Wiener Lieder

5.10.2021. Dezembertage in Wien können sehr dunkel und kalt sein, weil ringsum die osteuropäische Tiefebene kein hohen Berge hat, um gemäßigte Temperaturen zu stauen und zu speichern. Dafür gibt es keine Touristenmassen oder lange Menschenschlangen vor den Kassen der Sehenswürdigkeiten. Im Hochsommer herrscht das andere Extrem. Zum Abkühlen sind alle Orte mit Klimaanlage geeignet. Unvergesslich ein trostloser Schnellimbiss an einer vierspurigen Straßenkreuzung. Eiskalte Getränke und erfrischende Luft, vor großen Panoramafenstern mit Rundumblick. Im Weinort Grinzing gibt es viele freie Plätze. Einmal setzte sich ein älterer Akkordeonspieler an den Nebentisch. Das kann sehr laut werden, aber er spielte angenehm leise. Außerdem Melodien nach Wunsch. Walzer von Strauss und beliebte Operettenklänge von Léhar und Kalman.. Eine Stimmung wie zur Zeit von Sissi und Kaiser Franz Joseph. Um 22.00 Uhr hörte er auf und setzte sich zu uns, noch einmal für zwei Stunden. Einblicke in die Kaiserstadt, die Touristen nicht bekommen. Das waren die besten Treffen in Wien.

Dazu die Weihnachtsmärkte, jeder mit einem eigenen Gesicht. Im Arbeiterviertel am Spittelberg gibt es immer noch kleine Kaschemmen für arme Leute. Dort ist einmal der Sohn von Kaiserin Maria Theresia in hohem Bogen herausgeflogen. Der spätere Kaiser Joseph II. Er hatte sich perfekt, als armer Arbeiter verkleidet, fiel aber wegen seiner vornehmen Sprache auf. Das erregte Verdacht, weil in der ganze Stadt Spione herumliefen, im Auftrag der kaiserlichen Hofburg, und dann war er schon draußen. Bei seiner mächtigen und berühmten Mutter konnte er sich nicht beschweren, weil er sonst noch eine zweite Tracht Prügel bekommen hätte. Aber die Geschichte sprach sich herum. So wie das heute auch normal ist, wenn man ein Smartphone hat und Mails an die „besten Freunde“ schickt, die manchmal nur falsche Hunde sind oder aus dem Schatten heraus beißen, wenn genug Zuschauer dabei sind. Als Party-Spass !

Wien hat noch sehr viele alte Bauten. Wo früher die dicke Stadtmauer war, gibt es heute die Ringsstraße, mit Palästen und Luxusbauten. Oder alte Cafés, wo man bei einer Tasse Kaffee den ganzen Tag sitzenbleiben und Zeitung lesen kann, ohne dass Jemand frech wird. Die Kellner tragen einen vornehmen schwarzen Frack, wie die Wiener Philharmoniker in der Oper. Gibt man ihnen ein gutes Trinkgeld, bekommt man den Titel „Herr Professor“. Und wenn man noch mehr gibt, wird man zum „Hofrat“ befördert, also gleich zum engsten Mitarbeiter des nicht mehr vorhandenen Kaisers.

Am 10.8.21 habe ich dazu einen Artikel geschrieben, „Märchenkaiser vor hundert Jahren“:

https://luft.mind-panorama.de/?s=m%C3%A4rchenkaiser&x=12&y=7

Eines der besten Lieder über Wien hat Ferdinand Raimund (1790 – 1860) geschrieben. „Das Hobellied“ 1952 sang das, unnachahmlich, Marlene Dietrich: „Da streiten sich die Leute herum, um den Wert des Glücks. Da ist der allerärmste Mann dem anderen viel zu reich. Das Schicksal setzt den Hobel an und hobelt Alles gleich“ :

https://www.youtube.com/watch?v=hxN-YqguUR8

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