Wandermaus

22.8.2021. Das erste Bier können Jugendliche  sich nicht erst dann leisten, wenn sie in der Lehrzeit  ihr erstes eigenes Geld verdienen. Das Geld flattert überall herum. Die hart arbeitenden Eltern sind damit sparsam, auch die gleichaltrigen Freunde, aber die offenen Quellen sprudeln überall. In Lokalen kann man sich einladen lassen, einfache Freizeitjobs bringen auch Kleingeld. In einem gut besuchten Biergarten sagte mir vor zehn Jahren ein junger Kellner mit schickem Trachtenanzug und echter Lederhose, er wolle einmal „Medien-Manager“ werden. Sein Pech:  Da gibt es zu viel Massen-Konkurrenz, der Rest bleibt draußen und verdient nur wenig, außer Versprechungen von Leuten, die Arbeitsplätze verteilen und vorher den Couch-Test verlangen. Das ist Bettgymnasik und als Dauerzustand nicht mehr erfreulich. Spätestens im vorbeirauschenden Leben, wenn die Angebote noch weniger werden.

Viele Jahre lang war das Sendlinger Tor ein beliebter Treffpunkt für schlaflose Nachtschwärmer. Nebenan ein lebhafter Ozean von Stimmen, unbekannten Gesichtern,  Musik und Licht. Marianne Rosenbergs Disco-Hit „Lieder der Nacht“ haben damals alle Gäste mitgesungen. Oder draußen selbst Anschluss gefunden. Das konnte sehr schnell ablaufen. Um ein Uhr früh stürmte plötzlich aus der U-Bahn ein blonder Lockenkopf, mit den verärgerten Worten, „Jetzt ist gerade der letzte Zug abgefahren!“ Geärgert hat er sich nicht lange, weil wir dann gemeinsam ein Bier getrunken haben, gleich zwanzig Meter weiter. Und das war keine Ausnahme, sondern der Normalfall. Unbekannte Menschen können spannend sein, doch wenn das nicht stimmt, geht man einfach weiter. Die Zeiten sind deshalb vorbei, weil sich die meisten Gewohnheiten geändert haben. Kommunikation nannte man früher jedes Gespräch oder einen spontanen Informationsaustausch. Die elektronische Kommunikation ist ein weltweites Phänomen, für jede Firma lebensnotwendig, läuft aber ganz anders ab. Nicht schlechter, aber innerhalb von Umgebungen, die  erst seit dreißig Jahren immer schneller entstanden und sich immer mehr verbreiteten.

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Wenn man nach vielen Jahren ein gemütliches Stammlokal nicht mehr betritt, ist etwas passiert. Entweder verscheucht ein neuer Wirt die alten Saufköpfe. Oder das Publikum hat sich zu negativ geändert. Besonders auffällig war das vor zwei Jahren, kurz bevor viele beliebte Wirtshäuser erst einmal ihre Eingangstüren ganz abschlossen. Ich bekam nur deshalb  noch eine gut gemachte Pizza, weil die Tür zwar bereits dicht war, aber  der Wirt sie noch einmal aufschloss. „Das mache ich nur für gute Gäste.“  Viel verdient hat er damit nicht, aber er meinte das Benehmen. Höflichkeit. Anerkennung. Persönliche Gespräche, wenn sein Laden mal nicht überfüllt war. Seitdem habe ich ihn nicht wiedergesehen, aber viele andere Gemeinschaftstreffpunkte haben ganz aufgegeben und für immer dicht gemacht, weil sie  wegen der Versammlungsverbote kaum noch Einnahmen hatten, dafür Kosten, die weiter liefen.

Einige Wirte haben sich sogar noch selbst rausgeschmissen, weil das falsche Publikum sich immer mehr breit machte. Unmögliche Figuren mit schlechten Perücken, die sich an kleinen Nachbartischen drängten und ihre Umwelt belästigten. Setzte sich der Wirt dann noch selbst dazu, wurde seine Monatskasse immer leerer. Selbst wenn ihm seine Arbeit immer schon Freude gemacht hat, vergeht ihm dann das Lachen. Wie schon am Anfang erwähnt: „Das Geld flattert überall herum.“  Aber es bleibt nur dort liegen, wo man es auch gut behandelt. Denn jeder kann seine Gewohnheiten ändern, selbst die herumwandernden Klammeraffen brauchen ihr Revier. Zu viel Unruhe fällt auf und ist keine Reklame, sondern schreckt ab.

Zuverlässigkeit ist unbezahlbar. Eine normale Qualität, die einfach angeboren ist und hinter fremdem  Geld nicht heimlich und gierig herumschielt, sondern offen und vorzeigbar ist. So sind die Menschen, die Fortschritte auslösen. Die anderen bremsen, beschädigen oder zerstören absichtlich das beste Klima. Ein gutes Gegenmittel ist immer die Erkenntnis der unverwechselbaren  Signale. Neugierde und große Anteilnahme sind nur zwei typische Warnzeichen, die Lügen und Geschwätz auslösen. Die Folgen kennt Jeder, aber sie lassen sich vermeiden, wenn man die leisen Klingeln schon früh genug hört. Selbst danach gibt es noch ein großes Angebot: Abschalten der Verbindungen. Weitergabe an alle aufmerksamen Augen und Ohren. Und die Beschränkung auf Köpfe mit einem Minimum von Verstand und Vergleichsmöglichkeiten. Solche Regeln  kann man sich dann sparen, wenn man von selbst darauf kommt. Selbstverständlich ist das leider nicht.

1969 sang Lee Marvin das Lied vom „Wandering Star“, einem wandernden Stern. Fast nur leiser Sprechgesang, aber sehr eindringlich, mit einem hörenwerten Text:

https://www.youtube.com/watch?v=-jYk5u9vKfA

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