Verdis Requiem

12.11.2020. Ein Requiem ist eine Totenmusik, aber sie muss nicht traurig machen. Der junge Johannes Brahms schuf mit seinem „Deutschen Requiem“ eine überirdische Hoffnungs-Musik. Brahms war nicht überall beliebt. Friedrich Nietzsche wagte es, sein „Preislied“ auf den Konzertflügel im Haus Wahnfried zu legen, damit man es dort anhören konnte. Hausherr Wagner schmiss ihn sofort raus, denn er verachtet Brahms hämisch als „Erben Beethovens“ , weil er angeblich zu viel von dessen Musik „geerbt“, also selbst verwendet habe. Das ist Unsinn, aber Wagner hatte das Hausrecht. Ein kleiner Mosaikstein für den späteren Hass, mit dem Nietzsche später den „Fall Wagner“ wütend durchkaute, zum Beispiel mit den sprachlichen Verballhornungen des „Zirkus Walküre“ und den auf Pferden reitenden Walküren. Oder das körperlose „Lohengrin“-Vorspiel als kochenden Teekessel lächerlich machte.

Verdi war da ganz anders. Sein Requiem hört sich an wie eine dramatische Kriegserklärung.

Hier kann man es hören, mit Luciano Pavarotti und anderen:

https://www.youtube.com/watch?v=J9HqRohOPuI

Nur selten ist da von Frieden die Rede. Nur im „Ingemisco“ (das Seufzen) wird Verdi (1813 – 1901) sentimental. Er bleibt aber der stürmische Musikdramatiker, der lieber an die Verdammten im Jüngsten Gericht denkt. Und der Hörer denkt an die Spätwerke, die Rachestürme im „Otello“, an den Triumphmarsch aus „Aida“. 22. Mai 1874 wurde die Totenmesse in Mailand uraufgeführt. 1871 bis 1887 hörte man Aida und Otello zum ersten Mal.

Wikipedia-Lexikon: „Italienische Patrioten besuchten Verdis Opern, weil sie dessen Namen kabbalistisch als Abkürzung (Initialwort) von Vittorio Emanuele Re D’Italia (König Viktor Emanuel) deuteten.“ Im Risorgimento („Wieder-Auferstehung“) gelang Giuseppe Garibaldi 1860 mit seinen „Rothemden“ die politische Vereinigung von Nord- und Süditalien, leider ohne die ökonomisch-soziale Perspektive, die bis heute, zu immer noch andauernden, starken Ungerechtigkeiten führt, zwischen den Regionen nördlich und südlich von Neapel.

In dieser Zeit nach der Entstehung von Aida hatte Verdi die besten Ideen. In der großen Liebes-Szene im Otello bedient er sich reichlich bei Wagners „Tristan“. Der wiederum mochte seinen Zeitgenossen gar nicht und wollte ihn auch nie treffen. Cosima notierte, nach einem gemeinsamen Spaziergang mit Richard: „Verdi – und das soll Musik sein!“ Als Wagner 1883 in Venedig starb, notierte Verdi handschriftlich, „Wagner e morto. Triste. Triste. Triste!“ Vor dem Sterbezimmer im Palazzo Vendramin, am Canale Grande, fuhr sogar das herumreisende „Nibelungen-Orchester Angelo Neumann“ auf Gondeln vor und spielte Siegfrieds Trauermarsch, Ein Sonderzug brachte nur den Sarg, die Witwe Cosima und ihre Kinder nach Franken zurück. Unterwegs hielt der Zug nur wenige Male kurz, damit herbei geeilte Musiker auch „Siegfrieds Trauermarsch“ spielten.

Verdi war ein Meister, aber bevorzugte realistische Themen. Wagner dagegen ging viel weiter. Er spiegelte das Innenleben, die Psyche. Den Unterschied kennt nicht Jeder. Dazu helfen die Methoden von Freuds Psychoanalyse, die Deutung der Ur-Bilder, der Archetypen, durch seinen Schüler C. G. Jung, später das Verständnis der surrealistischen Bilder von Salvador Dali. Auf gleichem Niveau arbeitete auch Wieland Wagner, mit ganz eigenen Ideen, die nach seinem frühen Tod am 17.10.1966 allmählich vergessen wurden, aber in vielen Bild- und Tondokumenten sehr lebendig sind.

Die Liebes-Szene aus Verdis Otello singen jetzt Maria Callas und Giuseppe di Stefano. „Gia nella notte densa“ :

https://www.youtube.com/watch?v=td9teQpV1h8

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