Unter der Oberfläche

14.1.2021. In der Kindheit ist Alles andere groß, was zu sehen ist. Aber schon im Garten des Elternhauses trifft man die kleinen Blumen, Insekten und hungrigen Flattertiere. Man ahnt dabei nur, dass es unter den Oberflächen noch Steigerungen gibt, in beide Richtungen. Die lernt man erst in der Schule kennen. Viel zu langsam. Bis zum Abitur sind es allein neun Jahre, voller Leerlauf und Unwichtigkeiten. Aber die Kultusminister haben das so vorgeschrieben. Früher gab es für reiche Kinder eigene Privatlehrer, und alle hatten viel Zeit, um Latein und andere tote Themen durchzukauen. Dann ging es schnell weiter, auf Spitzenpositionen. Am königlichen Hof oder beim Militär. Die Ergebnisse waren oft katastrophal. Wenn die Herrscher nicht mehr miteinander reden konnten, wurde scharf geschossen. Und Millionen Untertanen gehorchten solchen Befehlen. 1618 bis 1648 dauerte der Dreißigjährige Krieg und beschädigte ganz Europa. Danach war man immer noch nicht zu Verstand gekommen, aber es war kein Geld mehr da. Die Bauernhöfe waren zerstört, die Städte auch. Es gab noch nicht einmal mehr genug Soldaten, um einfach weiter zu machen. Erst dann trafen sich alle Kriegsparteien im alten Rathaus des westfälischen Münster und unterschrieben dort einen gemeinsamen Friedensvertrag.

Erst danach konnte Alles wieder aufgebaut werden. Das wiederholte sich im Zweiten Weltkrieg, von 1939 bis 1945. Ganz Europa lag in Trümmern. Doch in England landeten amerikanischen Truppen von Übersee. Gemeinsam mit dem russischen Militär aus Moskau erzwangen sie einen dauerhaften Frieden, der militärisch bis heute anhält. Die überlebenden Haupt-Verbrecher wurden dann in Nürnberg aufgehängt. Ihre Asche wurde im Münchner Süden, in die Isar geschüttet, damit es keine Gedenkstätten für sie gab. Der Platz befindet sich direkt an der kleinen Wallfahrtskirche Maria Einsiedel, die von Ausflüglern gern besucht wird und deshalb leicht zu finden ist. Dort warnt ein Schild aber nur Badegäste, dass sich dort gefährliche Wasserstrudel befinden, und früher gab es tatsächlich auch Todesfälle, wenn Jemand solche Warnungen nicht ernst nahm.

Die mittelalterliche Tabula Smaragdina (Tafel aus Smaragd) teilt mit: „Das Kleine ist wie das Große.“ In der Schule lernt man das immer gründlicher. So eng die Grenzen waren, für Abenteuer und äußerliche Sehenswürdigkeiten, die inneren Abläufe sind immer gleich. Die grenzenlosen Tiefen des Internets werden oft für Spielereien verschwendet, oder für die Funktionen der Smartfotos, um den Standort von Fremden auszuspionieren und sie zu belästigen.

Jeder hat das alleinige Exklusiv-Recht zur Verwendung seiner Privatfotos. Kein Anderer. Das ist strafbar und löst finanzielle Entschädigungen aus. Außerdem wird die Tatwaffe, also das Smartphone, amtlich vernichtet.

Wenn man ein Zufallsfoto aus dem Stadtzentrum in eine Suchmaschine eingibt, sucht sie blitzschnell, weltweit nach ähnlichen Bildern. Zum Beispiel auf Facebook, wo die Teilnehmer auch die privatesten Informationen über sich selbst veröffentlichen. Jeder kann damit ihre Namen und Telefonnummern herausfinden, auch Hobbies und Stammlokale. Personalchefs großer Firmen schauen deshalb bei Bewerbungen neuer Mitarbeiter sofort im Internet nach. Absagen müssen gar nicht begründet werden. Jeder Kandidat, der mit glänzenden Unterlagen und teurer Geschäftskleidung auftaucht, begreift dann gar nicht, warum er einfach abgelehnt wird, obwohl er beste Schulzensuren vorzeigen kann. Aber Party-Fotos mit Betrunkenen, die kein Geld und Langeweile haben, gefallen nicht Jedem.

