht weil die Menschen besser geworden sind, sondern weil sie eine technische Unterstützung bekommen, die weit über die physikalischen Grenzen der Elektronik hinausgeht und die Folgeschäden gewaltig verringert.

Technik? Da denkt man auch an den ersten, spannenden James-Bond-Film mit Sean Connery. Er spielte auf der Trauminsel Hawaii. Später war das der Arbeitsplatz von Edward Snowdon, der einen einzigen Satz unsterblich machte: „Ich will nicht in einer Welt leben, wo jeder Schritt von mir aufgezeichnet wird.“ Zu seinen täglichen Aufgaben als Administrator gehörte es, dass er sofort eine Meldung bekam, wenn bestimmte Passwörter im Internet geöffnet wurden. Dann schaute er den Aktivitäten zu und meldete das weiter. Aber genau das wollte er am Ende nicht mehr. In Hongkong gab er noch ein langes Film-Interview, das sogar als Kinofilm existiert. Sofort bekam er auch ein Asyl-Angebot vom russischen Präsidenten Putin. Vermutlich die einzige Sicherheit für ihn, auf der ganzen Welt. Er sagte zu, dass er sich grundsätzlich nicht in die Politik einmischt, hatte dann auch weiterhin persönliche Kontakte, um ein Buch über seine Erfahrungen zu schreiben.

Seinen Fall kennt die ganze Welt, ganz genau. Und auch Andere macht das immer nachdenklicher. Aber zur Zeit von James Bond war das viel einfacher. Finstere Bösewichter griffen brutal nach der Weltherrschaft. Im Labor von „Doktor No“ entstanden Weltraumraketen, mit denen man den ganzen Planeten ins Wackeln bringen konnte. Aber James Bond hatte immer die neuesten Wunderwaffen. Fliegende Autos, die auch schwimmen konnten. Ein tragbares Mini-Labor, um verdächtige Substanzen zu untersuchen. Die größte Schwachstelle der Verbrecher waren oft ihre Freundinnen. Sie waren wie hypnotisiert vom Wundermann James B. Dann verrieten sie ihm die Angriffspläne und gemeinsam wurden die versammelten Heerscharen der Finsternis, mit elektrischen Unterwasser-Harpunen oder auf dunklen Langlaufpisten für Ski-Sportler, ins verdiente Jenseits verjagt.

Spätere Serie-Folgen hatten aber das gleiche Muster, und dann wurde es langweilig. Wenn Serienfilme wiederholt werden, weiß man manchmal das Ende schon am Anfang. So weit ist die Realität noch nicht. Da glaubt man immer noch an Zufälle, wenn neue Schlagzeilen auftauchen. Aber das sind nur die austauschbaren Oberflächen-Effekte, von denen auch in München mehrere Tageszeitungen leben. In der Stadtmitte konnte man sie oft in ihren gemütlichen Stammlokalen treffen. Manchmal waren sie verkleidet und trugen Perücken, waren aber trotzdem schnell erkennbar. An ihrer Sprache, der Kleidung, den Themen und dem Gelächter, wenn sie sich für undurchschaubar hielten. Ein netter Kinoregisseur fiel allein dadurch auf, dass er fremde Leute eindringlich musterte und offenbar mehr über sie wusste als der Lokalbesitzer selbst. Seine beste Rolle spielte er, als er sich mehrmals in meine Nähe setzte und dann vor sich hinstarrte, als ob er ein ganz schlechtes Gewissen hätte. Anderen liefen bei solchen Auftritten sogar Tränen aus den Augen. Vielleicht waren die sogar echt, aber sie glaubten, das wäre ihr Geheimnis. Ein paar waren sogar zu einem Gespräch bereit, aber nur über das Wetter. In ihren sonstigen Berichten haben sie jedoch niemals über das Wetter geschrieben, also waren sie unglaubwürdig. Das sind die kleinen Sachen, die manchmal große Freude machen. Widersprüche und sonstige Auffälligkeiten.

Ein Musikdirigent lebt davon auch. Die Zuhörer sehen nur, wie er wild hampelt und strampelt, aber die Musiker schauen nicht nur in die Noten der Partitur. Sie werden laufend kurze Blicke zu ihm hin, und sie verstehen seine Zeichen: Langsam – schnell. Laut oder gedämpft. Änderungen des Tempos, des Rhythmus oder der konkreten Solisten, die einzeln vernehmbar sein sollen. In den Proben vorher wird ein farbiges Gesamtbild entwickelt, und während des Konzerts kann sich das auch noch verändern. Hauptsache, Niemand schläft dabei ein.

Dabei gelang eine unvergessliche Meisterleistung, dem russischen Dirigenten Valery Gergiev, mit den traumhaften, orientalischen Klängen von „Sheherazade“, bei den Salzburger Festspeilen 2005. Er war in einer bemerkenswerten Tages-Verfassung, tief bewegt und innerlich betroffen. Das kann man hier sehen (43 Minuten) :

https://www.youtube.com/watch?v=SQNymNaTr-Y

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