Verdrängung der kleinen Signale

14.07.2021. Dass in der Vergangenheit alles schön war, hat mit der Realität nicht viel zu tun, aber mit Verdrängung. Ein Mechanismus, der die Erkenntnisse schützt und ein Überlaufen verhindert. Enttäuschungen und Erfolge. Entweder sind sie nach kurzer Zeit gedämpft oder schlafen im Unterbewusstsein, bis passende Signale sie wecken. Ein Schutzmechanismus. Wenn er nicht funktioniert, stecken andere Ursachen dahinter. Erst wenn man sie findet, läuft die Maschine wieder auf normalen Touren. Aber Arbeitsabläufe  können aus vielen Richtungen gestört werden. Im politischen Bereich leiden ganze Staaten darunter, wenn Ungerechtigkeiten für einseitige Belastungen sorgen. Einzelfälle werden ständig bekanntgemacht. Wenn die ganze Organisation wackelt und taumelt, schauen Viele zu, bleiben aber tatenlos. Ökonomische Räderwerke sind empfindlich. Sie können robust und widerstandsfähig gebaut sein. Aber wenn das Innenleben nicht den notwendigen Gesetzen gehorcht, dann brechen sie auf Dauer zusammen, zunächst ganz langsam und dann immer mehr. Bis zum Punkt, wo Alles neu geplant werden muss. Zeit ist Geld, und die materiellen Kosten gibt es auch nicht umsonst. Vertrauen ist unsichtbar, aber wenn es tatsächlich verschwunden ist, flüchten auch das Betriebsklima, die Motivation und der Leistungsanreiz. Übrig bleiben die Trümmer und Scherben, die schlimmsten Folgen kommen im Umgang miteinander, bei der Lähmung der Arbeitsabläufe, bis der letzte Anwesende die Eingangstür abschließt.

So allgemein und abstrakt das kling, die handfesten Beispiele sind derart viele, dass der Überblick verschwindet, wenn das Auto einfach weiter rollt. Die meisten Organisationen  laufen reibungslos an der Oberfläche, aber hinter den verschlossenen Fenstern herrscht das Durcheinander in den Nebenräumen. Doch gute Köche schleppen keine langen Kochrezepte mit sich herum, sondern wissen auswendig, wie man aus Tausenden von Zutaten die richtigen auswählt. Wenn ein Gericht viel zu teuer ist, kommen die Gäste nicht wieder. Solche  Zauberformeln muss man nicht jahrelang studieren, sondern sie entstehen  bei der Arbeit von selbst. Überall, wo man diese Zufalls-Auswahl von Methoden nicht beachtet, sind die Erfolge  viel kleiner als es möglich wäre. Ein schlechteres Arbeitszeugnis gibt es  manchmal in der Schule, aber später ist es schon  zu viel, wenn  die Folgen außer Kontrolle geraten. Fehler macht Jeder, aber Informationslücken müssen geschlossen werden,  sie wirken lange unsichtbar und unbemerkt, dann  aber umso schwerer.

Naturkatastrophen sind oft nicht voraussehbar. Der Erdboden wird vorrangig genutzt und bearbeitet, durch Landwirtschaft, Gebäude, Freizeitanlagen oder als Landschaftsdenkmal, das nicht verändert werden darf. Aber Vulknausbrüche und Erdbeben kümmern sich nicht um ausgetüftelte Seismographen, die selbst aus großen Entfernungen alle unterirdischen Bewegungen registrieren. Am 18.4.1906 erschütterte ein heftiges Beben Nordkalifornien. Die Wissenschaftler rechnen schon seit vielen Jahren mit einer Wiederholung. Bisher ist nichts passiert, aber die Folge wäre eine schlimmere Katastrophe, weil San Francisco dicht besiedelt ist und die benachbarten Regionen zu den Spitzenverdienern gehören, vor Allem in der Computerbranche, die dort ihre ersten Schritte machte. Was es an Gegenmaßnahmen gibt, wurde aufgebaut, trotzdem hat das Risiko sich nicht verkleinert.

Sogar noch schlimmer ist es, wenn Problemlösungen längst bekannt sind, aber nicht stattfinden. Um Geld zu sparen, Gewohnheiten nicht zu verändern, Orgnnisationen in dem schlechten Zustand zu lassen, den die  Meisten längst  kennen oder nicht bereit sind, tiefer unter der Oberfläche nachzuschauen. Beispiele dafür wurden schon oft genannt, ihre Wiederholung bringt keinen Schritt weiter. Nur der Wechsel der Perspektive, des Maßstabs und der Bewertung.  „Dazu wurde schon Alles gesagt, aber nicht von Jedem.“ (Karl Valentin). „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“ Erich Kästner hat das 1950 in München notiert. Er war ein beliebter Kinderbuch-Autor, hatte aber auch ganz andere Musik im Ohr. Man findet das in jedem Lexikon.  Es sind nur kleine Signale, aber wenn man sie nicht hört, können sie trotzdem etwas bewirken.

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