Davon gibt es zahllose Variationen, in allen Bereichen. Vor Allem im Arbeitsangebot der beliebten Medien, die sehr viel mehr Bewerber als Jobs haben. Dort werden auch schon mal Angebote angenommen, die verboten sind. In der Filmstadt München fällt das besonders oft auf. Aber auch in anderen Berufen wird es eng. Zu Zeit hat die Gastronomie überhaupt keine Einnahmen mehr und alle Orte, wo man früher das Grundrecht der „Versammlungsfreiheit“ genießen konnte, nachts bis zum Abwinken. Straßendemonstrationen dagegen gibt es, aber sie sind wirkungslos. Früher riefen die jungen Leute sich im Scherz zu, „Was treibst du denn heute?“ Seit Ende März ist diese beliebte Frage überflüssig.

Langeweile haben vor Allem die Dümmsten und Schlimmsten. Jeder hat die Möglichkeit, wertvolle Informationen zu sammeln und weiter zu vertiefen. Doch das ist schwer für die Mehrheit, die bisher nur ihre Stammlokale kannten. In München war das vor dreißig Jahren ein Erlebnis, für jeden Geschmack. Die „Feier-Banane“ zwischen Maximiliansplatz und Sendlinger Tor war bis zum frühen Morgen überfüllt. Türsteher sortierten am Eingang die Gäste, frei und willkürlich. Zu jeder Jahreszeit tanzte der Bär, und ich war damals auch mittendrin. Nah ein paar Jahren verliert man immer mehr das Interesse daran. Viele Bekannte will man gar nicht mehr sehen, weil sie Zeitverschwendung sind oder hinterlistig.

Immer wertvoller wird das Gedächtnis. Man erinnert sich ja nicht nur an die angenehmen Sommertage, wenn auch die Isarstrände überfüllt waren. Alles wiederholt sich, wenn die Abläufe sich dabei nicht ändern. Das kann sogar gut sein, aber es schadet bei Fehlern und Ungerechtigkeiten. Dafür gibt es zwar auch dicke Bücher mit komplizierten Gesetzen, die aber selbst bei der Justiz nur lückenhaft bekannt sind. Seit Jahrzehnten habe ich darüber lange Gespräche geführt, auch mit Profis, wenn sie in ihrer Freizeit an Biertheken herumstanden und dankbar waren, wenn ihnen Jemand zuhörte. Das kann ein schwerer Fehler sein, wenn es sich um Vertraulichkeiten handelt, weil dann die Kündigung droht oder privater Krach. Ich habe mich niemals dabei eingemischt, sondern einfach zugehört und Antworten gegeben. Das konnte, auch Tage später, sogar Reaktionen auslösen, je nach Charakter. In den meisten Fällen waren das gute Erfahrungen, aber nicht bei Lügnern und Betrügern.

In Zukunft werden nicht mehr einzelne Richter das beurteilen, sondern ganz neue Methoden, die auch ihre eigenen Fehler sofort, öffentlich überprüfen. Wie das geht, wurde hier schon oft erklärt, aber die Wissenslücken belagern Ahnungslose und ihre Mitläufer hartnäckig. Trotzdem wird sich das ändern. Wer grundsätzlich so denkt, braucht sich keine übertriebenen Sorgen um die Zukunft zu machen. Die universalen Gesetze des Kosmos wirken auch dort, wo man sie gar nicht kennt.

Auch das ist eine konkrete Lebenserfahrung. Das Internet war schon seit Jahren in Gefahr, außer Kontrolle zu geraten. Aber jetzt gibt es ein starkes Zeichen berechtigter Hoffnung: Die aktuelle Durchleuchtung des „Wirecard“-Skandals, der sich in den unsichtbaren Dschungeln der Elektronik und Hochfinanz abspielt und jetzt von einem Gericht gründlich durchleuchtet wird. So muss es auch weitergehen.

Hier erlebt man einen Ausblick in das Universum, mit der Musik von Beethoven:

https://www.youtube.com/watch?v=IWkKdrbt1iA

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