Ulisses

5.12.2020. Odysseus war ein antiker Held, der nach der zehnjährigen, siegreichen militärischen Belagerung und Eroberung der Stadt Troja von den verärgerten Göttern damit bestraft wurde, dass er jahrelang mit einem Schiff durch das Mittelmeer irren musste, viele gefährliche Abenteuer überstand und dann erst zu seiner Familie zurück kam, um seine Ehefrau gegen freche Rivalen zu verteidigen und sie mit Waffengewalt zu besiegen.

Das gleiche Motiv findet man auch in der irischen Übersetzung dieses griechischen Namens. „Ulisses“ ist ein Roman von James Joyce, der an einem einzigen Tag in Dublin spielt. Es passieren dabei nur Alltäglichkeiten, aber im Kopf des Titelhelden öffnet sich ein großes Gedanken-Panorama, voll wechselnder Eindrücke und Erinnerungen.

Dieses Thema liebten auch andere Dichter. Marcel Proust schrieb einen mehrbändigen, langen Roman in der Ich-Form. „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit.“ Es beginnt mit der ausführlichen Schilderung der eigenen Gedanken von Proust, vor dem Einschlafen. Das ist faszinierend gemacht, aber über den ersten Band bin ich nie hinausgekommen, weil er Alltägliches ständig breit auswalzt, immer wieder mit empfindsamer, poetischer Delikatesse, aber wenn man das Strickmuster einmal erkannt hat, dann langweilt es.

Franz Kafka machte das auch so, mit einer langen Irrfahrt, aber bei ihm wechseln ständig die verwirrenden Schauplätze. Im „Prozess“ erfährt ein Herr. K. , dass eine schwere Anklage gegen ihn vorbereitet wird, aber Niemand sagt ihm, warum. Also macht er sich auf den Weg durch ein Labyrinth von Büros, deren Benutzer freundlich mit ihm reden, aber Keiner kann ihm weiterhelfen. Orson Welles hat dieses Buch mit Romy Schneider und Hitchcocks „Psycho“-Mörder Anthony Perkins meisterhaft verfilmt. Man sieht riesige Bürohallen mit kleinen Schreibtischen, an denen gleich gekleidete Menschen pausenlos an klappernden Schreibmaschinen arbeiten, wie am Fließband einer gesichtslosen Autofabrik vor zweihundert Jahren.

Gemeinsam für alle drei Bearbeitungen ist die lange Irrfahrt, einmal durch die griechische Inselwelt, dann durch die irische Hauptstadt Dublin und zuletzt durch namenlose Großstadt-Bürogebäude. Bei Kafka wirkt das bürokratische Monstrum unheimlich, beim antiken Superhelden Odysseus spannend und abenteuerlich. Bei James Joyce öffnet sich, in einer belanglosen Alltagswelt, das ganze, reiche Innenleben.

Damit bekommt das Thema eine große universale, kosmische Dimension. Jedes menschliche Leben ist voller Abenteuer und nicht geplanter Eindrücke. Entscheidend ist, wie man damit umgeht. Hilflos, aber hellwach wie Kafka. Mit List und Körperkraft bei Homers Odysseus. Oder im Verarbeiten der vielen Alltagseindrücke eines einzigen Tags, im irischen Dublin.

Und hier zeigt sich wieder die Weisheit der mittelalterlichen „Tabula Smaragdina“. Man liest auf dieser geheimnisvollen Tafel die tiefsten Erkenntnissen, geschrieben auf einer Platte aus dem Edelstein Smaragd, der auch die Farbe Grün der wachsenden Natur symbolisiert, nur wenige Sätze wie: „Das Große ist wie das Kleine.“ Die Regeln des riesigen Makrokosmos sind so wie die Regeln im winzigen Mikrokosmos. So ist auch der Körper aller Pflanzen und Tiere, aufgebaut nach vergleichbaren biologischen Gesetzen und dem unveränderlichen Prinzip des Blühens, Wachsens und Vergehens. Genauso universal gelten die Zehn Gebote. Das Verbot zu lügen, zu stehlen, zu morden und habgierig das Eigentum eines Fremden zu begehren.

