Unverständliches Stimmengewirr

30.11.2020. In München konnte man früher alle bayerischen Dialekte hautnah erleben. Für einen Zugereisten war das schwer, man musste die ganze Alltagssprache erst einmal lernen. Aber das ist nur eine Frage der Zeit. Mittlerweile hat sich das stark verändert. Nach den Olympischen Spielen 1972 kamen aus dem Ausland immer mehr Besucher, die bleiben wollten. Die Klatschpresse berichtete sensationell über angebliche Prominente. Zuerst suchte man die vergeblich, weil sie nicht belästigt werden wollten, aber Alles spricht sich herum. Extrem war ein Freund aus der Regensburger Gegend, der ein saftiges Oberpfälzisch sprach, aber sich nur in original oberbayerischer Tracht zeigte, mit Lederhose und Gamsbarthut, wie im Bad Tölzer Alpenvorland. Aus Stuttgart schwäbelten sich andere Leute herbei. Und das große, dreiteilige Frankenreich im Norden war unüberhörbar, auch im Beruf. Aber dann fiel auf: Je internationaler München wurde, desto mehr Hochdeutsch wurde gesprochen, und an den Schulen war es bereits Pflichtsprache. Dann kamen vor dreißig Jahren die Ossis dazu, nach der Befreiung aus den engen Gefängnismauern der DDR. Seitdem hört man viel Sächsisch und vor Allem Thüringisch, weil Weimar und Erfurt nicht weit von Bayern entfernt sind, auch Martin Luthers Wittenberg. In der schönen Gegend war ich im Sommer 2009, ein paar Tage lang. Die Ossis waren genau so wie die Wessis, nur sprachen sie etwas anders. Heute kann man allerdings auch zusammenfassen, dass nicht nur gute Menschen hier aufgetaucht sind. Ein bekannter Dichter aus dem kühlen Norden sagte über seinen fränkischen Wohnort, „Das ist eine schöne Stadt. Wenn nur die Einwohner nicht wären.“ Pauschal ist das nicht richtig. Aber man soll sie auch nicht in den Himmel jubeln. Denn auch dort spricht sich Alles herum.

In gut bezahlten Berufen ist mittlerweile Englisch die Hauptsprache. Die wichtigsten Weltfirmen der Computerbranche hat sich hier ein zweites „Silicon Valley“ geschaffen. Die Internet-Firmen sind in München stark vertreten, sie laufen einem immer wieder über den Weg. Ganz neu war vor dreißig Jahren, dass in einer großen Betriebskantine nicht mehr mit Bargeld gezahlt wurde, sondern nur noch mit elektronischen Scheckkarten. Jeder Besucher bekam solch eine Karte, musste sie an einem Bargeld-Automaten mit echten Scheinen oder Münzen aufladen. Alles, was er danach bezahlte, ging nur noch mit der bargeldlosen Scheckkarte. Sicher war das eigentlich auch, gegen Betrügereien. Bei einer Modernisierung des Systems habe ich selbst die Umstellung im Detail miterlebt und war begeistert über die ganze, sehr einfache, bequeme und genau überprüfbare Abrechnungsmethode. Man fragt sich längst, warum das nicht auch überall so gemacht wird, aber es geschieht durchaus, schon seit Jahren und verstärkt sich immer mehr. Leider auch die neuen Tricksereien und Betrugsversuche, die einem Normalmenschen gar nicht auffallen, aber immer bekannter werden.

Denn in der erwähnten Betriebskantine hatte das, eigentlich sichere und wasserdichte System eine Lücke. Abends fanden öfter private Gemeinschaftsfeiern statt, die ausschließlich, nur in bar abgerechnet wurden. Dabei fanden immer wieder Unterschlagungen statt, und es gab zu viele Mitwisser. Eine einzige Mitarbeiterin hat es nach längerer Zeit gemeldet. Danach kamen die Polizei und die sofortige fristlose Kündigung. Da es sich um eine gut bezahlte Führungskraft handelte, bekam er eine höhere Strafe. Wäre es früher gemeldet worden, hätte man auch nicht einen so hohen Schaden festgestellt. Und viele Mitwisser wussten Bescheid. In solchen, bereits aufgeflogenen Fällen habe ich absichtlich Niemandem geschadet und auch nicht nachgetreten, wurde aber als Zeuge befragt. Das spielte deshalb keine wichtige Rolle, weil die anderen Mitwisser Alles auspackten, um ihr eigene Haut zu retten.