Das findet man sogar im gültigen Urheberrecht, das ganz oben auf dieser Seite, deutlich erklärt wird, mit genau dem gleichen Stichwort. Es verbietet den geistigen Diebstahl und die kostenlose Macht-Ausübung, mit dem g gestohlenen Wissen eines ganz Anderen. Das ist kein harmloses Kavaliersdelikt, passiert aber ständig im Internet, es gibt viele Varianten und Graubereiche. Doch wenn man sie genau anschaut, bemerkt man schnell den Unterschied zwischen freier schöpferischer Leistung und dem hinterlistigen Ausnutzen fremder Erkenntnisse. Zwei Menschen können sich freiwillig darüber einigen, auch über Lizenzgebühren, aber wird ein Diebstahl nachgewiesen, dann folgen hohe Entschädigungs-Zahlungen, und die Verjährungsfristen sind lang. Zu einem alten Freund habe ich einmal, aber nur im Scherz, gesagt: „Du hast auf Deiner Webseite heimlich Ideen von mir verwendet. Das kostet mindestens dreitausend Euro“. Er hat dann geweint, „Das kann ich mir nicht leisten.“ Jetzt war sofort eine Richtigstellung fällig, „Von dir würde ich niemals auch nur einen Cent annehmen.“ Das stimmt auch, aber seine Heimlichtuerei war ein Fehler, ein kleiner Vertrauensschaden. Macht das Jemand sogar beruflich, zum Beispiel ein Berufs-Journalist, dann wird und muss es teuer werden, für ihn.

Das gilt für sämtliche Gesetzesverstöße. Viele Verbrechen bleiben lange im Schatten, zwar unbemerkt, aber die fälligen Strafen stehen in den öffentlich zugänglichen Gesetzbüchern. Manche Streithansl und Prozessfanatiker rufen gern Anwälte, aber das kann auch teure Zeitverschwendung sein. Vor Allem bei hysterischen, ständig aufgeregten Menschen sollte man auf Distanz achten. Denn sie können manchmal auch lügen und betrügen, um für sich selbst finanzielle Vorteile zu erschleichen oder Lügen zu verbreiten, um unverschämte Machtansprüche durchzusetzen, auf Kosten der Mehrheit.

Luke Kelly (1940 – 1984) war ein berühmter irischer Folk-Sänger. Er war Mitbegründer der legendären Gruppe „The Dubliners“, der er bis zu seinem Tod angehörte. Er hatte eine laute, eindringliche Stimme, die aber so viel Empfindsamkeit ausstrahlte, dass man gern selbst den Mund dazu hielt. Äußerlich war er auffällig, mit einem großen, roten Wuschelkopf. Aber ob er in kleinen irischen Kneipen auftrat oder in großen Hallen, wie im Münchner Zirkus Krone, man fühlte sich ihm innerlich ganz nahe. Wikipedia: „Am 30. Juni 1980 brach Luke Kelly während eines Konzerts im Opernhaus von Cork auf der Bühne zusammen. Jetzt wurde ein Hirntumor diagnostiziert. Er vergaß Songtexte und musste bei Konzerten immer wieder Pausen einlegen. Im Herbst 1983 musste er die Tournee in Mannheim abbrechen und wurde nach Dublin zurückgeflogen. Er verbrachte das Weihnachtsfest bei seiner Familie und starb am 30. Januar 1984. “ Am 24.10.20 habe ich hier einen Artikel über ihn geschrieben:

https://luft.mind-panorama.de/luke-kelly-aus-dublin/

Neben den vielen Sauf- und Whisky-Liedern war Luke Kelly privat ein stiller, in sich gekehrter, introvertieter Mann. Eines seiner besten Lieder ist „The town I loved so well.“ Text-Auszug: „Going home in the rain, running up the dark lane, past ther gaol (jail) and down behind the fountain. Those were happy days in so many, many ways, in the town I loved so well. For deep inside was a burning pride, in the town I loved so well.“

„But when I returned how my eyes have burned, to see how a town could be brought to its knees. By the armoured cars and the bombed out bars. With their tanks and their guns. Oh my God what have they done to the town I loved so well. We will not forget, but our hearts are set on tomorrow, and peace, once again. For what’s done is done and what’s won is won. And what’s lost is lost and gone forever. I can only pray for a bright, brand new day in the town I loved so well.“

Der starke Text von Phil Coulter erinnert an den Blutigen Sonntag im nordirischen Londonderry („Derry“). Wikipedia: „Als Blutsonntag, auch Blutiger Sonntag, (englisch:  Bloody Sunday) wird in Nordirland der 30. Januar 1972 bezeichnet. An diesem Tag wurden in der nordirischen Stadt Derry bei einer Demonstration für Bürgerrechte und gegen die Politik der britischen Regierung 13 irische Menschen von Soldaten des britischen Parachute Regiment erschossen und 13 weitere angeschossen. Da die Opfer unbewaffnet waren, führte das Ereignis zur blutigen Eskalation des Nordirlandkonflikts. Erst am 28. Juli 2005 erklärte die nordirische IRA den bewaffneten Kampf für beendet.“

Der Ire Luke Kelly war ein friedlicher Mensch, und so endet auch sein bestes Lied. Eine gute Auswahl der Stücke mit ihm und den Dubliners sieht man hier:

Luke Kelly The Performer DVD – YouTube

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