Deshalb habe ich hier schon oft gefordert, dass auch die Kriminalbeamten nicht nur viele Computerdaten sammeln sollen, sondern dass digitale Programme sich sofort um die rasche und präzise Auswertung kümmern müssen. Das heißt, die Verknüpfung von Auffälligkeiten. Geographische Standorte. Gefährdete Branchen mit hohen Umsätzen. Auffällige Manager und Mitarbeiter, die noch wie unangreifbare Kaiser und Könige schalten und walten, auch in undurchsichtigen Graubereichen mit vielen überflüssigen Geheimnissen. Man erkennt sie daran, dass solche Chefs keine begründete Kritik vertragen und dann zu Mobbing und illegalen Einschüchterungsversuchen auffällig neigen. Außerdem an ihrer unzulässigen Bevorzugung von nickenden Ja-Sagern und Schleimern, bei Beurteilungen, Beförderungen und der Verteilung von Belohnungen.

Wenn ein Betriebsklima ruiniert ist, also auch die Motivation der guten Mitarbeiter, hat das immer feststellbare Ursachen, wird aber geheim gehalten. Eine nutzlose Illusion, ein Wunschtraum ist das aber, bei vielen wachsamen Mitarbeitern.

Auch das Betriebsklima lässt sich durch anonymisierte Mitarbeiter-Umfragen laufend ermitteln und in konkrete Zahlenwerte umwandeln, wie Schulnoten. Wenn das ganze Verfahren elektronisch abläuft, auch die Stimmabgabe, hat man einen weiteren, deutlichen Indikator für die zutreffende Bewertung von unfähigen Abteilungsleitern und höheren Führungspositionen. So lange ich berufstätig war, ist das niemals geschehen. Auch die anderen Methoden waren unbekannt, über die hier schon oft zu lesen war.

Das ist aber, gerade deshalb kein Grund für eine lückenlose, verbotene Totalüberwachung von erfahrenen Kritikern. Das rettete damals auch nicht die herunter gewirtschaftete, bankrotte DDR, sondern trieb den ganzen, nutzlosen Staat und vor Allem seine überall bekannte, viel zu neugierige, alles zudeckende Staatssicherheit (Stasi) immer tiefer in einer täuschende, teure Traumwelt hinein, bis Alles so ausgehöhlt und morsch war, dass es von innen her zusammenbrechen musste. Das vergiftete Klima bewirkte die heftigen Massenproteste in der Bevölkerung, die bei den fortdauernden Übergriffen des Staats immer stärker die Geduld verlor.

Zu Silvester endet das Kalenderjahr 2020, aber wir befanden uns bis heute, immer schon im jetzt ablaufenden 21. Jahrhundert, und das war auch, ganz am Anfang ein beliebtes Markenzeichen, weil politische Wunderdinge passierten, die sich manchmal als zerplatzende Seifenblasen auflösten. Bis zum nächsten Jahresbeginn ist aber noch genug Zeit, um über die rechtzeitige Krisenbewältigung und realistische Problemlösungen nachzudenken. Auch die besonders zahlreichen, gern hier lebenden italienischen Gastarbeiter können über ihren eigenen Staat nachdenken, aber es nützt nichts, Alles nur politisch zu beschwatzen und wirkungslos zu zerreden. Wenn man die wichtigsten Wirtschaftsdaten, die öffentlich zugänglich sind, in einem eigenen Analyseprogramm speichert, das dann auch die Fakten vergleicht und bewertet, kommt man bald auf die Ursachen. Kluge Computerprogramme können das ganz schnell.

„Trooping the Colour“, heißt die jährliche große Militärparade in London, zum Geburtstag der Königin. (Zeigt Farbe.“) Die rote Staatsflagge. Hellrote Jacken, schwarze Bärenfell-Mützen, aufwändige Fest-Uniformen, zahllose Soldaten. Alles in persönlicher Anwesenheit der Königin und ihres Ehemanns. Das Zeremoniell ist militärisch streng und genauestens ausgetüftelt. Beim exakten Gleichschritt der anwesenden Einheiten dürfen keine Fehler passieren. Aber die überwältigende Vielfalt der Farben und Formen entfaltet sich umso mehr, als Großveranstaltung. Ein Fest der Phantasie. Der militärische Drill gehört hier dazu, aber er passt auch nur zu diesem festlichen Ereignis. England ist zur Zeit mehr beschäftigt mit den wirtschaftlichen Folgen des Austritts aus der Europäischen Union. Dafür gibt es ernstzunehmende Gründe, aber auch die Risiken kann man in den Griff bekommen, durch gute Vorausplanung.

Hier sieht man „Trooping the Colour“ von 2013:

https://www.youtube.com/watch?v=N33_QBXum2o

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